Valerie Fritsch: Winters Garten

»Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren«

Dieses Buch ist eine kleine Sensation. Es erzählt so wenig und gleichzeitig so viel. Was geschieht, lässt sich in wenigen Sätzen wiedergeben; es wäre wohlgemerkt keine Zusammenfassung, sondern eine vollständige Nacherzählung. Und doch geht es um nichts weniger als um das Ende der Menschheit und darum, was die Liebe ausrichten kann, wenn alles um uns herum aus den Fugen gerät. Das klingt pathetisch, und genau das ist Winters Garten, der zweite Roman der österreichischen Autorin Valerie Fritsch, auch. Aber auf eine Weise, die den Leser staunen lässt.

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Stephan Thome: Fliehkräfte

Stephan Thome - Fliehkräfte (c)

»Die Melancholie der gemeinsamen Ortlosigkeit«

Im August hatte ich das Vergnügen, den Grenzgang im hessischen Biedenkopf, der Heimat von Stephan Thome, mitzuerleben – jenes Volksfest also, das dem Debütroman des Schriftstellers seinen Titel gab. Nun ist Thomes zweites Buch, Fliehkräfte, im Suhrkamp Verlag erschienen und steht wie der Vorgänger auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Am kommenden Montag wird der Sieger bekannt gegeben; vor drei Jahren hat es zum Preis nicht gereicht, diesmal gilt Thome als Favorit. Und es verwundert nicht, perfektioniert Thome doch in Fliehkräfte das, was schon Grenzgang auszeichnete. »Die Dialoge des ersten Buches wurden häufig gelobt«, sagte der Autor, nicht ohne ein Augenzwinkern, kürzlich auf der Shortlist-Lesung im Frankfurter Literaturhaus, »und voilà – im zweiten gibt es noch mehr Dialoge.«

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Stephan Thome: Grenzgang

Stephan Thome - Grenzgang (c)

»Gerade an Grenzgang wusste niemand, wo die Grenze eigentlich verlief«

In ein paar Wochen erscheint Stephan Thomes zweiter Roman Fliehkräfte bei Suhrkamp, und wer weiß, vielleicht reicht es diesmal für den Deutschen Buchpreis – was, wie ich glaube, nicht unwahrscheinlich ist, denn es handelt sich (so viel vorab) schlichtweg um große Literatur. Mit Grenzgang hat es Thome 2009 immerhin auf die Shortlist geschafft, außerdem erhielt er den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt, ganz zu schweigen von dem beachtlichen Erfolg bei Kritik und Leserschaft. Zu Recht, schließlich ist dieser Provinzroman über zwei Menschen, deren Lebensentwürfe sich mit einem Mal als hinfällig erweisen, klug konstruiert und sprachlich ungemein präzise, tiefgründig und auf subtile Weise witzig.

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Franz Kafka: Der Prozeß

Unsere undurchdringliche »Sachwelt«

Kafka vollkommen unvorbereitet zu lesen (weder in der Schule noch während des Studiums ist er mir – abgesehen von der Verwandlung – begegnet) und auch anschließend keine klugen Bücher zum Verständnis hinzuzuziehen, ist womöglich vermessen, eine Durchdringung der Texte nahezu undenkbar, so vieldeutig und dicht gearbeitet sind sie. Dies soll keineswegs bedeuten, dass man die einzelnen Worte, Absätze, Kapitel nicht verstünde: Man liest sie – recht zügig sogar – und findet sich scheinbar mühelos in ihnen zurecht; doch wirklich zu begreifen sind sie in ihrer Ganzheit nur schwerlich. Am Ende bleibt man etwas verloren zurück in dieser undurchsichtigen Welt, die Kafka erschaffen hat, die so sehr der unsrigen gleicht und doch – oder gerade deshalb – zutiefst beunruhigend ist.

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