»Immer ist alles schön«

Vier Bücher, vier brüchige Kindheiten

Ich bin versucht zu sagen, es ist Zufall, dass ich zuletzt gleich mehrere Romane gelesen habe, die von der Kindheit handeln und davon, wie sie in uns nachwirkt. Aber vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht ist es kein Zufall, sondern ganz und gar zwingend. Vielleicht ist die Kindheit ein magischer Ort, der uns in seinem Bann hält und immer wieder zurückholt, mehr als jeder andere Ort; mit ihr hat es schließlich begonnen, aus ihr ist alles Weitere entstanden. Wir erinnern uns und erzählen einander davon, wir suchen uns in den Erzählungen der anderen, spiegeln uns darin oder grenzen uns davon ab. Darum greifen wir fortwährend zu diesen Geschichten: um uns unserer eigenen Geschichte zu vergewissern.

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»Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes.«

Samstagabend, wieder einmal ist der Saal der Alten Feuerwache bis auf den letzten Platz gefüllt. Einmal mehr zeigt sich, wie sehr die Mannheimer Roger Willemsen schätzen: nicht nur, weil er sich als Schirmherr und Programmleiter des Literaturfests lesen.hören um diese Stadt verdient macht, sondern auch und vor allem, weil sie ihn – so darf man annehmen – für seine scharfsinnigen Reportagen und Essays schätzen. Sein neuestes Buch Das Hohe Haus ist soeben im S. Fischer Verlag erschienen: Es ist ein Bericht aus dem Inneren des Deutschen Bundestages – nicht aus den Augen eines Journalisten, sondern aus denen eines leidenschaftlichen Bürgers dieses Landes. Ein Jahr lang, vom 31. Dezember 2012 bis zum 31. Dezember 2013, saß er auf der Tribüne des Berliner Reichstages, hörte zu, beobachtete, arbeitete sich durch 50.000 Seiten Parlamentsprotokoll. »Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes«, so wird Willemsen im Klappentext zitiert.

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»Die Seele einer Geschichte«

Als Manuela Reichart am Sonntagabend in den voll besetzten Saal der Alten Feuerwache Mannheim blickt, fragt sie mit einem Augenzwinkern, aber dennoch ehrlich erstaunt: »Sie wissen schon, dass Alice Munro heute nicht kommt, oder?« Auch diese Veranstaltung ist ausverkauft, gut vierhundertfünfzig Menschen sind anwesend, um sich von der Autorin und Radiomoderatorin Manuela Reichart sowie der Schriftstellerin Judith Hermann durch Leben und Werk der 82-jährigen kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro führen zu lassen. Im Dezember ist ihr Erzählband Liebes Lieben im S. Fischer Verlag erschienen – es ist vermutlich ihr letzter. Der Titel könnte in seiner Doppeldeutigkeit über all ihren Geschichten stehen.

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Clemens Meyer: Im Stein

Clemens Meyer - Im Stein (c)

»Für kein Geld der Welt fickt’s sich besser als für Geld«

Da spricht Ecki, der Hurenverkoster, der in seiner Internet-Radioshow »Eckis Edelkirsch« (in Anlehnung an den nahezu gleichlautenden Likör) mit allerhand Verve seine Entdeckungen in den Freudenhäusern der Stadt kundtut: Ob AV, KB, NS, FF – ganz gleich, welche Vorlieben seine Zuhörer, die »unermüdlichen Rammler und Sammler«, haben, Ecki macht sie ausfindig, testet sie, empfiehlt sie. Und verteidigt dieses Gewerbe, wenn mal wieder von Menschenhandel und Zwangsprostitution die Rede ist. »Fakten, Ecki. Genau darum geht es. Viel zu wenige unserer Mitbürger wissen um die Fakten. Sie schauen in die Nacht und glauben, den Sumpf zu sehen…« Zumindest für die Räumlichkeiten von Arnold Kraushaar, über weite Teile des Romans nur AK genannt, kann Ecki garantieren, dass »alles legal und koscher« zugeht.

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Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger

Yann Martel - Schiffbruch mit Tiger (c)

»Ist nicht das ganze Leben eine Geschichte?«

Zwischen Weihnachten und Neujahr kam der Film Life of Pi ins Kino; Ang Lee, der schon so großartige Filme wie Tiger and Dragon und Brokeback Mountain drehte, führte Regie. Abgesehen von einem Hang zum Kitsch und zu arg künstlichen visuellen Effekten – vor allem dann, wenn es um die schöne und zugleich grausame Unendlichkeit des Ozeans geht – ist dieses bildgewaltige Drama für sich genommen durchaus beeindruckend. Manch ein Leser des gleichnamigen Romans von Yann Martel (2001, Schiffbruch mit Tiger zu Deutsch) mag sich darüber ärgern, dass die Geschichte – wie so häufig bei Literaturverfilmungen – stark verkürzt und mitunter umgeschrieben wurde. Mehr noch war ich allerdings vom Buch selbst enttäuscht, das ich nun, gut sieben Jahre nach der Erstlektüre, erneut zur Hand genommen habe.

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Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer

zsuzsabank

»Es war, als habe man uns in Sirup fallen lassen und dort vergessen«

Ungarn 1956: Der Volksaufstand, der sich gegen die stalinistische Diktatur richtet, wird von den sowjetischen Besatzungskräften niedergeschlagen, Hunderttausende Ungaren fliehen in den Westen. Unter ihnen ist Katalin, Istis und Katas Mutter. Das Dorf, in dem die Familie lebt, liegt nicht weit von der österreichischen Grenze. Eines Nachts nimmt die Mutter den Zug, ohne sich von ihren Kindern und ihrem Mann zu verabschieden, fährt bis kurz vor die Grenze, steigt aus und geht die letzten Kilometer zu Fuß, bis nach Österreich hinein, wo sie in einen Bus gesteckt wird, der sie nach Deutschland bringt. Kata und Isti wissen von dieser Reise nichts, sie erfahren davon erst Monate – oder sind es Jahre? – später von der Großmutter, die Post von der Tochter erhält.

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W. G. Sebald: Austerlitz

W. G. Sebald - Austerlitz (c)

Geschichte eines Geschichtslosen

Jacques Austerlitz, Protagonist des gleichnamigen Romans von W. G. Sebald, ist ein Reisender, ein Beobachtender, ein Suchender, dem der namenlose Ich-Erzähler zum ersten Mal 1967 im Antwerpener Bahnhof begegnet, in einem Wartesaal mit dem ebenso wohlklingenden wie aussagekräftigen Namen Salle des pas perdus. Von da an treffen sie sich immer wieder, meist zufällig, an Orten des Wartens, in Bahnhöfen und Cafés. Nie reden sie über sich, nie über die Zufälligkeit ihrer Treffen, vielmehr referiert Austerlitz in stundenlangen Monologen über »baugeschichtliche Dinge«, über Konstanten in der Geschichte der Architektur, über die Deutung und Bedeutung von architektonischen Formen. Erst dreißig Jahre nach ihrer ersten Begegnung erzählt Austerlitz von sich, von seiner Geschichte: der Geschichte einer Suche nach der eigenen Vergangenheit.

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