Thomas Melle: Die Welt im Rücken

»Er war der Rowdy, dann die Leiche. Und jetzt ist der Bipolare der Entfremdete schlechthin.«

Thomas Melle weiß, wie er den bibliophilen Leser einfängt. Sein viertes Buch Die Welt im Rücken, eine Auseinandersetzung mit seiner manisch-depressiven Erkrankung, beginnt mit den Worten, er müsse von einem Verlust berichten: dem Verlust seiner Bibliothek. Er hat sie in den vergangenen Jahren verscherbelt, verschenkt, weggeworfen. Jeder, der selbst Bücher besitzt, sie nicht nur liest, sondern hortet, archiviert und pflegt, der kann Melles Schmerz nachempfinden. Es sind ja nicht bloß Bücher, Objekte; sie sind der Spiegel eines ganzen Lebens, für manche gar identitätsstiftend. Auf den letzten Seiten des Berichts kehrt Melle zu seiner Bibliothek zurück, erzählt, wie sie allmählich wieder wächst und wie er Hoffnung schöpft, eines Tages erneut ein geordnetes Leben führen zu können: »Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben.«

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Christian Ankowitsch oder Warum Einstein niemals Socken trug

»Nein, es ist nicht egal, was ihr unten drunter anhabt.«

Als ich an diesem Abend zwanzig vor acht den Saal der Alten Feuerwache betrete, ist er bereits ordentlich gefüllt. Die Veranstaltung ist beinahe ausverkauft, halb Mannheim scheint gekommen zu sein, um jenen Mann zu sehen, der vielen als »grandioser Verwalter des unnützen Wissens«, wie Roger Willemsen es in seiner Ankündigung ausdrückt, bekannt ist, einigen aber auch als Moderator des Klagenfurter Bachmann-Wettlesens: Christian Ankowitsch. Gerade ist sein neuestes Buch bei Rowohlt Berlin erschienen, Warum Einstein niemals Socken trug. Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst, nun präsentiert er es zum ersten Mal vor Publikum. Und greift zu Beginn die Worte des Gastgebers auf: Ob es sich hierbei um unnützes Wissen handelt, darüber sollen die Zuschauer am Ende des Abends selbst urteilen.

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Téa Obreht: Die Tigerfrau

Téa Obreht - The Tiger's Wife (c)

»A fairy tale in which I can imagine myself – and will, for years and years«

1985 wurde Téa Obreht geboren – im selben Jahr wie ich. Ihre Heimat Belgrad verließ sie mit sieben Jahren, sie war zwölf, als sie mit ihrer Familie in die USA kam. Mit 25 legte sie ihren Debütroman The Tiger’s Wife vor, der in mehr als dreißig Sprachen erscheint und für den Obreht 2011 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet wurde. Die New York Times wählte sie für ihre renommierte Liste der 20 vielversprechendsten Autoren unter 40 aus, auf der sich unter anderem auch das von mir so geschätzte Schriftstellerpaar Jonathan Safran Foer und Nicole Krauss befindet. Ein beachtlicher Erfolg, der zweifelsohne verdient ist, und auch wenn der Roman meine Erwartungen, endlich etwas vergleichbar Brillantes wie eben Foers Everything Is Illuminated oder Krauss’ The History of Love zu finden, nicht ganz erfüllte, bescherte er mir dennoch ein besonderes Leseerlebnis.

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