Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

»Ich bin unterlebensgroß«

Wenn ich über den amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer rede, dann kann ich das nur in Superlativen. Sein 2002 veröffentlichtes Debüt Alles ist erleuchtet zählt für mich zu den kühnsten, aufwühlendsten und schönsten Büchern überhaupt, Extrem laut und unglaublich nah drei Jahre später ist zumindest nah dran. Nun ist, nach dem Essay Tiere essen (2009) und dem Formexperiment Tree of Codes (2010), Foers dritter Roman erschienen, Hier bin ich. Er ist etwas schwächer als die beiden Vorgänger, aber immer noch um Längen besser als das allermeiste, was ich sonst lese. Klar, manchmal nervt dieser Autor, nerven seine Figuren mit ihrer Klugheit, ihrem Talent, ihrer Chuzpe, ja all ihrer Musterschülerhaftigkeit. Und trotzdem gehen mir auch nach Hier bin ich die Superlative nicht aus.

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Isabel Bogdan: Der Pfau

Bogdan - Der Pfau (c)

»Er sei doch kein Bestatter. Er sei Banker.
Und ich, sagte sie leise, ich bin Köchin.«

Gleich mit den ersten beiden Sätzen wird das charmant-skurrile Szenarium dieser Geschichte umrissen: »Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt.« Unterschiedslos alles attackiert der Pfau – Mülltüten, Spielzeuge, selbst Autos, obwohl sie eindeutig zu groß sind, um als Artgenossen durchzugehen – und sorgt damit auf dem weitläufigen Anwesen von Lord und Lady McIntosh für einige Konfusion, unter der nicht nur die Hausherren zu leiden haben, sondern auch ihre zwei Angestellten, eine Handvoll Banker auf Betriebsausflug sowie eine Gans. Der Pfau, so lautet folgerichtig nicht nur der Titel von Isabel Bogdans Romandebüt, er ziert auch in schillernden Farben den Umschlag und macht es zu einem der schönsten Bücher dieser Saison.

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I. J. Kay: Nördlich der Mondberge

Kay - Nördlich der Mondberge (c)

»Ich versuche, das Gewicht all dessen zu tragen, was ich nicht habe«

Seit kurzem hat Ashley einen Job in einer Doughnut-Fabrik, und während der Zucker in ihre Augen rieselt, fragen ihre neuen Kolleginnen sie aus – ob sie verheiratet sei, ob sie Kinder habe. »Ich wappne mich für das, was noch kommt, und versuche, das Gewicht all dessen zu tragen, was ich nicht habe.« Tatsächlich ist das, was sie hat, nicht viel: eine heruntergekommene Sozialwohnung und manchmal, wenn das Geld reicht, auch Strom; eine Handvoll Besitztümer, die in einen Schuhkarton passen; kaum Freunde, keine Familie. Dafür aber eine beschissene Vergangenheit, viel verlorene Zeit und Wut, jede Menge Wut. Nicht einmal einen Namen hat sie, ihre Kolleginnen, die »Zuckergussbräute«, nennen sie Ashley, weil sie sich »Louise« nicht merken können, und womöglich stimmt auch dieser Name nicht. Im Laufe ihres Lebens nimmt sie viele Identitäten an, heißt Lulu, Catherine, Beverly, Kim.

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»Durst war ja auch nur ein Synonym für Leben«

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Mit Kracht, Fauser, Haas und Knausgård im Urlaub

Kürzlich war ich im Urlaub. Zwar hatte ich kein türkisblaues Meer vor mir und keinen weißen Sandstrand unter mir, keinen Strohhut auf dem Kopf und keinen Cocktail in der Hand, aber da ich all das in meiner Vergangenheit als Inselkind ohnehin im Überfluss hatte, war ich keinesfalls traurig. Stattdessen machte ich es mir im beschaulichen Oberbayern schön, erklomm die Voralpen, radelte am Ufer des Ammersees, winkte Kühen zu, die müde auf der Weide standen, fuhr Kanu und Tretboot, badete in Flüssen und baute Sandburgen mit meinem Neffen, trank Bier und aß Kaiserschmarrn, oben in der Almhütte, und jede Menge Eis noch dazu. Und manchmal, wenn es gerade sonst nichts zu tun und zu gucken gab, las ich.

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Leif Randt: Planet Magnon

Randt - Planet Magnon (c)

»Heute noch werden wir aus dem Halbschlaf erwachen«

So viel sei vorweg gesagt: Aus dem Halbschlaf werden wir, wiewohl es zu Beginn von Leif Randts neuem Roman Planet Magnon verkündet wird, nicht erwachen. Nicht der Ich-Erzähler Marten Eliot und auch nicht der Leser. Wir bleiben bis zum Schluss in einem »Schwebezustand«, ähnlich jenem, den die titelgebende flüssige Substanz Magnon induziert – seltsam apathisch, zwar nicht vollkommen unberührt, aber auch nicht erschüttert vom Geschehen, allenfalls irritiert. Wir versuchen zu rekapitulieren, was da passiert ist, versuchen es rational und emotional zu erfassen, aber wir merken, es geht nicht so recht an uns heran, es geht uns nichts an.

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Alina Bronsky: Scherbenpark

Alina Bronsky - Scherbenpark (c)

»Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat«

Mit diesen Worten beginnt die 17-jährige Sascha Naimann ihre Erzählung. Ihr Viertel, das ist der Scherbenpark, eine heruntergekommene Hochhaussiedlung, die am Rande einer namenlosen Stadt liegt und deren Bewohner – hauptsächlich russische Einwanderer – am Rande der Gesellschaft leben. Sascha selbst stammt aus Moskau, ihren leiblichen Vater kennt sie nicht, ihr Stiefvater sitzt im Gefängnis – nachdem er ihre Mutter und deren Lebensgefährten getötet hat. Während die anderen Jugendlichen im Scherbenpark sich ausschließlich für Alkohol und Sex zu interessieren scheinen, hat Sascha gleich zwei Träume: ihren Stiefvater Vadim zu töten und über ihre Mutter ein Buch zu schreiben. Arbeitstitel: »Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte«.

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