Fatma Aydemir: Ellbogen

»Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir.«

Wütende junge Menschen, die angeödet sind von ihrem vorgefertigten Leben und gewaltsam dagegen aufbegehren: In den letzten Monaten habe ich gleich mehrere Romane über sie gelesen, allesamt Debüts. Stephan Reichs Wenn’s brennt war das, Johannes Ehrmanns Großer Bruder Zorn und Philipp Winklers Hool. Es geht einiges zu Bruch in diesen Geschichten, und Figuren wie Leser kommen am Ende reichlich lädiert aus ihnen heraus. Jetzt legt die taz-Redakteurin Fatma Aydemir mit ihrem Debüt Ellbogen ein weiteres Buch vor, das von Haltlosigkeit, Verzweiflung und rauschhafter Gewalt erzählt, diesmal jedoch aus weiblicher Perspektive.

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David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

Grossman - Kommt ein Pferd (c)

»Ja, das ist mein persönliches Tschernobyl«

Es ist so eine Sache mit den Erwartungen, immer läuft man Gefahr, enttäuscht zu werden. Im jüngsten Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman, Kommt ein Pferd in die Bar (Hanser), finden sich Freunde des gepflegten Humors im Kabarett zusammen und hoffen auf einen kurzweiligen Abend. Und auch ich, die Leserin, habe Erwartungen. Gewiss nicht dieselben wie das Publikum: Grossmans Bücher bereiten keine vergnüglichen Stunden, sie schmerzen, sie rütteln auf, hallen lange nach. Stichwort: Liebe ist ein solches Buch, es war eine meiner intensivsten Lektüren überhaupt. Kaum erscheint etwas Neues von Grossman, komme ich nicht umhin, mich an diese eine Erfahrung zu erinnern, und schraube meine Erwartungen in die Höhe.

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»Kein Mensch ist illegal«

E-Books zur Flüchtlingskrise

Viel passiert derzeit im Bereich des elektronischen Schreibens und Verlegens. Zahlreiche große Verlage haben inzwischen digitale Imprints gegründet oder nutzen, wie S. Fischer im Falle von Hundertvierzehn, Blogs als digitale Verlängerung des eigenen Programms. Gleichzeitig formieren sich seit einigen Jahren etliche eigenständige E-Verlage, die mehr noch als die digitalen Ableger der Printverlage mit Inhalten und Formen experimentieren. Denn so sehr auch die fehlende Körperlichkeit und somit Sinnlichkeit des E-Books beklagt wird, so hat das elektronische Publizieren doch unleugbare Vorteile: die vergleichsweise schnelle und kostengünstige Produktion, die Unabhängigkeit von Formaten, die Möglichkeit, zeitnah auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren.

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Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Sibylle Berg - Der Tag als meine Frau (c)

»Wann ist meinem Unterleib die Sache nur dermaßen entglitten?«

Rasmus ist Theaterregisseur. In der Vergangenheit war er gefragt, gehörte zur intellektuellen Elite, inzwischen ist er in Vergessenheit geraten, Jüngere und Wagemutigere haben ihn verdrängt, und er muss sich nun mit Arbeiten an zweit- und drittklassigen Bühnen abfinden. Chloe definiert sich hauptsächlich darüber, dass sie Rasmus’ Ehefrau ist. Sie selbst hat keinerlei Ambitionen, sieht alles Schaffen ohnehin lediglich als »Zeitvertreib im Warten auf den Tod«, und weil sie keine eigenen Probleme hat, denkt sie, wenn sie nachts wachliegt, über die ihres Mannes nach. Seit zwanzig Jahren sind Rasmus und Chloe ein Paar, sie lieben und achten einander, sind aufeinander – auf den Halt des jeweils anderen – angewiesen. Nur in einer Sache sind sie nicht kompatibel, sind es nie gewesen: Sex.

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Martin Kordić: Wie ich mir das Glück vorstelle

Martin Kordic - Wie ich mir das Glück vorstelle (Hanser)

»Ich erzähle alles so, wie der Zopf von der Oma unterm Kopftuch aussieht«

Gegen die Welt, Das kalte Jahr, Schlafgänger: Der DuMont Verlag steht auch für aufregende deutschsprachige Gegenwartsliteratur wie diese. Der 1983 geborene Martin Kordić ist Lektor ebendort und betreut Autoren wie Jan Brandt, Roman Ehrlich und Dorothee Elmiger. Nun hat Kordić einen eigenen Roman vorgelegt und zeigt, dass er nicht nur das Handwerk des Lektors, sondern auch das des Autors beherrscht (im Übrigen hat er am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim studiert). Sein Debütroman trägt den etwas gefühligen Titel Wie ich mir das Glück vorstelle und ist im Frühjahr dieses Jahres im Hanser Verlag erschienen. Ganz und gar nicht gefühlig ist die Geschichte, die er erzählt, im Gegenteil: Sie ist aufs Äußerste reduziert, sehr klar, nüchtern fast – und trotzdem richtet sie etwas an im Leser.

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Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

Köhler - Wir haben Raketen geangelt (c)

»Ich suche meine Koordinaten«

»Holy shit. Die Worstcase-Turbine in meinem Kopf läuft: […] Was, wenn ich die Startnummer 1 ziehe und als Erste lesen muss? Wer leiht mir seine Elefantenhaut? […] Oder was, wenn ich mich ständig verhasple? Wie überlebt man das? Soll man sich die Jury nackt vorstellen? Überhaupt: Was ziehe ich an? Kann man die Socken auch sehen?« Was ihr kurz vor ihrer Abreise nach Klagenfurt durch den Kopf ging, darüber schrieb Karen Köhler am 1. Juli, zwei Tage vor Beginn des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes, zu dem sie von Hubert Winkels eingeladen worden war. Von einem Migräneanfall war da die Rede, von Lippenherpes, von anderen Dingen, die vor oder während der Lesung passieren könnten. Was als charmantes Gedankenkarussell gedacht war, wurde tags darauf zur Wirklichkeit, das Worst-Worst-Case-Szenario trat ein: Karen Köhler erkrankte an Windpocken und durfte nicht reisen, der Wettbewerb war damit für sie gelaufen.

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»Unglücklich war er selten – glücklich nie«

Dass Thomas Glavinic am Mittwochabend auf der Bühne der Alten Feuerwache sitzt, ist nicht selbstverständlich. Julia Westlake, die unter anderem das Kulturjournal im NDR moderiert und die durch die heutige Veranstaltung führen wird, erklärt, der Autor, der in seinem neuesten Roman Das größere Wunder über körperliche Extremsituationen schreibe, sei selbst in einer solchen, er sei nämlich sehr krank, habe die Lesung am Vortag sogar absagen müssen und sich nun uns zuliebe hierher geschleppt. Mannheim sei gewissermaßen sein Mount Everest. Glavinic sieht tatsächlich etwas angeschlagen aus und nimmt ein Heißgetränk nach dem anderen zu sich, ansonsten aber bestreitet er diesen Abend hellwach und mit viel Charme und Witz. Höflich, aber auch ein wenig verlegen bedankt er sich für den stürmischen Applaus und sagt, jetzt komme er sich vor wie Johannes Heesters.

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