Im Gespräch mit Stephan Reich

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»Ich bin ein Meister darin, Dinge nicht zu tun.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt der Lyriker und Prosaautor Stephan Reich zu Wort, dessen Romandebüt Wenn’s brennt ich kürzlich besprochen habe. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

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Stephan Reich: Wenn’s brennt

Reich - Wenn's brennt (c)

»Ich frage mich, wann die Dinge eigentlich aufgehört haben, so zu sein, wie sie sind«

Ein Sommer, zwei Heranwachsende, die ausbrechen aus der Ödnis, eine Reihe von Eskapaden und am Ende ein gehöriger Knall: Wenn ein Coming-of-Age-Roman diese Zutaten vermengt, erinnert man sich unweigerlich an Tschick, Wolfgang Herrndorfs Bestseller aus dem Jahr 2010, dessen Verfilmung (Regie: Fatih Akin) diesen Herbst in die Kinos kommt. Auch der im Februar erschienene Debütroman von Stephan Reich, Wenn’s brennt, bedient sich einer solchen Konstellation, und wie in Tschick beginnt und endet alles mit einem Crash, der Vergleich drängt sich also auf. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist Wenn’s brennt wütender, derber, radikaler. Mit fortschreitender Lektüre weicht das Lachen immer mehr einem Gefühl der Beklemmung.

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Welttag des Buches: Blogger schenken Lesefreude

Martin Horváth - Mohr im Hemd (c)

Heute ist der Welttag des Buches – ein besonderer Feiertag, den ich auf vielfältige Weise begehen werde: lesend (bzw. Manuskripte prüfend), eine Lesung besuchend (David Wagner stellt im Rahmen der Frankfurter Premieren sein Buch Leben vor), vielleicht ein Buch kaufend (naheliegend wäre ebenjenes Leben). Vor allem aber: ein Buch verschenkend! Ich folge damit dem Aufruf der beiden Bloggerinnen Christina und Dagmar, die die schöne Aktion Blogger schenken Lesefreude ins Leben gerufen haben. Über tausend Blogger nehmen daran teil und verlosen Bücher, die ihnen wichtig sind. Meine Wahl fiel auf Martin Horváths Debütroman Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten, der im vergangenen Herbst in der DVA erschienen ist und – wie ich finde – nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die er verdient.

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Martin Horváth: Mohr im Hemd

 oder Wie ich auszog, die Welt zu retten

Martin Horváth - Mohr im Hemd (c)

»Fünf kleine Negerlein, die blieben gerne hier, doch eines wurde abgeschob’n, da waren’s nur noch vier«

Wie erzählt man von unermesslichem Leid, von Tod, Verlust und Schuld? Es gibt unzählige Bücher, die vom Krieg handeln, und genauso viele Antworten auf diese Frage. Viele inhaltlich wie sprachlich eindrückliche Kriegsromane habe ich bereits gelesen, in erster Linie über den Holocaust, aber auch einige andere, wie zuletzt Téa Obrehts The Tiger’s Wife über die Balkankriege. Der Debütroman des 1967 geborenen Österreichers Martin Horváth ist keine Kriegsgeschichte im eigentlichen Sinne: Er spielt in einem Asylbewerberheim in Wien, thematisiert also keinen Krieg im Speziellen, sondern viele gleichzeitig – und das, was sie im Menschen anrichten. Und wie der Titel schon vermuten lässt, tut er dies mit einer ungewöhnlichen Chuzpe. Mit Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten legt Horváth einen grandiosen Schelmenroman vor, in dem das Schicksal der Flüchtlinge zu einer heiteren Partie Völkerball wird. Die Spieler werden hier nicht abgeschossen, sondern abgeschoben, es scheint einzig eine Frage des Glücks, ob man drinnen bleibt oder rausfliegt aus dem schönen Österreich.

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Gonçalo M. Tavares: Die Versehrten

Goncales Tavares - Die Versehrten (c)

»Schmerz, dachte sie, Schmerz ist ein zentrales Wort in meinem Leben«

So gut schreibe er, sagte der portugiesische Schriftsteller José Saramago bei der Verleihung des nach ihm benannten Literaturpreises an Gonçalo M. Tavares, dass man Lust hätte, ihn zu schlagen. Viele Kritiker ziehen den Vergleich zu Franz Kafkas Prosa – ein Vergleich, auf den ich, da ich nur über eine sehr bruchstückhafte und oberflächliche Kenntnis von Kafkas Werk verfüge, selbst nicht gekommen wäre, den ich aber nach der Lektüre von Tavares’ düsterem Roman Die Versehrten durchaus nachvollziehen kann. Beklemmung ist auch hier das vorherrschende Gefühl, der Schmerz, die Grausamkeit und Willkür des Menschen, sein Ausgeliefertsein die zentralen Themen.

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