Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

»Ich bin unterlebensgroß«

Wenn ich über den amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer rede, dann kann ich das nur in Superlativen. Sein 2002 veröffentlichtes Debüt Alles ist erleuchtet zählt für mich zu den kühnsten, aufwühlendsten und schönsten Büchern überhaupt, Extrem laut und unglaublich nah drei Jahre später ist zumindest nah dran. Nun ist, nach dem Essay Tiere essen (2009) und dem Formexperiment Tree of Codes (2010), Foers dritter Roman erschienen, Hier bin ich. Er ist etwas schwächer als die beiden Vorgänger, aber immer noch um Längen besser als das allermeiste, was ich sonst lese. Klar, manchmal nervt dieser Autor, nerven seine Figuren mit ihrer Klugheit, ihrem Talent, ihrer Chuzpe, ja all ihrer Musterschülerhaftigkeit. Und trotzdem gehen mir auch nach Hier bin ich die Superlative nicht aus.

„Jonathan Safran Foer: Hier bin ich“ weiterlesen

Werbeanzeigen

Thomas Melle: Die Welt im Rücken

»Er war der Rowdy, dann die Leiche. Und jetzt ist der Bipolare der Entfremdete schlechthin.«

Thomas Melle weiß, wie er den bibliophilen Leser einfängt. Sein viertes Buch Die Welt im Rücken, eine Auseinandersetzung mit seiner manisch-depressiven Erkrankung, beginnt mit den Worten, er müsse von einem Verlust berichten: dem Verlust seiner Bibliothek. Er hat sie in den vergangenen Jahren verscherbelt, verschenkt, weggeworfen. Jeder, der selbst Bücher besitzt, sie nicht nur liest, sondern hortet, archiviert und pflegt, der kann Melles Schmerz nachempfinden. Es sind ja nicht bloß Bücher, Objekte; sie sind der Spiegel eines ganzen Lebens, für manche gar identitätsstiftend. Auf den letzten Seiten des Berichts kehrt Melle zu seiner Bibliothek zurück, erzählt, wie sie allmählich wieder wächst und wie er Hoffnung schöpft, eines Tages erneut ein geordnetes Leben führen zu können: »Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben.«

„Thomas Melle: Die Welt im Rücken“ weiterlesen

Ross Thomas, Dominique Manotti & Nathan Larson

»Es ist eine ziemlich widerliche Welt. Ich bin nur der Erzähler, Zuckerschnute.«

In Hamburg gibt es diesen jungen Indie-Verlag, der sich gut gemachter Spannungsliteratur verschrieben hat. Und diesen Verleger, der höchstpersönlich mit seinen Büchern durch die Republik reist. Die Rede ist von Wolfgang Franßen, der zum einen vor gut zwei Jahren den Polar Verlag gründete und zum anderen die Veranstaltungsreihe Talk Noir ins Leben rief (hier mehr dazu). Nach Hamburg, Berlin und Münster feierte das Format kürzlich Premiere in Frankfurt: eine Bar, drei professionelle Leser und drei Bücher, ein aufgeschlossenes Publikum und ein paar Biere – Literaturvermittlung jenseits der Wasserglaslesung. Am Tresen vom Café Luise saßen neben Initiator Franßen der Kritiker Alf Mayer und ich, gemeinsam sprachen wir über drei Krimis, die vom Kreislauf des Geldes, von der Weltwirtschaft, von schmutzigen Geschäften erzählen: Ross Thomas’ Fette Ernte, Dominique Manottis Schwarzes Gold und Nathan Larsons Zero One Dewey.

„Ross Thomas, Dominique Manotti & Nathan Larson“ weiterlesen

Helen Macdonald: H wie Habicht

»Der Habicht war all das, was ich sein wollte«

Schwer zu sagen, was mich an Helen Macdonalds H wie Habicht von Beginn an fasziniert hat. Ich lese für gewöhnlich keine Sachbücher, schon gar nicht über etwas, das mir einigermaßen gleichgültig ist – und Greifvögel sind es. Ich weiß rein gar nichts über sie und verbinde nichts mit ihnen: Warum mich also über vierhundert Seiten mit ihnen befassen? Vielleicht ist es dieselbe unerklärliche Faszination, die auch die Reihe »Naturkunden« aus dem Hause Matthes & Seitz ausübt. Wie gut jedenfalls, dass ich meinem Instinkt schließlich gefolgt bin: H wie Habicht ist ein eindrucksvolles Hybrid aus Naturbetrachtung, Selbsterfahrungsbericht und literaturgeschichtlichem Essay, es zeigt, das jede dieser Gattungen ein literarisches Ereignis sein kann.

„Helen Macdonald: H wie Habicht“ weiterlesen

Acht Betrachtungen II

Gorschlüter & Hückstädt - Acht Betrachtungen (c)

8 Autoren, 8 Kunstwerke

Frankfurt ist reich an erstklassigen Literaturorten und literarischen Happenings, es gibt Tage, da weiß ich vor lauter Auswahl gar nicht, wohin, und bleib stattdessen daheim auf dem Sofa, auch das quasi ein Ort der Literatur. Meistens gehe ich aber doch raus und gucke mir all die schönen Sachen an, die hier passieren: Eine der schönsten ist die Reihe »Acht Betrachtungen«, eine Kooperation des hiesigen Literaturhauses und des Museums für Moderne Kunst, die 2013 Premiere feierte und dieses Jahr in die zweite Runde gegangen ist. Acht Autoren schreiben über je ein Kunstwerk: Die Texte werden bei vier Doppellesungen im Museum und einer Abschlussveranstaltung im Literaturhaus präsentiert, eine liebevoll gestaltete Anthologie gibt’s obendrauf.

„Acht Betrachtungen II“ weiterlesen

Xaver Bayer: Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich

Bayer - Geheimnisvolles Knisterm (c)

»Die Wirklichkeit wird immer unglaubwürdiger, merkwürdiger auf jeden Fall.«

Erst neulich habe ich ein Buch gelesen, das in jeder Hinsicht erstaunlich war: Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen von Martin Lechner, dreiundsechzig Kurz- und Kürzestgeschichten irgendwo zwischen zärtlich, komisch und exzentrisch. Ein paar Wochen später kommt mir erneut ein Werk unter, das sich nicht um Konventionen schert, angefangen bei der Gattung. Xaver Bayers Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich, vor zwei Jahren im Salzburger Jung und Jung Verlag erschienen, ist weder Roman noch Erzählband, es ist genau das, was der Titel ankündigt: ein geheimnisvolles, knisterndes, zauberhaftes Buch.

„Xaver Bayer: Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich“ weiterlesen

Vera Buck: Runa

Vera Buck - Runa (c)

»Es ging nicht mehr allein darum, die Irren zu verwahren.
Es ging um Wissenschaft.«

In der Pariser Nervenheilanstalt Salpêtrière habe ich mich schon einmal aufgehalten, vor drei Jahren war das. Die Autorin Katharina Hartwell hat mich in ihrem berückenden Roman Das fremde Meer dorthin mitgenommen: ein gespenstischer Ort, der ein diffuses Gefühl der Bedrohung aufkommen ließ. Ganz und gar nicht diffus, sondern ziemlich handfest ist dieses Gefühl nun bei der Lektüre von Vera Bucks Debüt Runa, im vergangenen Herbst bei Limes erschienen. Während die Salpêtrière bei Hartwell nur ein Nebenschauplatz war, steht sie hier im Zentrum des Geschehens, über sechshundert Seiten irren wir durch ihre Korridore und ihre grausige Vergangenheit.

„Vera Buck: Runa“ weiterlesen