Eine Liebeserklärung

Abertausende Bücher werden jedes Jahr veröffentlicht. Alle sechs Monate, im Frühjahr und im Herbst, verschicken die Verlage ihre Programmkataloge mit Dutzenden Neuerscheinungen, ich bin fleißig und gehe sie allesamt durch, tagelang, zunächst noch freudig aufgeregt, dann schon bald ermattet. Ich notiere mir den einen oder anderen Titel, aber ehe ich sie kaufe und schließlich auch lese, vergehen Monate, gar Jahre, ich warte auf die richtige Stimmung oder auf die Meinung der anderen, und vieles erledigt sich mit der Zeit von selbst. Nur bei einem Verlag ist das anders: Liebeskind. Kaum sind die Bücher da, landen sie auf meinem Nachttisch, in meiner Hand, in meinem Kopf; um sie führt kein Weg herum.

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Jakob Arjouni: Happy birthday, Türke!

»Ich stieß die Tür auf und ging unter in Lila«

Seit fünfeinhalb Jahren lebe ich in Frankfurt. Mittlerweile bewege ich mich zumeist in so gediegenen Gegenden wie dem Westend und dem Nordend, früher aber, in meinen Anfangszeiten als Frankfurterin, wohnte ich im Gallus. Und zwar so nah am Bahnhof, dass ich immer behauptete, im Bahnhofsviertel zu wohnen. Bis zur Niddastraße, die weiter östlich Teil des Rotlichtbezirks wird, waren es nur ein paar Schritte, auf dem Weg zur Tram kam ich am Drogennotdienst vorbei, und auf dem Bürgersteig lagen die Crackpfeifen. Wenn ich dann Richtung Mainufer abbog, gelangte ich zur Münchener Straße mit all ihren asiatischen und türkischen Läden, aber natürlich auch mit all den neu entstehenden Szenelokalen wie dem Plank, das damals dank eines Fotos von Jürgen Teller auf dem Cover des ZEITmagazins gerade ganz groß wurde.

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Mit Patricia Highsmith und Dennis Lehane in Boston

Wenn Blogger verreisen, besteht ihr Gepäck vornehmlich aus Büchern. Da wird gefühlt ein Buch pro Urlaubstag eingepackt und obendrauf noch ein paar Notfallbücher, falls ein anderes wegen Nichtgefallens abgebrochen werden muss, von den Spontankäufen am Bahnhof oder Flughafen ganz zu schweigen. Bei mir ist das anders. Wenn ich verreise, lese ich kaum. Lesen, sonst eine meiner leichtesten Übungen und bevorzugten Beschäftigungen, gehört nur am Rande zu meinem Konzept von Urlaub. Selbst zu Besuch bei meinen Eltern – üblicherweise die Zeit des Müßiggangs – drängt es mich zu anderweitigen Unternehmungen, Berge besteigen zum Beispiel oder um den See radeln.

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Valerie Fritsch: Winters Garten

»Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren«

Dieses Buch ist eine kleine Sensation. Es erzählt so wenig und gleichzeitig so viel. Was geschieht, lässt sich in wenigen Sätzen wiedergeben; es wäre wohlgemerkt keine Zusammenfassung, sondern eine vollständige Nacherzählung. Und doch geht es um nichts weniger als um das Ende der Menschheit und darum, was die Liebe ausrichten kann, wenn alles um uns herum aus den Fugen gerät. Das klingt pathetisch, und genau das ist Winters Garten, der zweite Roman der österreichischen Autorin Valerie Fritsch, auch. Aber auf eine Weise, die den Leser staunen lässt.

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Fatma Aydemir: Ellbogen

»Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir.«

Wütende junge Menschen, die angeödet sind von ihrem vorgefertigten Leben und gewaltsam dagegen aufbegehren: In den letzten Monaten habe ich gleich mehrere Romane über sie gelesen, allesamt Debüts. Stephan Reichs Wenn’s brennt war das, Johannes Ehrmanns Großer Bruder Zorn und Philipp Winklers Hool. Es geht einiges zu Bruch in diesen Geschichten, und Figuren wie Leser kommen am Ende reichlich lädiert aus ihnen heraus. Jetzt legt die taz-Redakteurin Fatma Aydemir mit ihrem Debüt Ellbogen ein weiteres Buch vor, das von Haltlosigkeit, Verzweiflung und rauschhafter Gewalt erzählt, diesmal jedoch aus weiblicher Perspektive.

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Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

»Ich bin unterlebensgroß«

Wenn ich über den amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer rede, dann kann ich das nur in Superlativen. Sein 2002 veröffentlichtes Debüt Alles ist erleuchtet zählt für mich zu den kühnsten, aufwühlendsten und schönsten Büchern überhaupt, Extrem laut und unglaublich nah drei Jahre später ist zumindest nah dran. Nun ist, nach dem Essay Tiere essen (2009) und dem Formexperiment Tree of Codes (2010), Foers dritter Roman erschienen, Hier bin ich. Er ist etwas schwächer als die beiden Vorgänger, aber immer noch um Längen besser als das allermeiste, was ich sonst lese. Klar, manchmal nervt dieser Autor, nerven seine Figuren mit ihrer Klugheit, ihrem Talent, ihrer Chuzpe, ja all ihrer Musterschülerhaftigkeit. Und trotzdem gehen mir auch nach Hier bin ich die Superlative nicht aus.

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Thomas Melle: Die Welt im Rücken

»Er war der Rowdy, dann die Leiche. Und jetzt ist der Bipolare der Entfremdete schlechthin.«

Thomas Melle weiß, wie er den bibliophilen Leser einfängt. Sein viertes Buch Die Welt im Rücken, eine Auseinandersetzung mit seiner manisch-depressiven Erkrankung, beginnt mit den Worten, er müsse von einem Verlust berichten: dem Verlust seiner Bibliothek. Er hat sie in den vergangenen Jahren verscherbelt, verschenkt, weggeworfen. Jeder, der selbst Bücher besitzt, sie nicht nur liest, sondern hortet, archiviert und pflegt, der kann Melles Schmerz nachempfinden. Es sind ja nicht bloß Bücher, Objekte; sie sind der Spiegel eines ganzen Lebens, für manche gar identitätsstiftend. Auf den letzten Seiten des Berichts kehrt Melle zu seiner Bibliothek zurück, erzählt, wie sie allmählich wieder wächst und wie er Hoffnung schöpft, eines Tages erneut ein geordnetes Leben führen zu können: »Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben.«

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