Saša Stanišić: Fallensteller

»Es ist Zeit vergangen, seit du bei uns warst. Jetzt gibt’s wieder was zu erzählen.«

Zuerst begegneten mir diese Geschichten Ende letzten Jahres, als Saša Stanišić sie gemeinsam mit Tilman Rammstedt in Frankfurt vortrug – ein irre komischer Abend. Aber das stimmt nicht ganz, sie sind mir schon viel früher begegnet, 2014 war das. Damals las ich Stanišić’ Roman Vor dem Fest, und auf einmal waren mir lauter schrullige Dörfler aus der Uckermark ans Herz gewachsen. Jetzt sind sie alle wieder da, bekommen im jüngsten Werk des Autors, dem Erzählband Fallensteller, ein Nachleben. Ich hatte ja keine Ahnung, als ich das Buch aufschlug, und da sitze ich nun inmitten alter Freunde und kann mein Glück kaum fassen.

NVA-Offizier a. D. Herr Schramm lebt immer noch, er hat sich keine Kugel in den Kopf gejagt und kann also granteln wie eh und je. Und aus dem Halbstarken »Lada«, der sich früher noch in der einzigen Kneipe des Dorfes, nämlich Ullis Garage, die Birne zuknallte und ein Auto nach dem anderen im See versenkte, ist inzwischen so etwas wie ein Schriftsteller geworden – das hat er sich von diesem »Jugo-Schriftsteller« abgeguckt, der damals nach Fürstenfelde gekommen war und alles aufgeschrieben hatte. Und auch all die anderen sind noch da und werden Zeuge, wie der titelgebende Fallensteller auftaucht und jede Menge Unruhe stiftet, ein bisschen wie der dämonische Leland Gaunt aus Stephen Kings Needful Things, aber in lustig.

Nun heißt der Band aber nicht Vor dem Fest II, beziehungsweise Nach dem Fest, Fürstenfelde ist nur ein Schauplatz von vielen, und zu den alten Freunden gesellen sich neue. Etwa Mo und sein namenloser Freund, die allerhand Hanebüchenes tun, zum Beispiel die Rheinfloßfahrt einer Gruppe von Menschenrechtsaktivisten crashen und das Gemälde einer syrischen Surrealistin klauen. Oder der Geschäftsreisende Georg Horvath, der in Brasilien vom Weg abkommt und gleich seinen Auftrag, seine ganze Existenz infrage stellt. Stanišić begleitet sie über mehrere Erzählungen, die über den Band verstreut sind und zusammen gelesen werden können, aber eben auch unabhängig voneinander.

Was sie alle gemein haben, ist ihre Absurdität. Gleich zu Beginn des Buches begegnen wir einem Magier, und Saša Stanišić ist genau so einer. Er ist ein Fabulierer, ein Wortakrobat, ein Harlekin, es ist erstaunlich, was er alles aus dem Hut zaubert, wir trauen unseren Augen kaum und können sie doch nicht abwenden. Weil es hinreißend ist, hinreißend komisch. Allein wie er sich andauernd selbst in das Buch hineinschreibt, siehe »Jugo-Schriftsteller«. Stanišić twitterte einmal selbstironisch: »Ich nicke immer, wenn jemand sagt, meine Herkunft prägt den sprachlichen Eigensinn meiner Texte, dabei ist es die Synonyme-Funktion bei Word.« Auch im Fallensteller erlaubt er sich diesen Spaß:

»›Robert Lada Zieschke komponiert in seinem rasanten Milieustück eine Sinfonie der Provinz jenseits der großen Themen und abseits des Mainstreams. Die originelle Musikalität seiner Sprache sucht ihresgleichen in seiner Generation, was sicherlich damit zu tun hat, das Zieschke ein Autor mit Provinzhintergrund ist.‹ Ja, da mussten wir dann mit dem Lesen auch schon aufhören, wir hätten keinen weiteren Genitiv ausgehalten.«

Mit »Wie der Hausmann das Grammophon repariert« verballhornt Stanišić seinen Debütroman, der hier als »Versepos« daherkommt, bestehend aus »lyrischen Versatzstücken von Gebrauchsanweisungen uralter Grammofone und modernster mp3-Player«. Und dann ist da die in die Jahre gekommene Lektorin, die einen Gedichtband über Liebeskummer – je ein Gedicht für jeden Tag der gescheiterten Beziehung – mit »Kriegslyrik« verwechselt und den Titel Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht vorschlägt. Zärtliche Seitenhiebe auf das eigene Werk und den gesamten Literaturbetrieb.

Aber man muss weder in dem einen noch in dem anderen zu Hause sein, um diesen Erzählband zu lieben. Noch eine Kostprobe gefällig? »Mos Gesicht: Nicht mal das eigene ist mir vertrauter. Die dichten Augenbrauen, in denen – geht man nah heran, hört man es – eine Schauspielschule den Nachwuchs ausbildet. Man lauscht beim Vorsprechen mit, und heute Nacht deklamierte ein probender Student: ›Drum welch Land wohl, liebreicher denn dies, könnten betreten wir, dies bittende, wollenumwundne Gezweig Schutzflehender fromm in den Händen?‹« Fallensteller ist ein exzentrisches Buch, inhaltlich wie sprachlich, da hat einer alle Register gezogen. Und dazu kann man ihm nur applaudieren.

Saša Stanišić: Fallensteller. Luchterhand, München 2016, 288 Seiten, 19,99 €. / Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 2016, 288 Seiten, 17,95 €.

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