Lesungen I/2017

Nur noch wenige Wochen, dann hat die Sommerpause ein Ende und die Literaturstätten dieser Stadt öffnen wieder ihre Pforten. Bevor es jedoch so weit ist, werfe ich noch einmal einen Blick zurück auf die Veranstaltungen, die ich in der ersten Hälfte des Jahres besucht habe. Es war allerhand los in den vergangenen Monaten, nicht nur in Frankfurt, sondern auch im Rest der Republik und über die Landesgrenzen hinaus. Ich war überall, in Leipzig und Hildesheim, in Solothurn und Klagenfurt. Am schönsten ist es aber bekanntlich daheim, zum Beweis sollen folgende Impressionen dienen.

Fabian Hischmann

Meine erste Lesung des Jahres führte mich ins geschätzte Hessische Literaturforum im Mousonturm, wo Fabian Hischmann mit seinem zweiten Roman Das Umgehen der Orte (Berlin Verlag) zu Gast war. Mit Moderator Björn Jager sprach er über das Autorendasein und über wiederkehrende Motive seines Schreibens, ein Gespräch, das später, als der offizielle Teil vorüber war, abseits der Bühne fortgeführt wurde. Quasi unter Freunden beisammensitzen und bei Bier oder Wein über Literatur und all die anderen Dinge sinnieren – das sind die wirklich schönen Abende.

Shida Bazyar & Isabelle Lehn

Wie machen das eigentlich diese jungen Autor*innen, so wahnsinnig reflektiert und eloquent zu sein? Als hätten sie nie etwas anderes getan, als auf der Bühne zu sitzen und über ihre Bücher zu sprechen – selbst wenn sie Debütant*innen sind. Isabelle Lehn und Shida Bazyar zum Beispiel, deren Erstlingswerke Binde zwei Vögel zusammen (Eichborn) resp. Nachts ist es leise in Teheran (Kiepenheuer & Witsch) beide im vergangenen Jahr erschienen sind und die nun ebenfalls zu Gast im Literaturforum waren. Man konnte nur staunen über das Gelesene und Gesagte, die Intensität der Geschichten, die fundierte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Sujets. Chapeau!

Hanya Yanagihara

Im März war die amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara zu Besuch im Literaturhaus Frankfurt. Vor ausverkauftem Haus stellte sie im Gespräch mit HR-Redakteur Alf Mentzer ihr Mammutwerk Ein wenig Leben (Hanser Berlin) vor, Max Mayer vom Schauspiel Frankfurt las die deutschen Passagen. Ein wenig Leben war eines der meistdiskutierten Bücher der Saison: Obwohl ich es noch nicht gelesen habe, habe ich das Gefühl, es bereits zu kennen, ich meine zu wissen, warum es mich überwältigen wird, wie es jeden anderen überwältigt hat, im positiven wie im negativen Sinne. Wie wohltuend es da war, Yanagihara zu sehen, die mit ihrer angenehmen, besonnenen Art kein bisschen den Rummel befeuert. Ich vergaß für einen Moment das viele Geraune und dachte: Diese Autorin hat was zu sagen, ihr will ich zuhören.

Olga Grjasnowa

Vor einiger Zeit habe ich Olga Grjasnowas Debüt Der Russe ist einer, der Birken liebt gelesen, ich habe wahnsinnig mit der Protagonistin gerungen, gleichzeitig aber auch eine große erzählerische Kraft darin gesehen. Nun, fünf Jahre später, ist Grjasnowas mittlerweile dritter Roman erschienen, Gott ist nicht schüchtern (Aufbau), im Mai hat sie ihn im Literaturforum vorgestellt. Und die Autorin ist so gar nicht wie ihre Heldin von damals, zwar genauso klug und weltgewandt und kritisch, dabei aber sehr besonnen und zurückgenommen, fast schon zart. Ein angenehmes und spannendes Gespräch war das zwischen ihr und Gastgeber Björn Jager, es ging um Fluchtgeschichten und den Vorwurf der kulturellen Aneignung, um Adorno und darum, wie man nach Auschwitz, wie man heute über Krieg schreiben kann.

Natascha Wodin

»Ich wünsche mir für sie, dass sie mit ihrer Suche und diesem Buch auch ein wenig Seelenfrieden gefunden hat.« Gemeint ist Natascha Wodin, die in Sie kam aus Mariupol (Rowohlt) die Geschichte ihrer Mutter, einer russischen Zwangsarbeiterin, nachzeichnet. Im Mai stellte die Schriftstellerin gemeinsam mit der FAZ-Redakteurin Rose-Maria Gropp das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Werk im Literaturhaus vor, einen schönen Bericht davon gibt es im Blog glasperlenspiel13.

Sven Amtsberg

»Ein Knallerbuch«, sagt Sven Amtsberg über seinen ersten Roman Superbuhei, der in diesem Frühjahr bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist und den er kürzlich im Rahmen der Frankfurter Premieren in der AusstellungsHalle 1a vorstellte. Er las – wie er selbst versprach – nur die schlechtesten Passagen vor, dafür gab’s hinterher die besten Publikumsfragen ever und obendrein eine Liebeserklärung an die niedersächsische Provinzstadt Langenhagen, den Schauplatz des Romans. Zwar wurde nicht ganz so viel getrunken wie angekündigt, dafür aber sehr viel gelacht. Ein Knallerabend!

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