Vom Scheitern

Vor zwei Jahren las ich ALFF, das Debüt des 1988 geborenen Jakob Nolte, und war auf der Stelle Fan. Was für ein kühnes, schrulliges, wahnsinnig komisches und wahnsinnig trauriges Werk! Endlich konnte man ohne jegliche Übertreibung sagen: Da traut sich mal jemand was, so etwas hat man in der jungen deutschsprachigen Literatur lange nicht mehr gelesen. Ich habe meinen Hut vor Jakob Nolte gezogen – und tue es noch immer, obgleich ich an seinem zweiten Roman, Schreckliche Gewalten, gescheitert bin. Jawohl, ich bin gescheitert, nicht der Autor.

Dabei war ich so elektrisiert, als der verzückte David Hugendick das Buch in der Zeit als »klugscheißerisch, kokett, angeberhaft, blutrünstig, morbid, grausam, seltsam romantisch und einiges mehr« anpries. Und ich war es auch dann noch, als ich den ersten Absatz las, der mich vorbereitete auf all die kuriosen Figuren und Mikrogeschichten, den Informationsoverload und die Haken, die der Roman schlägt, ja, auf all den Irrsinn, der da folgen sollte.

Iselin und Edvard Honik wuchsen in einem Haus auf. Sie verlebten eine Jugend und eine Zeit als Erwachsene. Die Verhältnisse, aus denen sie stammten, waren okay. Eines Nachts, als die Sonne gerade 564 Millionen Tonnen Wasserstoff in 560 Millionen Tonnen Helium fusionierte und ein Teil der dadurch freigesetzten Wärme 8 Minuten und 17 Sekunden später als Licht den Mond erreichte, und dieser Mond, der nicht wirklich ein Planet ist und nicht wirklich ein Stern, sondern ein Mond, voll erleuchtet am Himmel stand, erblickte ihn die Mutter von Iselin und Edvard Honik, war erfasst von seiner Sanftmut, verwandelte sich in ein wölfisches Wesen, biss ihrem Gatten den Nacken durch, zerfleischte Teile seines Oberkörpers und schlief wieder ein.

Allein: Ich konnte nicht folgen, wurde mit jeder Seite schläfriger und verlor bald vollends den Faden, vom Staunen war da nicht mehr viel übrig. Hat sich der Autor schon nach einem Buch abgenutzt? So weit wie Stefan Mesch, der auf Facebook schrieb, auf ihn wirke »jung-und-crazy-Literatur« wie die von Nolte oder auch Sascha Macht »seelenlos, läppisch, ermüdend, effekthascherisch«, würde ich nicht gehen. Mich fasziniert die Machart dieser Bücher, und selbst wenn ich ahne, dass sie mich nerven werden, kann ich nicht die Finger davon lassen.

Ich bekenne, ich bin in letzter Zeit des Öfteren gescheitert, mal mit Vergnügen und mal weniger. Gerade neulich erst an Dorothee Elmigers Schlafgänger, einem hochgelobten und hochartifiziellen Roman, den ich nach fünfzig Seiten abbrechen musste. Und ein paar Tage später stand ich plötzlich wieder im Laden und kaufte mir ein weiteres Buch der Autorin, ihr Debüt Einladung an die Waghalsigen – wie so eine Masochistin. Weil Elmiger eine neue Sprache und neue Formen findet und ich daran teilhaben will, weil ich das Gefühl habe, dass hier etwas Großes passiert, auch wenn ich es nicht verstehe.

Und dann all die dicken Wälzer, an denen ich mir in den vergangenen Jahren die Zähne ausgebissen habe, angefangen beim Gewinner des Deutschen Buchpreises 2015, Frank Witzels Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969, über 54 des italienischen Autorenkollektivs Wu Ming bis hin zu Joshua Cohens Solo für Schneidermann. Es ist wohlgemerkt nicht der Umfang selbst, der mich vor Herausforderungen stellt, Nino Haratischwilis Mammut- und Meisterwerk Das achte Leben habe ich verschlungen. Es ist die Sperrigkeit.

Aber ich lasse mich nicht beirren, zuverlässig greife ich einmal pro Saison zu einem Buch, von dem ich weiß, dass ich daran scheitern werde. Es ist wie eine Sucht, so viel Geld und Lebenszeit gehen dafür drauf. Aber wie jede Sucht ist auch diese mit einem Genuss verbunden: Ich mag den Kampf, den das Lesen manchmal bedeutet, die Reibung, die entsteht, das Ringen und Verzweifeln und bisweilen eben Kapitulieren. Jakob Noltes Schreckliche Gewalten ist eine solche Niederlage, und ich bin froh, sie erlitten zu haben, genau wie all die anderen. Denn Niederlagen können ja, vor allem in der Literatur, durchaus mit Gewinnen einhergehen – und sei es die Erkenntnis, dass man selbst nicht so schlau ist wie gedacht.

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten. Matthes & Seitz, Berlin 2017, 340 Seiten, 22,00 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Poesierausch
» novelero
» Zeilensprünge

 

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15 Kommentare zu „Vom Scheitern

  1. Ich musste grade so lachen, ich kann dich gut verstehen. Ich greife regelmäßig zu einem Tausendseiter, obwohl ich genau weiß, dass ich daran scheitern werde, und dann kämpfe ich und verzweifle und lache über mich selbst …

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  2. Gerade lese ich einen 1500 Seiten-Wälzer, vor dem ich mich immer gedrückt habe (Stichwort: Clown ;-)), aber ich kann dich verstehen, habe ich doch auch einige Exemplare im Schrank stehen, vor denen ich richtiggehend Respekt habe (Witzel und der unendliche Spaß sind zu nennen). Mal sehen, wann ich mich da ran traue. Der Urlaub wäre eine günstige Zeit!

    Liebe Grüße
    Marc

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    1. Ach ja, den Unendlichen Spaß habe ich in meiner Liste ganz vergessen, an dem bin ich natürlich auch gescheitert. Wobei ich bei diesem Werk im Gegensatz zu den anderen genannten zumindest der Überzeugung bin, dass ich es irgendwann noch einmal angehen und dann auch schaffen werde!

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    1. Und das Schöne ist ja: Nur weil wir einmal an einem Buch gescheitert sind, heißt das noch lange nicht, dass wir auch beim nächsten Mal scheitern werden, für manche war die Zeit vielleicht einfach noch nicht reif. Siehe meine Antwort an Marc. Auch das ist wohl ein Anzeichen für die Sucht: Man kann nicht loslassen. 🙂

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      1. genau das ist der punkt, liebe caterina, jedes buch hat seine zeit und seine phase… wer könnte nicht vom ’scheitern‘ an büchern berichten, wobei mir der begriff immer etwas schräg aufstößt: die erkenntnis, daß nicht zusammenpasst, was im moment versucht, zusammenzukommen, ist im grunde ja ein zeichen von stärke und sagt nichts aus über die leserin/den leser und das buch. es ist nicht unserer aufgabe, jedes buch, das man anfängt, auch zu ende zu lesen. für manche bücher reicht es, wenn sie das regal zieren…. und dort geduldig warten, bis die Leserin oder der Leser sich soweit entwickelt haben, daß sie reif sind für dieses werk. so es das lesen überhaupt verdient hat und nicht wirklich nur murks ist. denn auch das ist nicht auszuschließen, wenn man scheitert: in wahrheit liegt´s nicht an uns, sondern am buch.

        liebe grüße
        gerd

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      2. Das hast du recht, lieber Gerd, „scheitern“ ist vielleicht nicht immer das richtige Wort – zumindest wenn man es als rein negative Erfahrung begreift. Aber das meinte ich ja auch mit dem Schlusssatz meines Textes: dass diese Niederlage gleichzeitig auch ein Gewinn sein kann. Man ist um eine Erfahrung, eine Erkenntnis reicher. Und man weiß, dass sich das Scheitern zu einer anderen Zeit in ein Bewältigen umwandeln kann.

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  3. Wie groß ist die Quote des Scheiterns? Wie viele Bücher demotivieren mich als Leserin? Ich blättere in mindestens 10 Büchern, um eines davon als Lektüre auszuwählen, vielleicht auch in 20. Dennoch lese ich mindestens jedes fünfte Buch nicht zu Ende. Ich stehe auf John Irving. DIE STRAßE DER WUNDER habe ich ohne „Vorprüfung“ gekauft. „Nur“ 800 Seiten. Bei John Irving kann nichts schief gehen, dachte ich. Doch dann habe ich um jede einzelne Seite gekämpft, bis zur Hälfte. Dass ich es nicht zu Ende las, habe ich auch als Scheitern erlebt. Das nehme ich mehr dem Buch und seinem Autor übel als mir selbst.

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    1. Dieses Auswahlverfahren ist sicher deutlich präziser als meines, das kenne ich auch von Stefan Mesch, der extrem viele Bücher anliest, um eine Vorauswahl zu treffen. Ich lasse mich meistens von Stimmungen einnehmen, manchmal reicht ein Titel, ein Cover, ein Klappentext – dann vielleicht noch eine gute Rezension und schon will ich’s lesen. Tatsächlich reinlesen tue ich äußerst selten. Aber meine Abbruchquote ist trotzdem nicht sonderlich hoch – schlichtweg, weil ich mich sehr schwer damit tue, Bücher abzubrechen. Das ist eine Sache, die ich auf jeden Fall noch ‚lernen‘ will. Die Zeit ist zu knapp, um sich mit schlechten Büchern herumzuärgern.

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