Prosanova | 17

Zwei Literaturfestivals innerhalb von zwei Wochen – und zwei vollkommen unterschiedliche Welten, denen ebenso unterschiedliche Auffassungen von Literatur und deren Vermittlung zugrunde liegen. Erst kürzlich war ich bei den Solothurner Literaturtagen und fand alles sehr schön dort: die Stadt, das Wetter, die eingeladenen Gäste und das, was sie sagten und lasen. Am vergangenen Wochenende fuhr ich nun nach Hildesheim, wo zum fünften Mal das Prosanova Festival für junge Literatur stattfand. Hier ist alles anders, aber – mit Ausnahme der Stadt vielleicht, die ihre netten Ecken gekonnt versteckt – nicht minder schön.

Ausgerichtet wird das Festival von den Herausgebern der Literaturzeitschrift BELLA triste, die sich wiederum aus den Studierenden der Universität Hildesheim rekrutieren. Alle drei Jahre findet es statt, und genauso häufig wechseln die Kuratoren und mit ihnen die Veranstaltungsorte, Fragestellungen und Künstler. Auch deshalb haftet dem Prosanova vermutlich der Charme des Provisorischen an, des Unfertigen; vielleicht liegt es aber auch nur an den verlassenen Industriehallen, die dieses Jahr als Schauplatz dienen, an der Einrichtung aus Selbstgezimmertem, Sperrmüll und Omas Wohnzimmerdeko. Ein in jeglicher Hinsicht eigenwilliges und liebevoll gestaltetes Festival.

Über vier Tage erstreckt sich das Programm, von morgens bis abends, und es bringt ganz verschiedene Künstler, Inhalte und Formen zusammen. Auch in Solothurn ist man um eine Vielfalt an Formaten bemüht, doch die Hildesheimer Kuratoren sind um einiges radikaler. Es gibt auffallend wenige Lesungen, dafür Gespräche und Workshops, mediale Installationen und Performances, live entstehende Texte von Autoren ebenso wie von Computern. Der Literaturbegriff wird hier sehr weit gefasst, und im Vordergrund steht nicht das fertige Buch, sondern der Vorgang des Schreibens. »Material, Prozess und Protokolle« lauten denn auch die zentralen Schlagworte der diesjährigen Ausgabe.

Zu den eindrücklichsten Auftritten zählen die von Olivia Wenzel, einer in zweierlei Hinsicht ganz eigenen Stimme, die zunächst gemeinsam mit dem Schauspieler Martin Schnippa Auszüge aus einem noch unveröffentlichten Manuskript vorträgt und später am Abend als Teil des umwerfend-sperrigen Elektroduos OTiS FOULiE ein Konzert gibt. Oder Shida Bazyar, Mithu M. Sanyal und Laura Vogt, die vom Austausch mit ihren Lesern erzählen und dabei indirekt erstaunlich viel über ihre Arbeit und ihr Selbstverständnis als Autorinnen preisgeben. Oder wiederum Mithu Sanyal, die, basierend auf ihrem 2016 erschienenen Essay, einen flammenden Vortrag darüber hält, wie wir über Vergewaltigung reden.

Der eine oder andere etablierte Name also, aber nicht die ganz großen Stars – klar, es geht ja um junge Literatur. Da wundert es zwar nicht, dass das klassische Lesungspublikum ab fünfzig aufwärts ausbleibt, ein bisschen mehr Durchmischung täte dem Ganzen aber dennoch gut, man hat den Eindruck, es ist fast ausschließlich der Literaturbetrieb anwesend: Nachwuchsautoren, Lektoren, Agenten. Ich selbst bin beruflich hier und fühle mich tatsächlich wie auf Klassenfahrt. Andauernd läuft man Kollegen über den Weg, verquatscht sich und entscheidet sich schließlich gegen eine Veranstaltung und für ein Bier auf der Wiese. Die Macher des Prosanova haben dafür genau die richtige Atmosphäre geschaffen, man möchte den Liegestuhl am liebsten gar nicht mehr verlassen. Müssen wir am Sonntag natürlich trotzdem, aber bis zum Wiedersehen in Klagenfurt ist es ja zum Glück nicht mehr lang.

Auch Autor und Blogger Frank Rudkoffsky, mit dem ich mich am Samstagabend auf der Tanzfläche in lässigen Moves übte, hat über das Festival geschrieben. Und Tausendsassa Stefan Mesch hat jede Menge Links und Fotos gesammelt. Außerdem:

» textmagazin
» Litaffin
» Poesierausch
» resonanzboden
» Hundertvierzehn
» Fixpoetry

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6 Kommentare zu „Prosanova | 17

  1. Dein Bericht beschreibt die Atmosphäre gut, gerade auch für diejenigen, die das Prosanova nicht kennen. So langsam mache ich mir aber Sorgen um meinen Ruf: Du bist nun schon die zweite Bloggerin, die mich öffentlich des Tanzens bezichtigt… 😉 Aber: Schön war’s am Samstag, hat Spaß gemacht!

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