Solothurner Literaturtage

Als Literaturblogger jettet man ja ziemlich viel um die Welt. Gestern Mannheim, heute Leipzig, morgen – wer weiß, vielleicht Turin oder Stockholm. Man flaniert in feiner Robe über rote Teppiche, nippt am Champagner und smalltalkt mit anderen bedeutenden Leuten, und hin und wieder hält man ein Buch in die Kamera und bekommt dafür von irgendjemandem Geld, sehr viel Geld. Ein Hochglanzleben ähnlich wie das der Lifestyle-Bloggerinnen. Am vergangenen Wochenende durfte ich es wieder in vollen Zügen auskosten, und zwar auf Einladung der Solothurner Literaturtage. Die Gastgeber haben dafür gesorgt, dass ich bequem reiste und schön untergebracht war, und deshalb kann ich gar nicht anders, als die Veranstaltung super zu finden. So zumindest stellen es sich womöglich diejenigen vor, die der Ansicht sind, Blogger lassen sich vor den Marketingkarren der Verlage und Institutionen spannen.

Es war die 39. Ausgabe des Festivals und das erste Mal, dass auch Blogger dazugeholt wurden. Wobei man zu unserer Zunft nicht nur genuine Blogger wie die Klappentexterin nebst Mann und mich zählte, sondern auch hybride Kritiker, die sich im Print ebenso wie im Netz bewegen, etwa Sieglinde Geisel von tell, Thomas Anz von literaturkritik.de und Ekkehard Knörer vom Merkur. Erwartungen hatten die Gastgeber vorab nicht formuliert, es ist wohl noch ein Herantasten, ein Versuch, auszuloten, wie Literaturvermittlung heute aussehen kann. Einzig zu einem Treffen mit Schweizer Indie-Verlegern wurde gebeten, wo wir kurz über unsere Arbeit und unser Selbstverständnis reden sollten, ein wirklicher Austausch fand aufgrund des unentschlossenen Formats allerdings kaum statt. Aber es braucht diesen offiziellen Rahmen auch gar nicht, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Frei von Aufgaben und Erwartungen schlenderte ich also drei Tage lang durch die Stadt und schaute mir an, worauf ich Lust hatte. Und das Programm des Festivals hatte einiges zu bieten. Wie das Mannheimer Literaturfest lesen.hören, das ich für einige Zeit als Bloggerin begleitete, zeichnen sich die Solothurner Literaturtage durch ihre Vielfalt aus – an Autoren, Formaten, Themen, Orten, ja, sogar Sprachen. Die klassische Lesung gab es gewiss auch, aber sie wurde flankiert von zahlreichen anderen Veranstaltungen, annähernd hundertfünfzig Programmpunkte dürften es insgesamt gewesen sein. Literatur rund um die Uhr also, wenn man denn mochte. Mir langten zehn Veranstaltungen, schließlich wollte ich auch das schöne Solothurn erkunden und jede Menge Eis gegen die frühsommerliche Hitze essen.

Die indisch-französische Schriftstellerin Shumona Sinha hat gelesen (Staatenlos, Edition Nautilus), die in der DDR geborene Henriette Vásárhelyi (Seit ich fort bin, Dörlemann) und der Bad Boy des deutschsprachigen Journalismus, Tom Kummer (Nina & Tom, Blumenbar). Drei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die jede auf ihre Weise das Publikum für sich einnahmen – lebhaft die eine, ruhig und bedacht die andere, ganz und gar Entertainer der dritte. Am meisten beeindruckte mich jedoch die junge Schweizerin Julia Weber, die im prächtigen Stadttheater ihren Debütroman Immer ist alles schön (Limmat) vorstellte. Das Buch, bislang eine der eindringlichsten Lektüren dieses Jahres, bekam durch das Vorlesen noch mal eine ganz andere Intensität, so fragil und gleichzeitig dicht ist Webers Sprache, so beklemmend und gleichzeitig zärtlich die Geschichte von zwei Kindern, die von ihrer Mutter allein gelassen werden.

Nahezu heiter war dagegen Michael Fehrs Vorstellung seiner märchenhaften und verspielten Erzählungen Glanz und Schatten (Der gesunde Menschenversand), aber nicht minder eindrucksvoll, wenn auch aus einem ganz anderen Grund. Sie fand im Rahmen der Reihe »Literatur im Dunkeln« statt, man saß in vollkommener Schwärze und hörte nichts als die Stimmen der Autoren und Moderatoren. Wenn man nur sein Gehör zur Verfügung hat, entfaltet ein Vortrag wie der von Fehr seine ganze Kraft – wer ihn vor drei Jahren beim Bachmannpreis erlebt hat, weiß, wovon ich rede. Schade nur, dass das Gespräch auf Initiative der Moderatorin in Mundart geführt wurde, ich davon also weitgehend ausgeschlossen war. Überhaupt stolperte ich während des Festivals über die eine oder andere Moderation, nicht immer wurde sie den Gästen und Büchern gerecht.

Felix Schneider fiel indes positiv auf, er leitete eine interessante Podiumsdiskussion zur Frage, ob die Demokratie in der Krise ist. Über die Antwort waren sich die drei Gesprächspartner wohl einig, nicht aber darüber, wie ebendiese Krise gelöst werden könne. In der Wiedereinführung des Losverfahrens, für das der belgische Historiker David van Reybrouck (Gegen Wahlen, Wallstein) plädierte, sah Ruth Dällenbach, Fachfrau für Internationale Zusammenarbeit, keinen Nutzen, sie hob stattdessen die Notwendigkeit hervor, das zivilgesellschaftliche Engagement zu fördern. Theater- und Prosaautor Lukas Bärfuss (zuletzt Hagard, Wallstein) wiederum wiederholte mehrfach, man müsse die Idee des Nationalstaates überwinden, da dieser die Bedürfnisse eines großen Teils der in der Schweiz Lebenden nicht berücksichtige. Erfreulich, dass das Festival mit Veranstaltungen wie dieser auch politische Töne anklingen ließ.

Wegen einer Überschneidung mit der Podiumsdiskussion habe ich Sieglinde Geisels Vortrag über die Vereinbarkeit von Blogs und Kritik leider verpasst. Am sogenannten Zukunftsatelier, in dessen Rahmen sie sprach, wollte ich aber dennoch teilhaben und lauschte deshalb Christiane Frohmanns Impulsreferat über »Flow-Menschen« und deren Fähigkeit, das Analoge und das Digitale zusammenzudenken, statt sie als dichotom zu betrachten. Ebenfalls neu im Fokus der Solothurner Literaturtage waren in diesem Jahr die Übersetzer. Mit Ulrich Blumenbach, der u.a. David Foster Wallace und Joshua Cohen ins Deutsche überträgt, erlebte ich einen der bekanntesten Vertreter seiner Zunft auf der Bühne; von den Tücken und Freuden seiner Arbeit erzählte er auf derart launige Weise, dass man sich wünschte, Übersetzer stünden mehr im Rampenlicht.

Am Abend ging es musikalisch her. Unter freiem Himmel lasen Nachwuchsautoren und Spoken-Word-Künstler, begleitet von einem Saxophonisten, ihre »kurzen und entschlossenen« Texte, so versprach es der Titel des Formats: eine erfrischende Mischung aus humoriger Prosa und zarter Lyrik. Mein Highlight war jedoch, neben der Lesung von Julia Weber, der italienische cantautore Simone Cristicchi, der in Solothurn seinen jüngsten Roman vorstellte und schließlich ein intimes Konzert gab. Cristicchi ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, sei es in Form von Anekdoten oder von Liedern, voller Witz und Wärme. Ich fühlte mich in meine Zeit in Italien zurückversetzt, und tatsächlich verströmt diese Stadt ein wenig südländischen Flair. Zum aperitivo füllen sich die Gassen, bis nachts sind die Menschen draußen, trinken Wein oder Bier, lauschen erst der Literatur und dann dem Fluss.

»So lebt und atmet diese schöne, schöne Stadt zu den Literaturtagen überall Kultur«: Auch Frau und Herr Klappentexterin haben über Solothurn geschrieben, nämlich hier und hier.

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2 Kommentare zu „Solothurner Literaturtage

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