Mit Patricia Highsmith und Dennis Lehane in Boston

Wenn Blogger verreisen, besteht ihr Gepäck vornehmlich aus Büchern. Da wird gefühlt ein Buch pro Urlaubstag eingepackt und obendrauf noch ein paar Notfallbücher, falls ein anderes wegen Nichtgefallens abgebrochen werden muss, von den Spontankäufen am Bahnhof oder Flughafen ganz zu schweigen. Bei mir ist das anders. Wenn ich verreise, lese ich kaum. Lesen, sonst eine meiner leichtesten Übungen und bevorzugten Beschäftigungen, gehört nur am Rande zu meinem Konzept von Urlaub. Selbst zu Besuch bei meinen Eltern – üblicherweise die Zeit des Müßiggangs – drängt es mich zu anderweitigen Unternehmungen, Berge besteigen zum Beispiel oder um den See radeln.

Neulich war ich für zehn Tage in und um Boston. Es war meine erste USA-Reise überhaupt, und wenn ich schon an einem vertrauten Ort wie dem Elternhaus kaum zum Lesen komme, dann brauche ich mir bei einer Premiere wie dieser erst recht keine Illusionen zu machen. Von fünf Büchern, die es in die Vorauswahl schafften, landeten lediglich drei im Koffer, gelesen wurden anderthalb. Ein lausiger Schnitt. Aber ein fantastischer Urlaub! Wir liefen den Freedom Trail auf und ab, mehrfach sogar, und stolzierten durch Harvard, wir fuhren an die Küste und guckten Wale an, wir aßen Burger und Cheesecake und tranken literweise Cola, wir hatten alle Hände voll zu tun.

Aber wie gesagt: Ein bisschen gelesen habe ich auch. Nicht irgendwas natürlich, sondern zwei Amerikaner, um mein Reiseziel auch literarisch zu erkunden und mich sprachlich einzugrooven. Das war zum einen The Talented Mr. Ripley von Patricia Highsmith aus dem Jahr 1955, ein Gesellschaftsroman im Gewand eines Krimis, dem vier weitere Bände folgten und der heute als moderner Klassiker gilt. Und zum anderen Live by Night von Dennis Lehane, dessen Romane zwar als Vorlage für etliche äußerst erfolgreiche Filme dienten, der sich als Schriftsteller hierzulande aber erst mit diesem 2012 erschienenen Gangsterepos einen Namen machte.

»The night. It’s got its own set of rules.«

Highsmiths Krimi ist wie sein Held, er kommt harmlos daher, nur dann und wann – wohldosiert – blitzt das Böse auf. Obwohl der titelgebende Tom Ripley ein recht gewöhnlicher Bursche ist, fühlt er sich zu Größerem berufen als der farblosen Existenz, die er in New York führt. Zu einem Leben wie dem von Dickie Greenleaf etwa, einem früheren Studienkollegen, der sich als Künstler in Süditalien niedergelassen hat und dauernd von schönen Menschen umgeben ist. Zum Glück hat Tom mehr Talente als Eigenschaften und weiß, wie er bekommt, was ihm zusteht, also reist er kurzerhand nach Italien und verwickelt sich und den Leser in ein vergnügliches Katz-und-Maus-Spiel.

Düsterer geht es bei Lehane zu. Angesiedelt in seiner Geburtsstadt Boston sowie in der feuchten Hitze Floridas zu Zeiten der Prohibition, erzählt der Roman den Aufstieg des Polizistensohns Joe Coughlin zum Untergrundboss, der von den Sünden der vermeintlich ehrbaren Bürger profitiert. »The night. It’s got its own set of rules«, sagt Joe einmal – und die sind wenigstens nicht so heuchlerisch wie die Gesetze des Tages. Vom schmalen Grat zwischen Gut und Böse handelt Live by Night, von Vater-Sohn-Beziehungen, vom Glauben und von der Liebe. Es ist eine brutale und gleichzeitig sinnliche Geschichte, so rasant und lässig erzählt, dass ich vom Heimflug nahezu nichts mitbekommen habe.

Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Diogenes, Zürich 2002, 432 Seiten, 14,00 €. / Dennis Lehane: In der Nacht. Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. Diogenes, Zürich 2013, 592 Seiten, 10,00 €.

Was andere über The Talented Mr. Ripley sagen:

» Bonaventura
» Sätze & Schätze

Was andere über Live by Night sagen:

» Zeilenkino
» Bücherwurmloch

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4 Kommentare zu „Mit Patricia Highsmith und Dennis Lehane in Boston

  1. Hallo Caterina,

    Live by night hatte ich vor kurzem auch gelesen und fand es sehr angenehm für einen Gangsterthriller. Nicht allzu blutig und spannend erzählt, einzig Joe Coughlin kam mir zu weich vor und als eigentlich nicht überlebensfähig, dann aber clever genug, um alle anderen auszutricksen.
    Ja, das Lesen im Urlaub-eine Sache für sich. Da geht es mir ähnlich wie dir. Ich bin gespannt, ob es dieses Jahr bei mir beim Strand- und Bauernhofurlaub anders wird.
    Schöne Bilder übrigens.

    Liebe Grüße
    Marc

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    1. Hätte ich eine längere Besprechung geschrieben, hätte ich das wohl auch angemerkt: Trotz all der Verbrechen, die Joe begangen hat, hatte ich nie einen Zweifel daran, dass er eigentlich zu den Guten gehört, hier fehlte mir ein wenig die Ambivalenz. Ein Lesevergnügen war es aber dennoch, ein feiner, gut gemachter Thriller.

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  2. Tom Ripley würde ich jetzt gerne in Mongibello lesen, die Füße im (wahrscheinlich noch nicht) warmen Sand, bei einem Drink.
    Wenn ich mich recht erinnere, hat Tom eine Tante in Boston, Aunt Dotty oder so ähnlich.
    Schöne Grüße von der Schwäbischen Alb
    Moritz

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