Valerie Fritsch: Winters Garten

»Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren«

Dieses Buch ist eine kleine Sensation. Es erzählt so wenig und gleichzeitig so viel. Was geschieht, lässt sich in wenigen Sätzen wiedergeben; es wäre wohlgemerkt keine Zusammenfassung, sondern eine vollständige Nacherzählung. Und doch geht es um nichts weniger als um das Ende der Menschheit und darum, was die Liebe ausrichten kann, wenn alles um uns herum aus den Fugen gerät. Das klingt pathetisch, und genau das ist Winters Garten, der zweite Roman der österreichischen Autorin Valerie Fritsch, auch. Aber auf eine Weise, die den Leser staunen lässt.

Anton Winter, der Held dieser Geschichte, hat seine Kindheit in einem Idyll verlebt, im titelgebenden Garten, einer Art Kommune fernab der Stadt. Zu dem Zeitpunkt, da sich der Untergang der Welt ankündigt, ist Anton längst erwachsen und hat den Garten hinter sich gelassen, er lebt wie die meisten Menschen in der namenlosen Stadt am Meer, wo er auf dem Dach eines Hochhauses Vögel züchtet. Während die anderen Bewohner einander Gewalt antun oder von einer merkwürdigen Ohnmacht befallen sind und alles zum Erliegen kommt, verliebt sich Anton zum ersten Mal.

Frederike ist dürr wie er, dürr wie alle in diesen Zeiten, die Lippen »leicht geöffnet, als habe sie gerade noch geschrien«. Zusammen mit Antons Bruder, den er für viele Jahre aus den Augen verloren und nun unverhofft wiedergefunden hat, dessen Frau und Neugeborenem fliehen sie aus der Stadt, zurück in den Garten der Kindheit, und setzen dem nahenden Ende ihre Liebe entgegen. »Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren«, sagt Frederike. »Mit der Liebe bekommt man sein Schicksal zurück. Wir haben wieder ein Ich und ein Du, du und ich.«

»Während draußen die Welt in tausend Stücke fiel, schliefen die Menschen miteinander, weil sie nichts anderes anzufangen wussten mit ihren heilgebliebenen Körpern, als sie zusammenzukleben zwischen all den Scherben. Lust und Liebe erwuchsen aus der Todesangst. Jede Berührung reichte bis tief unter die Haut. Jede raue Fingerkuppe schien unübersehbare Abdrücke und winzige Wunden zu hinterlassen. Jeder Leib war in Haut gewickelt wie in Geschenkpapier. Wenn das Radio Klaviermusik sendete, war das für Millionen Paare der Anlass zu rührseligem Sex, so überladen, dass man sich hinterher beinahe dafür schämte. Es gab keine Zufriedenheit, keine Befriedigung, aber verhaltene Erleichterung, Man konnte die Hände nicht lassen vom atmenden Brustkorb des anderen. Man horchte am Herzen. Man hing am bloßen Leben des anderen.«

Diese Geschichte kommt beinahe gänzlich ohne Handlung und ohne Dialoge aus, ja selbst ohne Introspektion, sie lebt wie kaum eine andere von Beschreibungen. Davon, wie es früher war, wie es jetzt ist und wie es nie wieder sein wird. Dabei wird Fritsch erstaunlicherweise nie konkret, Ort und Zeit bleiben unscharf, es gibt nur den Garten und die Stadt, es gibt Straßen und Ruinen und Leichname, es gibt Schnee, der auf alles fällt. Selbst über die Ursachen der Apokalypse und darüber, welche Gestalt sie annimmt, lässt die Autorin uns im Unklaren. Wie ein Märchen liest sich der Roman, ein Schauermärchen.

Das erste Kapitel etwa beschwört den Zauber der Kindheit herauf: Vom Heranwachsen an diesem unwirklichen Ort, dem Garten, vom Sommerglück und vom Erröten der Äpfel, vom allmählichen Altern und Verschwinden der Großeltern, davon erzählt Valerie Fritsch in einer bildreichen, eindringlichen Sprache. Eine Sprache wie ein Barockbauwerk, üppig, fast schon verschwenderisch, bisweilen gar überspannt. Man muss langsam lesen, die Sätze wirken lassen, damit sich die berückende Schönheit entfalten kann. Dann ist Winters Garten ein ästhetisches Ereignis.

»Überall auf der Welt verband die Männer und Frauen der Wahnsinn des Niedergangs und die Wiener-Walzer-Sentimentalität, die aufkam beim Zapfenstreich dieser Nächte, aber nirgendwo schien beides so sehr zu wirken wie in diesem Garten.«

Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp, Berlin 2015, 154 Seiten, 16,95 €.

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6 Kommentare zu „Valerie Fritsch: Winters Garten

    1. Freut mich, dass ich dich auf den Roman aufmerksam machen konnte. Er ist wirklich etwas Besonderes, ein Kleinod. Aber ich verstehe auch, wenn ihn jemand genervt zur Seite legt, die Sprache dürfte nicht jedermanns Sache sein.

      Gefällt 1 Person

  1. Liebe Caterina,

    ich liebe Bücher, die Aufmerksamkeit bedürfen und die erfordern, dass man jeden einzelnen Satz sehen muss. Das kann anstrengend sein aber auch so unendlich bereichernd. Die von Dir ausgewählte Textpassage traf mich jedenfalls mitten ins Herz. Deine übrige – wie immer wunderbar einfühlsame – Besprechung tat ihr übriges. „Winters Garten“ kommt auf meine Wunschliste und wird gelesen, wenn mir wieder nach etwas Langsamkeit ist.

    LG
    Stefan

    Gefällt 1 Person

  2. Ich füge noch meine Eindrücke hinzu, für mich wars, das habe ich schon geschrieben, eine Enttäuschung, aber wahrscheinlich habe ich mir zu viel erwartet, da ich schon anderes von Valerie Fritsch gelesen habe, das hier war für mich ein wenig kitschig übertrieben und nicht nicht so einzigartig sprachlich mrächenhaft wie ich anderswo gelesen habe
    xhttps://literaturgefluester.wordpress.com/2015/09/20/winters-garten/
    liebe Grüße aus Wien

    Gefällt 1 Person

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