Fatma Aydemir: Ellbogen

»Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir.«

Wütende junge Menschen, die angeödet sind von ihrem vorgefertigten Leben und gewaltsam dagegen aufbegehren: In den letzten Monaten habe ich gleich mehrere Romane über sie gelesen, allesamt Debüts. Stephan Reichs Wenn’s brennt war das, Johannes Ehrmanns Großer Bruder Zorn und Philipp Winklers Hool. Es geht einiges zu Bruch in diesen Geschichten, und Figuren wie Leser kommen am Ende reichlich lädiert aus ihnen heraus. Jetzt legt die taz-Redakteurin Fatma Aydemir mit ihrem Debüt Ellbogen ein weiteres Buch vor, das von Haltlosigkeit, Verzweiflung und rauschhafter Gewalt erzählt, diesmal jedoch aus weiblicher Perspektive.

Die Heldin von Ellbogen ist Hazal. Hazal ist Deutschtürkin, ihr achtzehnter Geburtstag steht bevor, und so ziemlich nichts in ihrem Leben ist okay. »Ich scheiß auf deine Menschenrechte. Jetzt steh auf und hol mir einen Çay«, sagt die Mutter, als Hazal darauf hinweist, dass sie bald volljährig ist und machen kann, was sie will. Jetzt ist sie noch siebzehn und sitzt fest in der elterlichen Wohnung in Berlin-Wedding, sitzt fest in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme und in der Bäckerei des Onkels, weil sie keinen Ausbildungsplatz findet, sitzt fest zwischen all denen, die zu wissen glauben, wer sie ist und was ihr zusteht, die Mutter, der Vater, der Ladendetektiv, der sofort was von Abschiebung faselt, die Türsteher, die ihr zu verstehen geben, dass sie nicht dazugehört. Daran ändert freilich auch ihr Geburtstag nichts, Hazal und ihre Freundinnen werden einmal mehr ausgebremst.

Dabei wissen wir es, wir gehen nach Hause. Wo sollen wir denn sonst hin? Wir gehen immer nach Hause. […] In unsere kleinen Schachteln mit den niedrigen Decken, in denen unsere Familien leben, wo die Teppichfarbe zur Couch passt und wo es von jedem Teller zwölf Stück gibt, zwölf tiefe, zwölf flache und zwölf kleine. Wo man die Schuhe ausziehen muss und flauschige Pantoffeln trägt, weil das Laminat kalt ist und man ja später keine Kinder bekommt, wenn die Füße frieren. Und wir müssen doch Kinder bekommen, irgendwann, was sollen wir denn sonst tun?

Und dann, in der Mitte des Buches, kommt der Moment, in dem sich all die Wut, die Hazal in sich trägt, entlädt, intensive, fast schmerzhafte Seiten, schließlich ein Cut, und auf einmal finden wir uns in Istanbul wieder, wo Hazal Zuflucht bei einer Internetbekanntschaft sucht und mitten in den Putschversuch gegen Erdoğan gerät. Ihr Aufbegehren wird nun in einen größeren Zusammenhang gerückt, die Geschichte politischer, der Ton ruhiger, weniger krawallig. Und trotzdem bleibt die Autorin auf Augenhöhe mit ihrer Figur, erklärt nicht, kommentiert nicht, wirft Hazal einfach hinein ins Chaos. Die Unruhen dienen also als bloße Kulisse, als Bild für den inneren Kampf der Heldin – ein starkes Bild wohlgemerkt. Alles andere, jede Weitung des Blickwinkels, jede Deutung der Geschehnisse in Instanbul, wäre fehl am Platz.

Eine ähnliche Schlagkraft hätte ich mir auch von einem anderen Debüt gewünscht, das in diesen Tagen erschienen ist, Sweet Rotation von Laura Wohnlich. Auch hier steht eine junge Frau im Zentrum, die keinen Halt in der Welt findet und die sich weigert, sich zu fügen, anders als bei Hazal äußert sich das jedoch nicht – oder nur am Rande – in Akten der Gewalt: An dem Tag, an dem ihre Mutter stirbt, zu der sie ein ambivalentes Verhältnis hatte, beschließt die 19-jährige Anna, als Escortgirl zu arbeiten – »Ficken war eindeutig das kleinere Übel als Trauern«. Das ist flott geschrieben, bisweilen sogar erfreulich scharfzüngig und edgy, entpuppt sich schließlich aber als harmlose Liebesgeschichte, der große Knall bleibt aus und die Lektüre verblasst bald. Die Radikalität, die die anderen Romane auszeichnet und die sich ins Gedächtnis des Lesers einbrennt, fehlt hier.

An einer Stelle sagt Hazal über den Film Gegen die Wand, er habe etwas mit ihr gemacht, irgendwas sei jetzt für immer anders. Und wem ist es nicht wie ihr ergangen? Fatih Akins Film dürfte an kaum jemandem spurlos vorbeigegangen sein – wenn Werke das schaffen, ist das ein großes Glück. Fatma Aydemirs Roman Ellbogen kommt dem zumindest sehr nahe, er knallt und nimmt einen in die Mangel, 272 Seiten lang und auch danach noch. Weil er Menschen eine Stimme gibt, die für gewöhnlich nicht gehört werden, weil er sie sichtbar macht, so wie Gegen die Wand es mit Hazal gemacht hat. Ein Sichtbarmachen, ohne zu beschönigen, ohne zu rechtfertigen wohlgemerkt, und deshalb umso aufrichtiger – und umso aufwühlender.

Fatma Aydemir: EllbogenHanser, München 2017, 272 Seiten, 20,00 €. / Laura Wohnlich: Sweet RotationPiper, München 2017, 336 Seiten, 20,00 €.

Was andere über Ellbogen sagen:

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» Bücherwurmloch
» lustauflesen.de

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13 Kommentare zu „Fatma Aydemir: Ellbogen

    1. Danke fürs Lob! Auch ich habe im Wedding gelebt und die Ellbogen nie ausfahren müssen, habe mich aber in einem ganz anderen Umfeld als Hazal bewegt. 😉 Übrigens ebenfalls ein Wedding-Buch und oben ja auch erwähnt: Großer Bruder Zorn von Johannes Ehrmann.

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  1. Ich habe deine Rezension sehr gerne gelesen und auch sonst schon sehr vielversprechende Kritiken zu Ellenbogen gehört. Gerade steht das Buch noch lediglich auf meiner Leseliste, aber ich hoffe das ändert sich bald! Liebe Grüße.

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  2. Vielen Dank für die Rezension. Ich hab mir den Roman vorgemerkt und bin gespannt. Die journalistischen Sachen von Fatma Aydemir – vor allem in der Spex zu Rihanna, Beyoncé etc – lese ich jedenfalls immer sehr gern …

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    1. Bei der ZEIT ist man übrigens etwas kritischer als ich: »Fatma Aydemirs Roman „Ellbogen“ trägt dick auf. Dramaturgisch ist er misslungen. Dennoch liest man die Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Deutschtürkin mit Gewinn.« Ich bin gespannt, was du sagst.

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      1. Im Urlaub hab ich Ellbogen nun gelesen … und fand das Buch richtig gut. Über das „dramaturgische Scheitern“ mag man streiten, sprachlich finde ich diesen ruppig-kantigen Stil allerdings außerordentlich gelungen! Schönes Buch!

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      2. Ich würde ja nicht einmal von einem Scheitern reden, die zweiteilige Struktur mit dem Cut in der Mitte fand ich überaus gelungen. Und ja, auch der Ton ist klasse. Freut mich, dass der Roman dir gefallen hat!

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  3. Liebe Caterina,

    ob man selber nun im Alltag Ellbogen gebrauchen muss oder nicht – ganz egal! Du berichtest hier von einer jungen Frau, die auf ihrer Suche nach Identität ist ist und das lese ich immer gern. Also ganz lieben Dank für Deine – wie immer! – tolle und einfühlsame Beschreibung und mich hast Du neugierig gemacht!

    LG
    Stefan

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