Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

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»Ich bin unterlebensgroß«

Wenn ich über den amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer rede, dann kann ich das nur in Superlativen. Sein 2002 veröffentlichtes Debüt Alles ist erleuchtet zählt für mich zu den kühnsten, aufwühlendsten und schönsten Büchern überhaupt, Extrem laut und unglaublich nah drei Jahre später ist zumindest nah dran. Nun ist, nach dem Essay Tiere essen (2009) und dem Formexperiment Tree of Codes (2010), Foers dritter Roman erschienen, Hier bin ich. Er ist etwas schwächer als die beiden Vorgänger, aber immer noch um Längen besser als das allermeiste, was ich sonst lese. Klar, manchmal nervt dieser Autor, nerven seine Figuren mit ihrer Klugheit, ihrem Talent, ihrer Chuzpe, ja all ihrer Musterschülerhaftigkeit. Und trotzdem gehen mir auch nach Hier bin ich die Superlative nicht aus.

Die Figuren also: Foer hat ein Faible für ebenso wunderliche wie liebenswerte Charaktere, insbesondere die Kinder sind allesamt kleine Genies und Dichter. Nicht gerade aus dem Leben gegriffen, jedenfalls nicht aus dem des gewöhnlichen Lesers. Aber Foer ist ja auch alles andere als gewöhnlich, ihn kann man sich tatsächlich ziemlich gut inmitten dieses Ensembles vorstellen. Im Falle von Hier bin ich ist das die Familie Bloch, in Washington lebende Juden: die Eltern Jacob und Julia, die Söhne Sam, Max und Benjy, die Großeltern Irv und Deborah sowie der Urgroßvater Isaac, Überlebender der Shoah. Der Holocaust und seine Folgen für die nachfolgenden Generationen wurden bereits in Alles ist erleuchtet verhandelt; in Hier bin ich klingen sie nur an, aber die Frage nach der conditio judaica ist, obwohl es sich vordergründig um einen Eheroman handelt, auch hier allgegenwärtig. Was bedeutet Jüdischsein heute? Wie gläubig muss man sein, wie sehr der israelischen Sache verpflichtet, um ein guter Jude zu sein?

Dabei sind die Blochs nicht einmal sonderlich religiös, sie sind allenfalls nicht nicht religiös; sie halten an gewissen Riten fest, weil es sich so gehört. Dass Sams bevorstehende Bar Mizwa ins Wasser zu fallen droht, weil er Gebrauch von politisch nicht korrekten Ausdrücken gemacht haben soll, ist daher eine mittelschwere Katastrophe. Eine schwere Katastrophe ist hingegen das Erdbeben, das Israel zeitgleich erschüttert, woraufhin der Staat, geschwächt wie er ist, von den ohnehin schon feindlich gesinnten arabischen Nachbarn bedrängt wird. Ein Krieg zeichnet sich ab, und die Juden aller Welt werden aufgerufen, an der Seite ihrer israelischen Brüder zu kämpfen. Just in diesem Moment ist Jacobs Cousin Tamir zu Besuch in Washington, und als dieser eiligst zurück nach Hause will, beschließt Jacob kurzerhand, sich ihm anzuschließen.

Aber Judentum hin oder her, in erster Linie geht es wie gesagt um eine Ehe – genau genommen um das Scheitern derselben. Jacob und Julia, beide in ihren Vierzigern, ist das Glück abhandengekommen, oder vielleicht nur die Bedeutung von Glück, die inzwischen eine andere zu sein scheint als vor sechzehn Jahren, als sie einander kennenlernten, eine Familie gründeten, Träume hatten. Das gilt in beruflicher Hinsicht – er ist Autor einer TV-Show, von der er nichts hält und an deren Stelle er viel lieber etwas Eigenes erschaffen würde, sie Architektin, deren besten Projekte nie realisiert wurden – ebenso wie in privater. Zwar nicht Ursache, aber Auslöser ihrer Krise sind schlüpfrige Nachrichten auf einem geheimen Handy von Jacob, das in Julias Hände gelangt. Jacobs Entschluss, nach Israel zu gehen, ist weniger ein heroischer Akt denn eine Flucht aus seinem in eine Sackgasse geratenen Leben.

»Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich sage: ›Ich befinde mich in einer Übergangsphase.‹ Alles ist Übergang. Eine Turbulenz auf dem Weg zum Ziel. Und weil ich das schon so lange sage, sollte ich wohl endlich zugeben, dass mein ganzes Leben ein Übergang sein wird. Eine Sanduhr ohne Sand. Immer fehlt etwas.«
»Du hast einfach nicht genug Probleme, Jacob.«
»Ich habe reichlich Probleme«, sagte Jacob und schrieb noch eine SMS an Julia, »glaub mir. Aber meine Probleme sind ziemlich banal, eher häuslich. Meine Kinder starren den ganzen Tag auf Bildschirme. Mein Hund ist inkontinent. Ich habe eine unersättliche Gier auf Pornos, kann aber nicht unbedingt mit einer Erektion rechnen, wenn ich eine analoge Möse vor der Nase habe. Ich werde kahl – was du sicher bemerkt, aber netterweise nicht angesprochen hast.«
»Du wirst nicht kahl.«
»Ich bin unterlebensgroß.«
Tamir nickte und fragte: »Wer ist nicht unterlebensgroß?«
»Du.«
»Ich soll groß sein? In welcher Hinsicht? Ich bin gespannt.«
»Du hast in Kriegen gekämpft und lebst im Schatten kommender Kriege, und verdammt – Noam steckt gerade mitten in Was-weiß-ich. Die Größe deines Lebens spiegelt sich in dem wider, was in deinem Leben auf dem Spiel steht.«
»Darum beneidest du mich?«, fragte Tamir. »Ein Bier weniger, und ich wäre jetzt beleidigt.« Er leerte die halbe Flasche. »Eines mehr, und ich raste aus.«
»Warum solltest du beleidigt sein? Ich sage ja nur, dass du der Großen Flachheit entronnen bist.«

Der Dialog zieht sich über etliche Kapitel und Seiten, er ist charakteristisch für diesen Roman, der zu einem Gutteil aus Dialogen besteht. Aus dem Leben gegriffen sind auch sie nicht, selbst der jüngste Sohn gibt derart scharfsinnige und schöne Dinge von sich, dass jeder Twitterer neidisch wäre: »Gibt es Fossilien von Fossilien, wenn die Welt lange genug existiert?«, fragt er seinen Vater kurz vom Einschlafen. Vieles an Hier bin ich ist hochartifiziell, aber wer sich darauf einlässt, dem wird der Roman großes Vergnügen bereiten. Warum also ist er schwächer als seine Vorgänger? Foer beherrscht es meisterhaft, die Möglichkeiten des Erzählens auszuloten, indem er mit Genres und Textsorten, mit Stimmen und Zeitebenen spielt – unbedingt lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Meta-Erzählung »A Primer for the Punctuation of Heart Disease«.

Im jüngsten Werk ist dieser Formwille in Ansätzen erkennbar, etwa in den zahlreichen SMS- und Chat-Dialogen oder in der sogenannten »Bibel«, einer Art Handbuch für die Show, an der Jacob seit Jahren im Stillen arbeitet und die freilich um nichts als seine Familie kreist. Jacob gibt darin Anweisungen an die Darsteller im Falle einer Verwirklichung (»Wie man Traurigkeit spielt«, »Wie man den Tod der Sprache spielt«, »Wie man Niemand spielt«), Foer dient sie als Rahmen, um die Geschichte der Blochs nach dem Aus der Ehe weiterzuerzählen – vielleicht eine Reminiszenz an die Lexikoneinträge in David Grossmans unvergesslichem Stichwort: Liebe. Davon hätte ich mir mehr gewünscht, ein erzählerisches und sprachliches Feuerwerk wie die früheren Bücher ist Hier bin ich nicht. Und doch: Der Roman ist ungemein geistreich und witzig, warmherzig und poetisch. Jonathan Safran Foer bleibt damit auf dem Olymp.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 688 Seiten, 26,00 €.

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15 Gedanken zu “Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

  1. Oh, das ist ja mal eine leidenschaftliche Besprechung zu Foer. Und endlich eine positive.
    Ich hatte damals lustlos etwa auf Seite 150 abgebrochen.
    Und ziehe nun direkt in Erwägung, vielleicht doch weiterzulesen …

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    1. Merci fürs Lob, liebe masuko! Ich habe ehrlich gesagt auch eine Weile gebraucht, bis ich in den Roman gefunden habe, die ersten hundert Seiten haben’s mir schwer gemacht. Aber je tiefer ich drinsteckte, desto mehr Spaß hatte ich. Vielleicht kommt für dich und Foer ja irgendwann noch mal die richtige Zeit!

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  2. Liebe Caterina,

    ich habe bislang noch nie einen Foer gelesen und dachte mir: So! Jetzt wird’s endlich mal Zeit!

    Ich warte zwar noch die richtige Stimmung ab, um ihn zu beginnen aber nach Deiner schönen Besprechung freue ich mich schon drauf. Und wenn das der schwächste Foer ist, hab ich bei Gefallen ja noch Luft nach oben. Auch keine schlechte Art, einen neuen Autor entdecken – und vielleicht – lieben zu lernen 🙂

    LG
    Stefan

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    1. Lieber Stefan,
      wie schön, wieder von dir zu lesen. Wird es denn irgendwann auch wieder Besprechungen von dir geben? Ich mochte deine lesewucht!

      Ich bin gespannt, ob dich der Foer packen wird. Und hoffe, dass der Roman, sollte er dich nicht überzeugen, dich nicht davon abhalten wird, »Alles ist erleuchtet« zu lesen, ein durch und durch wundervolles und kluges und berauschendes Buch.

      Herzlich
      caterina

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  3. Liebe Caterina,

    wie schön, dass Du Dich an mich erinnerst! Ein tolles Kompliment. Ich musste aus privaten Gründen leider das bloggen einstellen…. Aber diese Phase ist überstanden und ich bin wieder voller Eifer dabei. Wenn auch unter neuer Domain (www.schwarzaufweiss.online). Gerade bin ich dabei, meine alten Beiträge herüberzuretten aber schon bald sollte Neues folgen….

    Ich würde mich sehr freuen, wenn Du wieder regelmäßig bei mir hereinschauen würdest 🙂

    Stefan

    PS: Und „Alles ist erleuchtet“ kommt auf meine Shoppingliste!

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    1. Ach, das sind ja schöne Neuigkeiten, ich habe den neuen Blog gleich abonniert. Wünsche dir jede Menge Kraft und Inspiration für die kommenden Jahre und freue mich auf deine Texte.

      Lieben Gruß,
      caterina

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