Die Besten und Schönsten 2016

Nun ist es dahin, dieses Jahr, und während man sonst immer etwas wehmütig zurückblickt, dürfte es diesmal ein allgemeines Aufatmen geben, so sehr hat uns 2016 zugesetzt. Hinsichtlich der weltpolitischen Lage war es, darin sind wir uns alle einig, kein gutes Jahr. Aber was mich angeht, war es das auch im Kleinen nicht: Es war kein gutes Lesejahr. Ich habe vergleichsweise wenig gelesen und noch weniger besprochen, einiges hat mir gefallen, aber das allerwenigste hat mich wirklich begeistert. Tatsächlich waren ein paar der schönsten Lektüren des Jahres beruflicher Art, aber über die darf ich noch nichts sagen (mit Ausnahme von Willi Achtens fulminantem Roman Nichts bleibt, der im Frühjahr bei Pendragon erscheint). Ein Glück, dass die Ausbeute in Sachen Film und Musik deutlich üppiger ausfiel. Hier also meine jeweiligen Top Fives in alphabetischer Reihenfolge.

***

Bücher

» Jonathan Safran Foer: Hier bin ich (Kiepenheuer & Witsch 2016)
» Ryan Gattis: In den Straßen die Wut (Rowohlt Polaris 2016)
» Helen Macdonald: H wie Habicht (Ullstein)
» Thomas Melle: Die Welt im Rücken (Rowohlt Berlin 2016)
» Daniel Woodrell: Tomatenrot (Liebeskind 2016)

Eigentlich hatte ich Thomas Melles jüngstes Werk nicht auf dem Schirm, sein vorheriger Roman 3000 Euro hat mich ziemlich kaltgelassen. Ganz anders Die Welt im Rücken: ein Buch, das lange nachhallt und das mich aufgewühlt hat wie keines sonst in diesem Jahr. Beeindruckend war auch Helen Macdonalds Bericht einer Greifvogelzähmung, eine faszinierende Mischung aus Naturbetrachtung, Selbsterkundung und literaturwissenschaftlichem Essay. Meine Highlights in Sachen Spannung stammen von Daniel Woodrell – auf ihn und den Liebeskind Verlag ist eben Verlass – und Ryan Gattis. Mit Jonathan Safran Foers neuem Roman, dem ersten seit einem Jahrzehnt, verhält es sich ein bisschen wie mit Clemens J. Setz’ Die Stunde zwischen Frau und Gitarre im vergangenen Jahr: Das erhoffte Meisterwerk ist er nicht, die ganz große Entzückung bleibt aus – und doch ist er ein Ereignis, eine literarische Wundertüte, überbordend und verschroben und wirklich komisch.

Kino & TV

» Maren Ade: Toni Erdmann (DE/AT 2016)
» Richard Ayoade: The Double (GB 2013)
» Steven Knight: Peaky Blinders (GB 2013)
» Giorgos Lanthimos: The Lobster (GR/GB/FR 2015)
» Quentin Tarantinos: The Hateful Eight (USA 2015)

Der überraschendste Film des Jahres und einer der besten deutschen Filme überhaupt kommt von Maren Ade, die mit Toni Erdmann eine wunderbar schräge und warmherzige Komödie geschaffen hat. Komödien, das sind auch Giorgos Lanthimos’ The Lobster und Richard Ayoades The Double, nur um einiges bizarrer und vor allem düsterer. (Wer es noch verstörender mag, sollte sich auch Lanthimos’ Dogtooth aus dem Jahre 2009 zu Gemüte führen; wer dann Trost braucht, ist wiederum mit Ayoade und seinem Regiedebüt Submarine gut beraten.) Western und Gangsterfilme haben es mir seit einiger Zeit angetan: Neben Brian Helgelands Legend und Iñárritus The Revenant waren das in diesem Jahr insbesondere der neue Tarantino, The Hateful Eight, sowie die britische Serie Peaky Blinders, die mit coolen Styles und einem fantastischen Soundtrack daherkommt. Weitere Serienhighlights: Stranger Things und Jordskott, eine unheimlicher als die andere.

Musik

» Kartenhauskörper: Wie konnten die Tage nur so sehr an Wert verlieren (2014)
» Midlake: Antiphon (2013)
» Other Lives: Rituals (2015)
» Kate Tempest: Let Them Eat Chaos (2016)
» Tying Tiffany: Drop (2014)

Die Entdeckung des Jahres sind für mich zwei Wiener Gruppen, die – textlich wie klanglich – herrlich eigenwillige Musik machen, einen wilden Mix aus Chanson, Pop und Punk: Das trojanische Pferd und Kartenhauskörper. »Ich ruf dich an / frag dich ob du Lust hast / mit mir rumzuliegen / den ganzen lieben langen Tag / und nichts anderes tun würde genügen«, singen Letztere und liefern mir damit den Soundtrack für 2016. Ebenfalls neu in meiner Playlist sind die Folk-Rock-Bands Midlake und Other Lives, beide aus den USA. Fürs Elektronische sorgte in diesem Jahr die italienische Musikerin Tying Tiffany (Geheimtipp für diejenigen, die’s ein bisschen härter mögen: Das Flug aus Berlin). Und schließlich Kate Tempest, die den literarisch Interessierten unter euch als Autorin des Romans Worauf du dich verlassen kannst bekannt sein dürfte: Ich selbst habe ihn noch nicht gelesen, kann dafür aber ihre Musik, in Hip-Hop gegossene Kurzprosa, empfehlen.

***

Die Jahresrückblicke der anderen:

» buchrevier
» Papiergeflüster
» Lesen macht glücklich
» Buzzaldrins Bücher
» 54books
» Zur Sache, Sätzchen!
» Zeilensprünge (Teil 1)
» Zeilensprünge (Teil 2)
» literaturblog günter keil
» lustauflesen.de
» das graue sofa
» Klappentexterin
» Bücherwurmloch
» Kulturgeschwätz
» Libroscope
» 1001 Bücher
» SOUNDS & BOOKS
» stefan mesch
» Pinkfisch
» Muromez
» novellieren
» Der Schneemann
» crimenoir

Advertisements

9 Gedanken zu “Die Besten und Schönsten 2016

    1. Das glaube ich gern, es liegt wohl eher an meiner eigenen Auswahl. Oder aber ich war einfach nicht in der richtigen Stimmung, habe gerade eine generelle Flaute und kann mich für wenig begeistern. 2015 war das auch schon so. Von deiner Liste werde ich mir auf jeden Fall auch noch einiges zu Gemüte führen!

      Gefällt 1 Person

    1. Zum Nachdenken regen eigentlich die meisten Bücher an, die ich lese, selten nehme ich ‚leichte Kost‘ zu mir. Selbst Krimis, die viele irrtümlich pauschal als seichte Unterhaltung abtun, zeigen ja oft gesellschaftliche Missstände auf, so auch die oben genannten von Gattis und Woodrell. Am meisten haben mich aber Melle und Macdonald zum Nachdenken angeregt, die auf ganz unterschiedliche Weise von Außenseitertum erzählen und das Ich erkunden.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s