Sechs Lesungen

Wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, sind Rückblicke naheliegend. Auch ich blicke zurück – allerdings nicht auf meine literarischen, musikalischen und filmischen Highlights 2016 (das folgt noch), sondern auf die Lesungen, die ich in den vergangenen Monaten besucht habe. Für gewöhnlich teile ich meine Eindrücke auf Facebook, eine Zusammenfassung gibt es in unregelmäßigen Abständen hier im Blog: Den Anfang machten vier Veranstaltungen im Frühjahr, nun folgen sechs hinreißende Herbst-Happenings. Und da am Jahresende nicht nur Rückblicke, sondern auch Vorschauen verlockend sind, kann ich an dieser Stelle schon verraten, dass ich mich 2017 unter anderem auf Lesungen mit Katharina Winkler, Isabelle Lehn, Shida Bazyar, Roman Ehrlich, Zsuzsa Bánk und Paul Auster freue.

Akos Doma

Zum Programm des Deutschen Buchpreises gehören jedes Jahr die sogenannten Blind-Date-Lesungen mit Autoren der Longlist. Der Clou: Die Zuschauer erfahren erst vor Ort, wem sie lauschen werden. Die Locations wechseln von Jahr zu Jahr, nur Frankfurt bleibt, der Sitz des Buchpreises. In den Zwillingstürmen der Deutschen Bank fanden sich Mitte September etliche Kulturbeflissene zu einem literarischen Date mit Akos Doma ein. Der 1963 in Budapest geborene Schriftsteller und Übersetzer las aus seinem nominierten Roman Der Weg der Wünsche (Rowohlt Berlin) und sprach mit Torsten Casimir, Chefredakteur des Börsenblatts, über die Flucht seiner Familie aus Ungarn, über die Sprache als Heimat und über sein literarisches Vorbild Knut Hamsun. Ein ausgelassenes Gespräch zwischen einem sympathischen und gänzlich unprätentiösen Autor und dem wie immer glänzend vorbereiteten Torsten Casimir.

Margarete Stokowski

Das Hessische Literaturforum im Mousonturm ist zu meiner zweiten Heimat geworden, an keinem Literaturort war ich 2016 so oft wie an diesem. Seit Björn Jager und Malte Kleinjung das Programm verantworten, gibt es gefühlt jeden zweiten Tag eine Veranstaltung, die ich auf keinen Fall versäumen will. Ende September zum Beispiel war die S.P.O.N.-Kolumnistin Margarete Stokowski zu Gast und stellte ihr erstes Buch vor, den kurz zuvor erschienenen Essayband Untenrum frei (Rowohlt), in dem sie auf hinreißend schnoddrige Weise über Sex, Machtstrukturen und Feminismus schreibt. Aufschlussreich war das, vor allem aber – auch wenn die Fotos vielleicht etwas anderes suggerieren – sehr unterhaltsam.

Die Autoren der Shortlist

Jedes Jahr lädt das Literaturhaus Frankfurt wenige Wochen vor der Verleihung des Deutschen Buchpreises zu einem Abend mit den Autorinnen und Autoren der Shortlist ein. Am 1. Oktober war es wieder so weit: Zwar fehlte mit Bodo Kirchhoff einer der sechs Finalisten – und der diesjährige Preisträger –, ein schönes und anregendes Beisammensein war es aber allemal. Unumstrittener Sieger war und ist für mich Thomas Melle, der sich als aufgeschlossener, reflektierter und hellwacher Gesprächspartner sowie als glänzender Vorleser erwies und der mit Die Welt im Rücken (Rowohlt Berlin) eines der besten Bücher des Jahres vorgelegt hat.

Joshua Cohen

Joshua Cohen, Jan Wilm und Isaak Dentler: Vor zwei Jahren saßen diese drei Männer zusammen auf der Bühne, um Cohens Erzählband Vier neue Nachrichten vorzustellen, jetzt sind sie in derselben Formation nach Frankfurt zurückgekehrt. Bei Schöffling & Co. ist im August der Debütroman des New Yorker Schriftstellers erschienen, Solo für Schneidermann, nun konnte sich das geneigte Publikum im Literaturforum einen Eindruck von diesem überbordenden und aberwitzigen Werk machen. Moderator Jan Wilm führte wie immer besonnen und klug durch die Veranstaltung, Isaak Dentler vom Schauspiel Frankfurt las mit Verve aus der deutschen Übersetzung von Ulrich Blumenbach. Und Joshua Cohen? Der war lebhaft, smart und wortgewaltig wie vor zwei Jahren!

Die Preisträger des open mike 2016

Jedes Jahr gehen die Gewinner des open mike auf eine Mini-Lesereise, die sie unter anderem nach Frankfurt führt. Zwar war ich bereits beim Wettlesen in Berlin zugegen, wegen akuten Schlafmangels allerdings oft nur körperlich, weshalb ich knapp einen Monat später der Einladung des Literaturforums in die Bar des Mousonturms folgte. In lauschiger Atmosphäre lasen Sandra Burkhardt (Lyrikpreis), Thilo Dierkes (1. Prosapreis), Rudi Nuss (Publikumspreis) und Benjamin Quaderer (2. Prosapreis) ihre Siegerbeiträge und freuten sich, endlich einmal über ebendiese – und nicht über die Bedeutung des Wettbewerbes – reden zu dürfen. Die vier Autoren haben noch viel Zeit, um in ihre Rolle hineinzufinden, aber wenn es so weit ist, darf man sich auf schlaue und kühne Bücher gefasst machen!

Tilman Rammstedt & Saša Stanišić

Am 14. Dezember schließlich der krönende Abschluss: Zwei der fantastischsten Autoren des Landes, Tilman Rammstedt und Saša Stanišić, fanden sich zu einer der schönsten und vergnüglichsten Veranstaltungen des Jahres zusammen. Es ging um Bosnien und Bielefeld, um Melancholie und Komik, um französische Liebhaber und christliche Menschenrechtsaktivisten. Sie moderierten sich gegenseitig, sie lasen gemeinsam aus ihren jüngsten Werken, Rammstedts Roman Morgen mehr (Hanser) und Stanišić’ Erzählband Fallensteller (Luchterhand), sie lachten viel, auch über die eigenen Texte, und es war kein bisschen eitel, sondern überaus charmant. Wenn ich nicht bereits Fan wäre, jetzt wäre ich es auf jeden Fall.

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