Thomas Melle: Die Welt im Rücken

Thomas Melle - Die Welt im Rücken (Rowohlt Berlin)

»Er war der Rowdy, dann die Leiche.
Und jetzt ist der Bipolare der Entfremdete schlechthin.«

Thomas Melle weiß, wie er den bibliophilen Leser einfängt. Sein viertes Buch Die Welt im Rücken, eine Auseinandersetzung mit seiner manisch-depressiven Erkrankung, beginnt mit den Worten, er müsse von einem Verlust berichten: dem Verlust seiner Bibliothek. Er hat sie in den vergangenen Jahren verscherbelt, verschenkt, weggeworfen. Jeder, der selbst Bücher besitzt, sie nicht nur liest, sondern hortet, archiviert und pflegt, der kann Melles Schmerz nachempfinden. Es sind ja nicht bloß Bücher, Objekte; sie sind der Spiegel eines ganzen Lebens, für manche gar identitätsstiftend. Auf den letzten Seiten des Berichts kehrt Melle zu seiner Bibliothek zurück, erzählt, wie sie allmählich wieder wächst und wie er Hoffnung schöpft, eines Tages erneut ein geordnetes Leben führen zu können: »Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben.«

Die Welt im Rücken, der Titel des Buches, steht also für die Bibliothek, die Melle sich nun Stück für Stück zurückholt und die ihm Trost und Kraft spendet. Damit kehrt er am Ende ins Positive um, was zuvor eine ungeheure Last war: Er hatte die Welt im Rücken – gemeint ist tatsächlich die gesamte Welt, jedes einzelne Individuum und die komplette Menschheitsgeschichte. Manisch zu sein bedeutet für Melle, alles auf sich zu beziehen, sich im Mittelpunkt sämtlichen Geschehens zu glauben. Das liest sich zu Beginn noch unterhaltsam, wenn er schildert, wie Madonna, Björk und Courtney Love ihm nachstellen. Im Laufe der Lektüre schnürt es einem aber den Hals zu. So sehr, dass man gewillt ist, aufzuatmen, wenn die Manie durch die Depression abgelöst wird – bis man kapiert, dass die nun einsetzende grenzenlose Scham mindestens genauso schwer wiegt.

Thomas Melle leidet an der sogenannten bipolaren Störung, dreimal in seinem Leben hatte er bislang manische Episoden, die kürzeste ein paar Monate lang, die längste anderthalb Jahre; dreimal folgten darauf ebenso lange depressive Phasen. Wer die Serie Homeland mit Claire Danes als genialische, bipolare CIA-Agentin Carrie Mathison gesehen hat, dem ist die Erkrankung nicht fremd. Eine Vorstellung davon, was sie wirklich im Betroffenen anrichtet, bekommt der Zuschauer jedoch nicht – das wird einem mit diesem Buch bewusst. Es ist das schmerzhafte Zeugnis eines »Selbstverlusts«, denn der Krankheit fällt alles zum Opfer, nicht nur die materiellen Besitztümer, sondern auch der Verstand und das Urteilsvermögen, Freundschaften und Beziehungen, die Erinnerung an die Vergangenheit und die Möglichkeit einer Zukunft, ja, das Wissen, wer das eigentlich ist – »ich«.

Der zwischenzeitlich Geheilte […] wandert zerfetzt durch die Gegend und kann sich nur über das Schlachtfeld wundern, das hinter ihm liegt. Ändern kann er es nicht, obwohl der Maniker, der da gewütet hat, und der Depressive, der da siechte, zwei Versionen seines Ichs sind, die ihm nun völlig fremd werden, die er mit seinem jetzigen Ich (aber wer ist er überhaupt?) nur qua Erinnerung, aber kaum qua Identität verbinden kann. Und doch, es ist nicht von der Hand zu weisen: Er war es. Er war all die Taten und Katastrophen und Lächerlichkeiten, er war die Exzesse und Fehleinschätzungen, die Obsessionen und Nullsätze, die Hausverbote und Selbstmordversuche, die Peinlichkeiten, das Wüten, der Kollaps. Er war der Rowdy, dann die Leiche. Und jetzt ist der Bipolare der Entfremdete schlechthin.

Melle gliedert seinen Bericht in drei Teile – es sind die Jahre, in denen die Krankheit zum Ausbruch kam: 1999, 2006, 2010. Und er erzählt nicht nur chronologisch, sondern auch ungeheuer konzentriert, nichts als die Krankheit spielt eine Rolle, die Auswirkungen, die diese auf das Leben, das Arbeiten hat. Wird das nicht irgendwann redundant, mag man sich fragen. Wird es nicht. Die manischen und die depressiven Phasen sind von Mal zu Mal drastischer, die Einschnitte ins Leben immer größer, und an allem hat der Leser teil, Melle lässt nichts aus, verschont sich nicht. Tatsächlich gehe es ihm um Wahrhaftigkeit, betont er an einer Stelle, er wolle nichts literarisch verfremden oder überhöhen (umso erfreulicher, dass er dennoch für den Deutschen Buchpreis in Betracht gezogen wurde, mit dem bekanntlich der »Roman des Jahres« ausgezeichnet wird). Nackiger kann sich ein Schriftsteller kaum machen, und man ist Melle dankbar, dass er dieses Wagnis eingegangen ist.

Denn er legt freilich keinen schnöden Krankenbericht vor, sondern – man muss es schlicht so sagen – ein furioses Stück Literatur. Einmal meint er, es sei schwer, den Wahn anschaulich zu beschreiben, schließlich sei nichts mehr gültig, jegliche Ordnung und jeglicher Sinn seien abhandengekommen. Und doch findet er gleich im nächsten Satz ein kraftvolles Bild für diesen Verlust aller Koordinaten: »die Vektoren flirren, rotieren und zeigen munter in alle Richtungen, verweisen dazu immer wieder zurück auf den Verrückten.« Und Melle hat recht. Angesichts dessen, was da in ihm wütet, ist es bemerkenswert, mit welcher Präzision, mit welcher sprachlichen Wucht er den eigenen Zustand seziert, wie er seiner so zerfetzten Identität mit Worten Halt gibt. Immer wieder wird die fehlende Relevanz in der deutschsprachigen Literatur beklagt: Hier ist ein Buch, das, inhaltlich wie ästhetisch, vom Gegenteil zeugt.

Thomas Melle: Die Welt im RückenRowohlt Berlin, Berlin 2016, 352 Seiten, 19,95 €.

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5 Gedanken zu “Thomas Melle: Die Welt im Rücken

  1. Eine sehr gelungene Rezension! Es freut mich, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. 2016 gab es, glaube ich, kaum ein Buch, das hymnischer in den Blogs besprochen wurde – und das zurecht.

    Hab einen schönen Feiertag!

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    1. So ein Lieblingsbuch der Blogger*innen gibt es immer wieder mal, vor ein paar Jahren war es Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar, dann folgten Katharina Hartwell, Karen Köhler und Nino Haratischwili. Melle scheint es dieses Jahr allen angetan zu haben, ich wüsste tatsächlich kein anderes Buch, das auf derart breiten Konsens stößt.

      Und danke für die Wünsche zum Feiertag – nur leider hatte ich gar keinen. Verdammtes Hessen! 😉

      Gefällt 1 Person

      1. Sorry, das lag sicher an meiner schwäbischen Filterblase! 😉 Tatsächlich hätte ich ausnahmsweise gerne mit dir getauscht und statt eines verlängerten Wochenendes lieber mehr Zeit zum Arbeiten gehabt. Aber ich befürchte, das nennt man dann wohl Klagen auf hohem Niveau…

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