Helen Macdonald: H wie Habicht

»Der Habicht war all das, was ich sein wollte«

Schwer zu sagen, was mich an Helen Macdonalds H wie Habicht von Beginn an fasziniert hat. Ich lese für gewöhnlich keine Sachbücher, schon gar nicht über etwas, das mir einigermaßen gleichgültig ist – und Greifvögel sind es. Ich weiß rein gar nichts über sie und verbinde nichts mit ihnen: Warum mich also über vierhundert Seiten mit ihnen befassen? Vielleicht ist es dieselbe unerklärliche Faszination, die auch die Reihe »Naturkunden« aus dem Hause Matthes & Seitz ausübt. Wie gut jedenfalls, dass ich meinem Instinkt schließlich gefolgt bin: H wie Habicht ist ein eindrucksvolles Hybrid aus Naturbetrachtung, Selbsterfahrungsbericht und literaturgeschichtlichem Essay, es zeigt, das jede dieser Gattungen ein literarisches Ereignis sein kann.

Macdonald ist Historikerin und lehrt an der Universität von Cambridge, mit H wie Habicht – im Original H is for Hawk – hat sie 2014 einen internationalen Bestseller vorgelegt. Darin schildert sie, wie sie einen Habicht zähmt, ein kühnes und zermürbendes Unterfangen, bei dem sie an ihre Grenzen gelangt. Es ist nicht das erste Mal, dass sie einen Greifvogel abrichtet, doch der Habicht ist »massiger, blutiger, tödlicher, furchterregender« als seine Artverwandten, gewissermaßen die Königsdisziplin. Schon als Kind ist sie diesem Tier verfallen, hat sämtliche Bücher über die Falknerei gelesen und das geduldige Beobachten von ihrem Vater gelernt, einem Fotografen. Dessen Tod ist denn auch der Auslöser für die erwachsene Macdonald, sich dieser Grenzerfahrung zu unterziehen.

Der Verlust des geliebten Vaters reißt ein Loch in ihr Leben. Der Habicht ist jedoch mitnichten dazu da, dieses Loch zu füllen, im Gegenteil, es scheint, als wolle Helen es noch vergrößern, es zu einem Krater ausweiten, um darin zu gänzlich verschwinden. Mit der Anschaffung des Habichts geht ihre Auslöschung einher: »Ich war am Ende. Irgendetwas tief in mir drinnen versuchte, sich neu zu erschaffen, und das Vorbild dafür saß vor mir, auf meiner Faust. Der Habicht war all das, was ich sein wollte: ein Einzelgänger, selbstbeherrscht, frei von Trauer und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens.« Zu lesen, wie sie sich in der Folge immer weiter von den Menschen entfernt und sich immer mehr in der Welt des Habichts verliert, das geht unter die Haut.

Wie sie mit ihm zunächst über Wochen in einem abgedunkelten Raum haust, um sich aneinander zu gewöhnen; wie sie ihn fliegen lässt, erst an der Lockschnur und dann frei, in ständiger Angst, ihn zu verlieren; wie sie schließlich mit ihm jagen geht, erbeuteten Kaninchen das Genick bricht und ihnen die Gedärme entnimmt – all das schildert Macdonald mit großer Eindringlichkeit. Immer wieder zieht sie dabei die Lektüren ihrer Kindheit heran, allen voran The Goshawk des Schriftstellers T. H. White, an dessen Werk sie sich regelrecht abarbeitet. White war eine tragische Figur, exzentrisch und einsam, und sein Versuch, einen Habicht zu zähmen, ebenso verbissen wie vergeblich. Im Gegensatz zu ihm scheitert Macdonald sieben Jahrzehnte später nicht, doch die Erfahrung, wie das »Menschsein« allmählich von einem »abschmilzt«, die teilt sie mit ihm.

»Mit einem Habicht zu leben ist, wie einen Eisberg anzubeten oder ein Geröllfeld, über das der eisige Januarwind fegt«, heißt es an einer Stelle. Eine Tortur für den Falkner – aber ein Glück für den Leser dieses Buches: Sosehr der Vorgang der Greifvogelzähmung einen auch aufwühlen mag, so beeindruckend ist seine literarische Aufbereitung durch Helen Macdonald. H wie Habicht ist kein trockenes Handbuch, sondern eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kunst der Falknerei; keine verkopfte Exegese, sondern eine intensive Begegnung mit dem Schriftsteller und mehr noch dem Menschen T. H. White; keine Betroffenheitsliteratur, sondern eine zärtliche und bewegende Erzählung übers Trauern, Abschiednehmen und Neuanfangen.

Helen Macdonald: H wie Habicht. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Ullstein, Berlin 2015, 416 Seiten, 20,00 €. / Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 2016, 412 Seiten, 17,95 €.

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9 Kommentare zu „Helen Macdonald: H wie Habicht

  1. Das Buch ist eines meiner Herzensbücher der vergangenen Zeit. Sein Faszination liegt sicherlich darin begründet, dass die Autorin verschiedene Ebene miteinander verwebt – da sind die Informationen zur Falknerei, ihre persönliche Lebensgeschichte und die wunderbaren Naturschilderungen verbunden mit der Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Natur. Schön, dass Du mit Deiner schönen Rezension das Buch empfiehlst, es sollte viele Leser haben. Vielen Dank für die Verlinkung und viele Grüße

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    1. Wenn man erst einmal drinsteckt, dann kann man sich dem Sog wahrlich nicht mehr entziehen. Diese Kombination ist wirklich faszinierend, auch wenn es vor der Lektüre schwer nachzuvollziehen ist: Ein Buch über die Falknerei, über den Tod eines Menschen und über einen Schriftsteller – kann das gut gehen? Und ob das gut gehen kann! Das zeigt Macdonald auf Trefflichste!

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  2. It’s time, time, time … Dieser schöne Song von Tom Waits fällt mir ein, wenn ich deine Rezension lese, liebe Caterina! Ja, ich muss „Habicht“ endlich auch lesen! Danke für die eindrucksvolle Erinnerung daran.

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  3. Ich fand ja die Gestaltung von Ullstein für diesen Titel schon sehr schön, aber nach deiner Rezension habe ich das Gefühl, dass die Gutenberg-Umsetzung des Covers vielleicht noch eher zum Inhalt passt? Bei Ullstein wirkt der Habicht doch sehr brav und ruhig. Oder vielleicht lauernd?
    Auf jeden Fall kommt das Buch nun auch endlich auf meine Wunschliste.

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    1. An diesen Aspekt habe ich noch gar nicht gedacht, aber ja, es stimmt, der ungestüme Habicht auf dem Cover der Büchergilde passt ganz wunderbar; es ist eben doch ein Raubtier. Dennoch mag ich das Ullstein-Cover mit diesem Retro-Look und den gedeckten Farben sehr, ich finde es sogar eine bisschen ästhetischer.

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  4. Spannend, was du schreibst! Ich kann mir das für mich thematisch ehrlich gesagt auch gar nicht vorstellen, aber nach deinen Eindrücken hier bin ich doch neugierig geworden. Viele Grüße!

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