Hinter den Kulissen des Deutschen Buchpreises

Logo_dbp_16_CMYK

Noch knapp zwei Wochen, dann wird die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 bekannt gegeben. Die Buchpreisblogger sind bereits in den Startlöchern, ab dem 23. August werden sie die zwanzig nominierten Romane lesen und diskutieren. Als Redakteurin der Facebook-Seite halte ich die Fäden des Projekts zusammen – und nutze die Wartezeit, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Was hat es eigentlich mit dem Deutschen Buchpreis auf sich? Wer sind die Köpfe dahinter und was tun sie das ganze Jahr über? Antworten auf diese und weitere Fragen geben mir Birte Hansen-Kohlmorgen und Gunvor Schmidt, die im Referat für Literatur- und Leseförderung vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels arbeiten und dort gemeinsam mit einer Handvoll Kolleg*innen den Buchpreis koordinieren.

***

Birte Hansen-KohlmorgenWie seid ihr zu eurer Position gekommen und worin bestehen eure Aufgaben?

Birte: Während des Studiums hab ich auf der Frankfurter Buchmesse gejobbt und später bei der LitCam (Frankfurt Book Fair Literacy Campaign) gearbeitet. Als gelernte Buchhändlerin und Germanistin wollte ich aber gerne wieer mehr mit Literatur zu tun haben. Die Kombination aus Literatur- und Leseförderung ist für mich also ideal. Als Abteilungsleiterin sind meine Aufgaben vornehmlich konzeptioneller Art. Ich überlege mir zum Beispiel, Schmidt_9574_Qsmall.jpg.1155235wie man den Deutschen Buchpreis weiterentwickeln kann oder welche Kooperationen sinnvoll sind.

Gunvor: Als Studentin war ich schon Aushilfe beim Börsenverein und habe den Kontakt gehalten. Als dann in der Literatur- und Leseförderung jemand gesucht wurde, habe ich mich um eine Rückkehr bemüht, der großartigen Projekte und der Nähe zu den Büchern wegen. Meine Aufgabe besteht nun darin, den Deutschen Buchpreis erfolgreich durch’s Jahr zu bringen, darauf zu achten, dass alles zur richtigen Zeit angefangen und erledigt wird, und alle Beteiligten möglichst gut zu betreuen.

Wie sieht euer Alltag aus? Gibt es so etwas wie einen typischen Tag überhaupt?

Nein, den gibt es tatsächlich nicht. Es gibt einen relativ konstanten Jahresablauf, aber die Themen und Aufgaben variieren von Monat zu Monat sehr. Von außen betrachtet, sind die meisten Tage sehr gleichförmig: PC anmachen, am PC und Telefon sitzen, zwischendurch ein Termin, PC ausmachen. Abwechslung bieten dann die Jurysitzungen, Veranstaltungen und so weiter. Und wir packen ziemlich viele Buchpakete ein und aus.

Wann und warum wurde der Deutsche Buchpreis ins Leben gerufen? Und wie würdet ihr seinen Stellenwert in der literarischen Szene heute bewerten?

Der Deutsche Buchpreis wurde 2005 das erst Mal vergeben. Die Bücherwelt hat auf einen solchen Preis gewartet. Einen Preis, der auf Transparenz und Klarheit setzt, einen Spannungsbogen erzeugt und damit in der Lage ist, große Aufmerksamkeit zu erzeugen – auch bei einem Publikum, das nicht jeden Tag das Feuilleton liest. Das Konzept funktioniert, das hat schon das große Interesse am ersten Preisträger-Titel, Es geht uns gut von Arno Geiger, gezeigt, der eine Begeisterung auslöste, mit der im Vorfeld niemand gerechnet hatte. Am allerwenigsten der Autor selbst.

Der Preis wird seitdem sehr stark wahrgenommen, sogar so sehr, dass es dazu auch kritische Stimmen gab und gibt. Wir wollen mit der Auszeichnung vor allem die deutschsprachige Literatur ins Gespräch bringen. Das erfüllt der Deutsche Buchpreis bis heute mit großem Erfolg.

Wie ist das alljährliche Prozedere, was sind die wichtigsten Meilensteine?

Der unhörbare Startschuss jedes Buchpreis-Jahres ist ein Treffen der Akademie des Deutschen Buchpreises, bei dem die Jury des kommenden Jahres ausgewählt wird. Einige Monate sind der Ansprache der Jury gewidmet und der Vorbereitung der Ausschreibung. Im Februar wird es dann lauter: Wir geben die Jurybesetzung bekannt und fordern Verlage dazu auf, ihre Titel einzureichen. Die Frist geht in der Regel bis Ende März, Verlage haben noch etwas Zeit, um die Herbstmanuskripte nachzuliefern.

In der Zwischenzeit beginnen die Juroren mit der Lektüre, und wir verlosen Blind-Date-Lesungen mit den noch unbekannten Longlist-Autoren. Kurz bevor die Longlist bekanntgegeben wird, im August, muss die Jury dann alles gelesen haben und kommt zusammen, um über die 20 nominierten Titel zu entscheiden. Um diese Titel dreht sich nun wochenlang alles: Es gibt Veranstaltungen, Werbematerialien und viel Presse. Und die Arbeit der Buchpreisblogger beginnt.

Einen Monat später geht es um die Shortlist, die besten sechs Titel. Die Vorbereitungen für die Preisverleihung bestimmen unseren Alltag im September. Und einen Tag vor der Preisverleihung wählt die Jury den Preisträger. Die Preisverleihung ist im Oktober, am Montag vor der Buchmesse. Während der Messe finden noch einige Veranstaltungen statt – danach geht es um die Auswertung und Dokumentation des gelaufenen Jahres und das neue kann beginnen.

Bestimmen die jeweiligen Jurys selbst die Kriterien, nach denen sie die eingereichten Titel beurteilen? Und falls ja, habt ihr über die Jahre unterschiedliche Ansätze beobachtet?

Zweimal Ja: Aus dem Grund ist auch vorgesehen, dass die Besetzung der Jury regelmäßig wechselt. Die Definition, was gute Literatur ausmacht, ist ja nicht gesetzt und soll durch den Deutschen Buchpreis auch nicht festgelegt werden. Das muss also jede Jury neu diskutieren.

Was während der Jurysitzungen passiert, dringt nie nach außen. Könnt ihr dennoch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern? Was waren zum Beispiel witzige, überraschende oder besonders kritische Momente?

Überraschend: wenn sich in einer Sitzung ein Titel, der bis dahin klar zu den Favoriten zählte, doch nicht durchsetzen kann. Oder ein anderer, der bis dahin kaum besprochen wurde, sich plötzlich ganz weit nach vorne bewegt. Das sind Dynamiken, die niemand in der Jury und erst recht nicht wir vom Börsenverein vorhersagen können.

Zwei Monate lang – von der Bekanntgabe der Longlist bis zur Preisverleihung – müsst ihr euch in Schweigen hüllen, während Branchenleute, Feuilletonisten und Leser in aller Ausführlichkeit die Auswahl der Jury diskutieren. Wie und mit wem tauscht ihr euch in diesem Zeitraum über Literatur aus?

Gunvor: Das ändert nichts. Ich tausche mich weiterhin mit den gleichen Menschen auf die gleiche Art aus – ich bleibe einfach stur bei meinen eigenen Leseeindrücken und blende das, was ich über die Juryentscheidung weiß, aus. Wenn jemand daraus eine Info über die nächste Liste ziehen würde, wäre er also auf dem Holzweg. Allerdings: Meistens habe ich zu den Kandidaten sowieso noch nicht viel zu sagen, weil ich in der Regel noch die Longlist des Vorjahres lese …

Birte: Wie auch in den restlichen zehn Monaten des Jahres vor allem mit meinem Mann. Wir lesen immer die Longlist-Leseproben, die die Titel der Longlist vorstellen und die man in vielen Buchhandlungen erhalten kann. Auf der Basis dessen und natürlich der kompletten Lektüreerfahrungen erstellen wir jeder unsere ganz persönliche Shortlist.

Warum setzt ihr auf die Zusammenarbeit mit Literaturbloggern? Was erhofft ihr euch von diesem Austausch?

Der Deutsche Buchpreis möchte lesenswerte deutschsprachige Literatur ins Gespräch bringen, er spricht ein breites und heterogenes Publikum an. Und das erreichen wir über verschiedene Kanäle – Presse, Buchhandel und eben auch Blogs und Social Media. Durch die Blogger-Aktion erreicht die Diskussion über die nominierten Romane aber nicht nur weitere Zielgruppen, sondern auch eine andere Intensität: Sie wird vielfältiger und interaktiver.

Und wann wird endlich der erste Literaturblogger, die erste Literaturbloggerin in die Buchpreisjury berufen?

Das entscheidet die Akademie – also wer weiß?

Ich danke Birte Hansen-Kohlmorgen und Gunvor Schmidt herzlich für dieses Gespräch!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Hinter den Kulissen des Deutschen Buchpreises

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s