#netzrundschau 07/2016

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# das feuilleton, die blogger und die demokratisierung der literaturkritik

Es ist mal wieder so weit, die Debatte um die Zukunft der Literaturkritik und das Selbstverständnis der Blogger ist in eine neue Runde gegangen. Auslöser war eine Glosse von Marc Reichwein in der Welt über Tobi, den Betreiber der Seite Lesestunden, der sehr viel Mühe und Zeit dafür aufwendet, die Blogsphäre in Statistiken und Grafiken greifbar zu machen, zuletzt anhand ihrer Lesegewohnheiten. Es folgte ein Aufschrei quer durch die Szene, samt passendem Hashtag: #ThePowerofBlogs, ins Leben gerufen von Pinkfisch Sarah; auch beim novelero und im buchrevier gab es indirekte Repliken auf Reichweins Artikel.

Einerseits denkt man: Das hatten wir doch bereits, das wurde doch alles schon mal gesagt, mehrfach sogar. Andererseits bin ich weiterhin der Meinung, dass es lohnt, das eigene Tun immer wieder zu hinterfragen, so ermüdend das manch einem auch erscheinen mag. Wer hinterfragt, der bleibt nicht stehen, sondern entwickelt sich weiter, wird besser, wird ernst genommen. Einen guten Denkanstoß gibt zum Beispiel Katharina von Kulturgeschwätz, die den Eindruck hat, dass von der Demokratisierung der Literaturkritik, die wir in dieser Debatte allzu gerne ins Feld führen, noch lange keine Rede sein kann:

Wenn ich mir die Buchblogger und Booktuber ansehe, dann sehe ich fast nur Weiße. Ich kenne viele People of Color, die viel lesen. Ich weiß von einigen, die politisch motivierte Blogs schreiben. Ich kenne kaum Buchblogger. Der Verdacht liegt nahe, dass hier Mechanismen, die die Streiter der Hochkultur im Feuilleton vorgeben, bis in die Sphäre der Blogger fortwirken: Irgendetwas an der Art und Weise, wie über Literatur gesprochen und geschrieben wird, scheint dazu zu führen, dass sich einige nicht an diesem Gespräch beteiligen wollen.

# die buchpreisblogger 2016

Wir haben also noch einen weiten Weg vor uns, aber das hält uns Booknerds – O-Ton Mariki – keinesfalls davon ab, unermüdlich Werbung für das gute Buch zu machen. So etwa die Buchpreisblogger, die dieses Jahr zum vierten Mal am Start sind (zum zweiten Mal unter ebendiesem Namen) und ab dem 23. August die zwanzig Romane der Longlist lesen: Dem sechsköpfigen Team gehören die wohlbekannten Macher von buchrevierLiteraturen, lustauflesen.demasuko13 und Sounds & Books an, außerdem ist mit Herbert liest! erstmals auch ein Booktuber dabei. Koordiniert wird das Projekt von der Facebook-Redakteurin des Buchpreises, sprich: von mir.

# spreepartie, empfindlichkeiten & wetterleuchten

Blogger konsumieren Literatur nicht nur zu Hause, sondern auch unterwegs. Anfang des Monats luden die Damen der PR-Agentur Kirchner Kommunikation zur »Spreepartie« ein, einer feinen Indiebook-Tour durch Berlin: Darüber berichtet haben u.a. Jochen von lustauflesen.de, Jacqueline von masuko13 und Constanze von Zeichen & Zeiten. Ebenfalls in Berlin, nämlich am Literarischen Colloquium, fand das queere Festival »Empfindlichkeiten« statt, über das Stefan Mesch live gebloggt hat. Und Isabella von novellieren hat sich die »Wetterleuchten«, den Sommermarkt der unabhängigen Verlage in Stuttgart, angesehen.

# blogger schreiben bücher

Und während die einen noch lesen bzw. lesen lassen, machen die anderen einfach selbst Bücher. Dass ich Ende letzten Jahres gemeinsam mit ein paar lieben und engagierten Mitmenschen eine Anthologie zum Thema Flucht und Solidarität herausgegeben habe, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein; nun hat Sabrina von Digitur ausführlich über das Projekt berichtet und das Buch besprochen. Sandro alias novelero bereitet, ausgehend von der Blogparade #warumichlese, ebenfalls eine Anthologie vor, und Petra von Philea’s Blog schreibt in ihrem mittlerweile zweiten Buch über die Gefahren des Lesens. Wohl bekomms!

 

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11 Kommentare zu „#netzrundschau 07/2016

  1. Ein interessanter Streifzug, liebe Caterina, danke auch für die freundliche Erwähnung.
    Den Artikel von dem Marc, den ich bisher noch nicht kannte, ist dermaßen tendenziös, dass er für mich gar nichts in Frage stellt, außer natürlich den Sinn seines Geschreibsels.
    Liebe Grüße
    Petra

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    1. Welcher Marc? Du meinst den oben zitierten Beitrag? Der stammt von Katharina/Kulturgeschwätz. Er ist zugegebenermaßen etwas durcheinander, weil sie darin ganz verschiedene Themenfelder und Fragestellungen aufmacht. Aber tendenziös? Finde ich gar nicht. Die zentrale These – die Bloggerszene ist noch viel zu homogen – scheint mir durchaus interessant und eine nähere Betrachtung wert.

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      1. Ach, entschuldige, ich stand völlig auf dem Schlauch. Habe schon wieder verdrängt, dass Marc Reichwein diesen unsäglichen Artikel geschrieben hat. Gut, sind wir uns also doch einig. 😉

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  2. madameflamusse schreibt:

    »oh ..das hab ich gar nicht mitbekommen… ich bin da etwas kritsich was das hinterfragen angeht, manchmal bliebt dann nämlich vor lauter hinterfragen keine Zeit mehr für wichtigeres. Schließlich sind es doch meistens private Blogs und mir persönlich ist es so egal was Zeitungen von mir halten. Ich möchte einfach lesen, Bücher vorstellen, beschwärmen und anregen, schreiben und meine einfache private Stimme abgeben und ja gerne extra einfach so das jeder es lesen kann und versteht. ich brauche keine hochtrabenden Debatten oder Fachidiotie – das wird meiner Meinung nach total überbewertet und eh nur von einem kleinen Zirkel wahrgenommen.
    Und dann ist es doch so wunderbar das es Dinge wie die Spreepartie gibt (warum war ich da eigentlich nicht dabei – vermutlich wegen meines Leserückstands?) .. naja Up To Date war nie meine Stärke. Und auch die Longlist durch die Blogger diskutiert finde ich Klasse. Ich lese was Bücher angeht fast nur noch bei anderen Bloggern…«

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    1. Nun, mit »hinterfragen« meine ich ja nicht, dass man die Kritik (bzw. Häme) seitens der Literaturkritiker ernst nehmen und sich daran orientieren muss. Sondern schlicht das, was wir überall tun, ob im Job oder im Privatleben: die eigenen Ansprüche, Ziele und Handlungen hinterfragen, also kritisch mit sich selbst sein. Bezogen auf das Bloggen heißt das, dass wir uns fragen, für wen wir schreiben und warum, was uns dabei besonders viel Vergnügen bereitet und was weniger, worauf wir stolz sind und was wir besser machen können.

      Vieles davon passiert vermutlich un(ter)bewusst, aber indem wir uns zum Beispiel neue Formate für den Blog überlegen, entwickeln wir uns bzw. unser ‚Produkt‘ ja weiter. Ohne dabei bierernst und verbissen zu sein – das Bedürfnis, Freude zu haben an dem, was wir tun, und damit anderen Freude zu bereiten, haben wir wohl alle. Aber das schließt eben nicht aus, dass wir uns weiterentwickeln (und ich verwende bewusst nicht das unschöne Wort »professionalisieren«).

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      1. Ja ich denk auch eher unterbewußt und auf eine eher natürlichere Art, zumindest bei mir im Bereich meiner Blogs, eben weil ich das für mich mache und als Hobby. Da möchte ich echt unverkrampft rangehen. Wirklich bewuß Hinterfrage ich nur immer wieder mal Ziel und Richtung und ob ich weitermache..was ich mir aber nicht immer wirklich befriedigend beantworten kann..und da komme ich wieder zum natürlichen Prozess der Dinge 😀

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      2. Genau das meine ich. Ich sitze ja auch nicht da und arbeite einen Businnesplan für meinen Blog aus. Aber es kommt eben doch immer wieder vor, dass ich überlege, was gut funktioniert und was weniger, was mir Spaß macht und was meinen Lesern – wie ich also meinen Blog also voranbringen kann. Was dieses „voranbringen“ bedeutet, das entscheidet jeder für sich selbst, statt es sich von außen auferlegen zu lassen.

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