Im Gespräch mit Martin Lechner

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»Literatur kann bewirken, dass die Dinge, die man kennt,
ins Unbekannte abschwenken.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt der Autor Martin Lechner zu Wort, der zuletzt den Erzählband Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen im Residenz Verlag veröffentlicht hat. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

lechner© Katja Boldt

Was macht Literatur mit dir?

Literatur zeigt mir im besten Fall, dass ich schlecht lebe. Bloß dumm von Zweck zu Zweck jage und kein Geheimnis mehr kenne.

Was ist der Motor deiner Texte – die Geschichte, die du erzählst, oder das Spiel mit der Sprache, das Fabulieren? Oder ist beides untrennbar voneinander?

Ich mag mich täuschen, aber mir scheint, dass diese Frage eine Gegenüberstellung vornimmt, in der der Blick auf die Sprache als Spiel und der Blick auf die Geschichte als Arbeit erscheint. Arbeit steht da nicht, ich weiß, nur Spiel. Allerdings ist ja die Unterscheidung zwischen einer Sprache, die arbeitet, also eine Geschichte erzählt, und einer, die feiert, also mit der Sprache spielt, sehr tief eingedrungen in die Beschreibung von erzählender Prosa. Dabei ist das sogenannte Spielen mit der Sprache doch selbst ein ziemlich arbeitsreiches Geschäft. Schließlich kann es einen dorthin führen, wo Spielregeln erst noch etabliert werden müssen, weil man sich nicht mehr auskennt. In meinem Schreiben finde ich keinen Widerhall für diese Unterscheidung, da es mir nicht um Geschichte versus Sprache geht, sondern um Vertrauen. Ob ich einem Satz vertrauen kann. Und der Geschichte, die er mir zuspielt.

Die Lyrikerin und Essayistin Monika Rinck hat das Unverständnis des Lesers einmal als »reiche Fläche« bezeichnet, sie begreift es als wesentlichen Teil der Dichtung, des Gesprächs zwischen Autor und Rezipienten. Auch deine Texte – der Debütroman Kleine Kassa und die Erzählungen Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen – erschließen sich nicht gänzlich, geben Rätsel auf, werden mitunter zur Zumutung. Ist das Unverständnis von dir kalkuliert, gar erwünscht?

Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was das eigentlich heißt, eine Geschichte zu verstehen. Vielleicht, dass ich sie mit eigenen Worten wiedergeben, sie nacherzählen kann? Das scheint mir meist gemeint zu sein. Auch viele Besprechungen, ob im Feuilleton oder in Blogs, begnügen sich ja mit einer laschen Nacherzählung des Gelesenen. Obwohl Literatur davon lebt, dass sie nicht nacherzählt werden kann. Selbst der plotbesessensten, sprachlosesten Prosa ist ja eine gewisse Unübersetzbarkeit zu eigen.

Wenn es erlaubt wäre, das Wort verstehen von stehen abzuleiten, dann sähe man gleich, wie wenig es zur Quecksilbrigkeit aller Verstehensversuche von Literatur passt. Die Frustration, eine Geschichte sei nicht zu verstehen, hat vielleicht mit dem Wunsch zu tun, still stehen zu dürfen. Oder besser noch zu sitzen, am besten auf der Couch. Statt hin- und herzuflippern im Dunkel offener Bedeutungen. Unverständnis wäre demnach Bewegungsmangel. Der sich noch dazu oft mit Unverständlichkeit verwechselt. Dabei wäre es doch schön, wenn man sein Unverständnis einer Geschichte äußert und sie vielleicht genau dadurch erst zu verstehen beginnt. Indem man sich selber in der Geschichte bewegt.

Apropos Zumutung: Ist auch das Schreiben manchmal eine Zumutung? Was sind die größten Hürden? Und gab es schon Momente des Scheiterns?

Am stärksten ist das zu Beginn, wenn das Glück des Kritzelns und Hervorkitzelns einer Geschichte noch besonders rauschhaft ist. Sobald die Finger aber erschöpft von der Tastatur gekrabbelt sind, um nach einer galoppartigen Buchstabenknöpfedrückerei zu verschnaufen, bloß noch müde das Mausrädchen drehen können, um den Text nach oben zu schieben und ihn kritisch anzuschielen, da erscheint mit einem Schlag alles Geschriebene als Dokument der Niederlage und des Scheiterns der ganzen Person. Gerade dann lächelt die Verlockung des Abschreibens immer besonders weiß und herrlich um die Ecke. Hey, du da, du musst gar keine Welt erfinden, du kannst die wahrscheinliche Welt, die vor deiner Tür ausgerollt daliegt wie ein roter Teppich, einfach abschreiben. Wie es war und wie es ist und fertig!

In deinem kürzlich erschienenen Erzählband heißt es: »Ich suche eine Art zu erzählen, die die Sinne entzündet. Die die Ohren öffnet. Für die Stimmen unterm Schuh, zum Beispiel. Leiden Sie an Üblichkeit?, flüstern sie, sobald ich meine Sohle hebe.« Ist das vielleicht auch ein Kommentar zum Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur? Ist sie zu gewöhnlich, zu einheitlich, zu wenig überraschend?

Um das beantworten zu können, müsste ich tiefer eingetaucht sein in den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. So kann ich nur sagen, dass mir der Begriff Erzählen oft sehr eng gefasst zu sein scheint und zudem häufig bloß am Gängelband eines sprachunauffälligen Realismus Gassi geführt wird. In der letzten Zeit kommt noch hinzu, dass das Erzählen offenbar die Tausendseitenmarke überspringen muss, um ernst genommen zu werden. In den Weltmeertagen habe ich mich dagegen oft gefragt, wie viel man eigentlich mit tausend Buchstaben erzählen kann. Oder mit einhundertundelf.

Welche Bücher haben denn zum Beispiel deine Sinne entzündet, in der aktuellen deutschsprachigen Literatur und darüber hinaus?

In Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun las ich neulich zum Beispiel diese Sätze: »Ich lass mich nicht kriegen. Nie, nie, nie. Nun gerade nicht. In mir ist Kraft von Revolvern. Ich bin ein Detektivroman. Hilf mir lieber Gott – ich will mit einem Messer ›lieber Gott‹ in meinen Arm schneiden, ganz tief, dass Blut kommt – wenn du machst, dass ich heil nach Berlin komme.« Die Ruckartigkeit und gelegentliche Verschwommenheit des Erzählens in Stig Larssons Die Autisten, die Gewalt und die Unordnung darin, haben mir zu Beginn des Jahres auch sehr gut gefallen. Und was die jüngere deutschsprachige Literatur angeht, so würde ich gerne mehr lesen von Ariane Breidenstein und Harald Darer und außerdem von Rainald Goetz, von Rainald Goetz und von Rainald Goetz.

Was kann Literatur in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

Literatur kann bewirken, dass die Dinge, die man kennt, ins Unbekannte abschwenken. Dass die Sinne aufschlagen wie die Türen des Fluchtwagens, bevor er über die Klippe rauscht.

Martin Lechner, Jahrgang 1974. Nach dem Romandebüt Kleine Kassa (Residenz, 2014), das auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014 stand (Trailer), sind im Februar die Erzählungen Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen (Residenz, 2016) erschienen. Zusammen mit Milo Pablo Momm entstehen Foto-Grafiken und Videos: lechnermomm.tumblr.com.

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