Vera Buck: Runa

Vera Buck - Runa (c)

»Es ging nicht mehr allein darum, die Irren zu verwahren.
Es ging um Wissenschaft.«

In der Pariser Nervenheilanstalt Salpêtrière habe ich mich schon einmal aufgehalten, vor drei Jahren war das. Die Autorin Katharina Hartwell hat mich in ihrem berückenden Roman Das fremde Meer dorthin mitgenommen: ein gespenstischer Ort, der ein diffuses Gefühl der Bedrohung aufkommen ließ. Ganz und gar nicht diffus, sondern ziemlich handfest ist dieses Gefühl nun bei der Lektüre von Vera Bucks Debüt Runa, im vergangenen Herbst bei Limes erschienen. Während die Salpêtrière bei Hartwell nur ein Nebenschauplatz war, steht sie hier im Zentrum des Geschehens, über sechshundert Seiten irren wir durch ihre Korridore und ihre grausige Vergangenheit.

Die 1986 geborene Buck hat ein beachtliches Debüt vorgelegt. Beachtlich gar nicht so sehr in seiner Machart, sondern vor allem in der Wahl des Sujets. Die Salpêtrière war im 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten psychiatrischen Kliniken Europas, bekannt insbesondere für die Erforschung und Behandlung der damaligen Modekrankheit Hysterie, die freilich ausschließlich Frauen heimsuchte. Zu jener Zeit galt die Salpêtrière als Vorreiter, aus heutiger Sicht sind die Lehren und Methoden, die damals Anwendung fanden, schlicht ungeheuerlich. Den Patientinnen wurden ihr Wille und ihre Würde gänzlich abgesprochen, ja nicht einmal ihr Leben war unantastbar.

Alles, was man sonst nur aus dem Lehrbuch und von Zeichnungen kannte, war hier vereint, sorgsam auf die insgesamt 80 Gebäude verteilt und nach Krankheitsbild und Chancen der Genesung geordnet. Unter Charcot hatte sich die Salpêtrière von einem Hospiz zu einem gigantischen Forschungszentrum entwickelt, in dem es einen ständigen Nachschub an Kranken gab. Es ging nicht mehr allein darum, die Irren zu verwahren und den Alten beim Sterben zuzusehen. Es ging um Wissenschaft.

Die Patientinnen wurden nicht als Menschen begriffen, die es zu heilen galt, sondern als Fälle, die es zu studieren galt – angefangen bei den berühmten Vorlesungen des großen Doktor Jean-Martin Charcot, der die interessantesten von ihnen öffentlich zur Schau stellte, bis hin zu den schauerlichen Versuchen, für die sie als bloßes Material dienten. Welche Ausmaße das annahm, führt Buck auf eine Weise vor, die einem bei der Lektüre frösteln lässt, und es kommt kein Zweifel auf, dass es wirklich so gewesen ist: Das umfangreiche Literaturverzeichnis am Ende des Romans zeigt, wie eingehend sich die Autorin mit der Geschichte der Salpêtrière und ihren Protagonisten auseinandergesetzt hat.

Eingebettet in dieses reale Setting ist eine fiktive Handlung, die aber gewiss nicht weit entfernt ist von dem, was sich tatsächlich in den Operationssälen der Klinik und mehr noch in den Katakomben unter ihr abspielte. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Runa, das alle Anzeichen der Hysterie aufweist, doch als Erste resistent zu sein scheint gegen die Therapien des Dr. Charcot. Also nimmt sich ihrer der junge Schweizer Student Jori an – auch er handelt dabei zunächst nicht aus Sorge um das Wohl der Patientin, sondern aus Eigennutz, wie alle hier. Er will seine Doktorarbeit über sie verfassen und dann in seine Heimat zurückzukehren, um seine ebenfalls psychisch kranke Geliebte Pauline zu heilen.

Während Jori sich dem Mädchen anzunähern versucht und einen Eingriff vorbereitet, den noch nie jemand vorgenommen hat, geht der ehemalige Kommissar Lecoq, inzwischen überzeugter Verbrecher, rätselhaften Morden in Paris nach. Klar, dass die beiden Fälle zusammenhängen, dass der eine der Schlüssel zu dem anderen ist, und obgleich der Arzt und der Ermittler am Ende ihre jeweilige Wahrheit finden, löst sich doch nichts in Wohlgefallen auf. Zwar wirkt die Geschichte ein wenig konstruiert, nicht jede Figur und nicht jede Wendung hätte es wirklich gebraucht, aber fesselnd ist dieser Roman über ein dunkles Stück Medizingeschichte allemal.

Runa mit ihren beinahe weißen Haaren und dem starren Blick brennt sich ins Gedächtnis ein – oder habe ich in Wirklichkeit das Mädchen aus der schwedischen Serie Jordskott vor Augen, die ich parallel zur Lektüre sehe? Auch wenn diese eine gänzlich andere Geschichte erzählt, ergeben sich interessante Synergieeffekte; je mehr ich in beide Welten eindringe, desto mehr vermischen sich die Bilder. Hier wie dort verschwundene Kinder, hier wie dort unerklärliche Todesfälle, die an etwas Übermächtiges glauben lassen, hier wie dort die schaurige Atmosphäre, eine Finsternis, die alles umhüllt. Beide, Buch und Serie, sorgen für schlaflose Nächte und sind dennoch unbedingt zu empfehlen.

Vera Buck: Runa. Limes, München 2015, 608 Seiten, 19,99 €.

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