David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

Grossman - Kommt ein Pferd (c)

»Ja, das ist mein persönliches Tschernobyl«

Es ist so eine Sache mit den Erwartungen, immer läuft man Gefahr, enttäuscht zu werden. Im jüngsten Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman, Kommt ein Pferd in die Bar (Hanser), finden sich Freunde des gepflegten Humors im Kabarett zusammen und hoffen auf einen kurzweiligen Abend. Und auch ich, die Leserin, habe Erwartungen. Gewiss nicht dieselben wie das Publikum: Grossmans Bücher bereiten keine vergnüglichen Stunden, sie schmerzen, sie rütteln auf, hallen lange nach. Stichwort: Liebe ist ein solches Buch, es war eine meiner intensivsten Lektüren überhaupt. Kaum erscheint etwas Neues von Grossman, komme ich nicht umhin, mich an diese eine Erfahrung zu erinnern, und schraube meine Erwartungen in die Höhe.

Das Publikum im vorliegenden Roman hat im Grunde keine großen Ansprüche, und – angesichts des Ortes und des angekündigten Programms – schon gar keine überraschenden: Es will unterhalten werden. Auf der Bühne steht Dovele Grinstein, ein Stand-up-Comedian, der just an diesem Abend seinen 57. Geburtstag hat. Aber ihm ist mitnichten zum Feiern zumute, das wird den Zuschauern und dem Leser bald klar. Dovele ist am Ende seiner Karriere, ein erschöpfter und verbitterter Mann, der ganz sicher nicht gekommen ist, um sein Publikum zu bespaßen. Dieser Auftritt in der Kleinstadt Netanja wird womöglich sein letzter sein, sein künstlerisches Vermächtnis und zugleich eine Abrechnung mit seinem Leben.

Zunächst hat es den Anschein, als würde die Veranstaltung in geregelten Bahnen verlaufen. Der Comedian tänzelt über die Bühne, erzählt derbe Witze und Anekdoten, und die Gäste mögen’s, auch wenn Doveles höhnisches Grinsen ihnen eine Warnung sein sollte. Es braucht nicht lange, bis die Stimmung kippt, immer häufiger bleibt den Leuten das Lachen im Halse stecken, immer mehr von ihnen rufen empört dazwischen, verlassen schließlich den Saal. Dovele schert es einen Dreck, er macht das hier nicht für sie. Allenfalls für die Frau in der ersten Reihe, die sich als seine ehemalige Nachbarin zu erkennen gibt und einwirft, er sei doch ein guter Junge gewesen, und eine Handvoll anderer Menschen, die etwas mit ihm zu verbinden scheint. Vor allem aber macht er es für sich selbst.

Die Scherze weichen mehr und mehr einem Bekenntnis, das Vergnügen einem Gefühl der Beklemmung. Dovele erzählt von seinen Eltern, der unrettbar verlorenen Mutter, die »die Shoah absolviert hatte«, und dem gewalttätigen und doch fürsorgenden Vater. Und er erzählt von der ersten Beerdigung seines Lebens, von der Schuld, die er damals auf sich lud, und der Verwüstung, die dies in ihm anrichtete: »Ich glaub manchmal, [dieser Dreck] ist in meinem Blut bis heute nicht zerfallen. […] Ja, das ist mein persönliches Tschernobyl. Ein Moment davon reicht fürs ganze Leben. Und der hat mir bis heute alles vergiftet, aber wirklich alles, und auch alle Menschen, die ich berühre.«

Diese Geschichte vom Aufwachsen im Schatten des Holocaust und der Furcht der Eltern, ja, des gesamten israelischen Volkes hätte auch eine in sich geschlossene Erzählung ergeben können, die Wucht wäre möglicherweise umso ungehemmter gewesen. Doch wie die Familientragödie und der grobe Humor gegeneinandergesetzt werden, das hat freilich seinen Reiz. Nicht zuletzt, weil der Leser genauso wenig wie der Zuschauer weiß, was Dovele im Schilde führt, der Schlag ihn also ebenso unvorbereitet trifft. Erzähler ist nämlich nicht der Comedian selbst, sondern ein Jugendfreund von ihm, Richter Avishai Lazar, den er eigens zu dieser Vorstellung eingeladen und um ein Urteil gebeten hat. Avishais minutiöse Schilderung wird zum Denkmal für einen traurigen Clown.

Und für eine traurige Nation, ließe sich hinzufügen. David Grossmans Bücher sind immer auch politisch, er verhandelt darin das Erbe der Shoah ebenso wie die konfliktreiche Geschichte und Gegenwart Israels – mitunter zum Missfallen seiner Landsleute. Bei einer Lesung im Frankfurter Literaturhaus sagte der Schriftsteller kürzlich, das Publikum in seiner Heimat werde unruhig, sobald er kritische Töne anschlage; Doveles Auftritt ist nichts anderes als eine Zuspitzung dieser Erfahrung, das Zeugnis einer tief verunsicherten Gesellschaft, die sich nicht gern den Spiegel vorhalten lässt. Kommt ein Pferd in die Bar hat mich zwar – so viel zu den Erwartungen – nicht in einen ähnlich rauschhaften Zustand wie Stichwort: Liebe versetzt, doch auch dieser Roman schmerzt, rüttelt auf und hallt lange nach.

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser Verlag, München 2016, 256 Seiten, 19,90 €.

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4 Kommentare zu „David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

  1. Liebe Caterina,
    mich hatte das Buch verunsichert, ich war nicht sicher, ob ich es überhaupt mochte. Dennoch ging die Story mir nicht aus dem Kopf.
    Irgendwie ist es jetzt einiges klarer. Die Rolle von Dovele als Stand-up Comedian war möglicherweise die einzige Chance für Grossman, seinem israelischen Leser diese Dinge zu sagen. Jetzt ist alles viel klarer! Danke dafür, Jacqueline

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    1. Liebe Jacqueline,
      ich gebe zu, ich habe mich anfangs auch schwergetan mit dem Roman, erst im letzten Drittel hat er mich erwischt, und wie gesagt: Er hallt nach. Ich finde ihn erzählerisch nicht so aufregend wie beispielsweise Stichwort: Liebe, aber die Geschichte und die Figur des Dovele, die haben etwas in mir angerührt.

      Liebe Grüße
      caterina

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