Ryan Gattis: In den Straßen die Wut

Ryan Gattis - In den Straßen die Wut

»Die Jagdsaison ist eröffnet«

Wenn ich an L.A. denke, dann denke ich an breite, von Palmen gesäumte Boulevards, an schöne Körper am Venice Beach, an den Hollywood-Schriftzug hoch über der Stadt. Klischeebilder, keine Frage, aber so ist das nun mal mit Bildern, die sich, wenn man sie nur oft genug vorgehalten bekommt, im Gedächtnis einbrennen. Mit der Lektüre von Ryan Gattis’ Roman In den Straßen die Wut werden diese Bilder von anderen überlagert, von der Glamourwelt bleibt da nicht mehr viel übrig. Das fängt schon beim Cover an, das Los Angeles’ Palmen in Flammen zeigt: Flammen, die es wirklich gegeben hat, im Frühling 1992 nämlich, als die Stadt derart »lebendig und wütend« war, dass sie »sich selbst in Stücke [riss]«.

Auslöser der schweren Unruhen, die fast eine Woche lang in den Straßen von L.A. wüteten, war der Freispruch von vier Polizisten, die einen Afroamerikaner bei dessen Festnahme brutal misshandelt hatten. Nicht jedoch von diesen Polizisten erzählt Gattis und auch nicht vom Opfer, Rodney King, ja, nicht einmal von den eigentlichen Tumulten, die über zehntausend Verhaftungen und Sachschäden in Höhe von einer Milliarde Dollar zur Folge hatten. Gattis erzählt, was abseits davon geschah, von den Kriegen, die ausgetragen werden konnten, weil niemand mehr da war, der sie verhinderte, der die Wehrlosen beschützte und die Täter zur Rechenschaft zog. Hundertzwanzig Stunden lang herrschte Gesetzlosigkeit.

Es gibt keine Regeln mehr. Keine. Nicht in dieser Lage, bei diesen Ausschreitungen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken, als mir klar wird, dass jeder verdammte Bulle der Stadt anderweitig beschäftigt ist, und das bedeutet, die Jagdsaison ist eröffnet auf jeden Scheißidioten, der jemals mit irgendwas davongekommen ist. Und dieses Viertel hat ein verdammt gutes Gedächtnis.

In normalen Zeiten gilt, dass jene, die keiner Gang zugehören, aus den Rivalitäten herausgehalten werden, ganz gleich ob sie der Bruder, die Lebensgefährtin, der Kumpel eines Bandenmitglieds sind. Aber jetzt sind eben keine normalen Zeiten, jetzt befindet sich die Stadt im Ausnahmezustand, in dem sämtliche Gesetze ausgehebelt sind, die des Staates und erst recht die ungeschriebenen Gesetze der Gangs. Und so werden alle in die Kriege hineingezogen, die Schuldigen, die Unschuldigen und die dazwischen – All Involved lautet denn auch der Originaltitel des Romans. Siebzehn von ihnen lässt der Autor exemplarisch zu Wort kommen, zusammen erzählen sie diese ungeheuerliche Geschichte von Wut und Gewalt.

Alles beginnt mit Ernesto, der in einem Imbiss arbeitet und von einem besseren Leben als Koch drüben in Downtown träumt. Doch er ist mit den falschen Leuten verwandt und gerät am Abend des 29. April, ein paar Stunden nach dem Freispruch der Polizisten, zwischen die Fronten. Der grausame Mord an ihm löst eine Kette von Racheakten aus, die immer größere Kreise ziehen, erst ist es Ernestos Schwester Payasa, die mit ihrer Gang zurückschlägt, und am Ende sind es illegal operierende Truppen, ehemalige Polizisten und Soldaten, die für Recht und Ordnung sorgen, wenn die offiziellen Staatsorgane versagen. Und dazwischen Dealer, Sprayer und Junkies, Krankenschwestern und Feuerwehrmänner.

Siebzehn Perspektiven, das könnte für Verwirrung sorgen, würde Gattis nicht einen simplen Kniff anwenden: Er lässt die Figuren nicht abwechselnd erzählen, sondern nacheinander, wie bei einem Staffellauf wird der Stab immer weitergereicht. Das führt dazu, dass keine der Figuren im Zentrum steht, die wahre Heldin ist diese zornige und selbstzerstörerische Stadt, in der eben nicht nur der Glamour zu Hause ist, sondern auch »die Besitzlosen, die Verlierer, die Verbrecher, die Verzweifelten, die sich mit geradezu entsetzlicher Willenskraft ans Leben klammern«. So formulierte es der Schriftsteller Thomas Pynchon schon 1966 in der New York Times, ein Jahr nach den Ausschreitungen im Stadtteil Watts.

Mit was für einer Wucht sich eine solche Stadt entlädt, wenn Angst, Hass und Verzweiflung erst einmal den Gipfel erreicht haben, das zeigt dieser Roman auf fesselnde Weise. Das Etikett Thriller, für das sich der Rowohlt Verlag entschieden hat, ist allerdings fehl am Platz, eben weil es keine eindeutig benennbaren Helden und Gegenspieler gibt. Vielmehr handelt es sich um ein düsteres Gesellschaftsdrama über eine Handvoll Menschen, die in einer Spirale der Gewalt gefangen sind, viele davon noch halbe Kinder – jedem von ihnen verleiht Ryan Gattis eine eigene Stimme. Das Leid, das sie einander zufügen, bekommt auch der Leser zu spüren: Die Lektüre geht an die Nieren und die Bilder wird man nicht mehr los.

Ryan Gattis: In den Straßen die Wut. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Rowohlt Polaris, Reinbek 2016, 528 Seiten, 16,99 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Analog-Lesen
» Der Kultur Blog
» Der Schneemann

10 Gedanken zu “Ryan Gattis: In den Straßen die Wut

  1. Grandioses Buch. Ich war sehr begeistert. Beim Lesen seiner Besprechung viel mit gerade ein anderes Buch ein, das mit damals sehr gefallen hat und in dem auch L.A. die Hauptfigur ist: Strahlend schöner Morgen von James Frey.

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    1. Oh, danke für den Tipp, das klingt ziemlich gut! Und da steht’s sogar im Klappentext: »In L.A., der eigentlichen Hauptfigur, spiegeln Fakten und Fiktion einander im Rhythmus von Geschichte und Gegenwart, von Illusion, Liebe und Gewalt. Ein fulminant komponierter Roman über den unzerstörbaren American Dream.«

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