Johannes Ehrmann: Großer Bruder Zorn

Johannes Ehrmann - Großer Bruder Zorn

»Der Ringrichter bist du selber.«

Zwei Jahre lang habe ich im Wedding gelebt, jenem Berliner Bezirk, von dem es heißt, er sei im Kommen. Das hat man damals schon gesagt, als ich nach dem Abi hinzog, und das sagte man noch, als es ein paar Jahre später – da war ich längst wieder weg – meine Eltern für eine kurze Weile in dieselbe Ecke verschlug. Das war gleich hinterm Leopoldplatz und nicht weit vom S-Bahnhof Wedding, dazwischen der Max-Josef-Metzger-Platz, ein dreieckiges Stück Rasen und Gebüsch, und – kaum zweihundert Meter weiter Richtung Westen – der Nettelbeckplatz, »dieses große graue Nichts, [das] eben gerade nicht vom Dasein, sondern von der Abwesenheit vieler Dinge lebt«. Das hat der Journalist Johannes Ehrmann vor einiger Zeit im Tagesspiegel geschrieben – und nun legt er einen Roman über ebendiese Gegend vor, Großer Bruder Zorn.

Der Nettelbeckplatz heißt hier Bellermannplatz und die Keglerklause Trümmerklause, aber sonst ist alles genau so: ein großes Nichts aus Beton, gesäumt von Spätis, Friseurläden, türkischen Cafés und Imbissen. Hier lebt der gescheiterte Boxpromoter Aris, der auf den ganz großen Coup hofft, und hier arbeitet der ehemalige Juwelier Heinz, der mit alledem abschließen will, und auf der anderen Seite der S-Bahn-Trasse steht der Netto, wo die alleinerziehende Mutter Jessi Tag für Tag an der Kasse sitzt, und da fließt die Panke, an deren Ufer Späti-Mitarbeiter und Hobbyboxer Serdar Bier trinkt, den Blick auf den Bolzplatz gerichtet, wo einst die Brüder Boateng entdeckt wurden, und überall hier, vom Arbeitsamt bis rüber zum Humboldthain, dreht der Flaschenfascho seine Runde auf der Suche nach Leergut.

Es ist ein täglicher Kampf für sie alle. Fünf Menschen, die wenig bis gar nichts haben, nur Träume und manche von ihnen nicht einmal mehr das. Eine knappe Woche aus ihrem Leben erzählt der Autor, vom verkaterten Aufwachen am Montagmorgen bis zum Knall Freitagnacht und den Nachwehen am Samstag. Zunächst wie in einem Episodenroman lose umeinander gruppiert, verschränken sich die Perspektiven mehr und mehr und steuern auf ein Finale zu, bei dem einiges zu Bruch geht – für manche ist es das Ende, für andere ein Neuanfang. Mit einer groß angelegten Fight Night will Aris endlich seine Schulden tilgen, vielleicht klappt es dann auch mit der Verkäuferin aus dem Netto? Für den Hauptkampf lässt sich kurzerhand der Amateur Serdar verpflichten, um es seiner Freundin und vor allem sich selbst zu beweisen.

Wie viele, ich meine, wie viele Leute kennst du hier, die es mit dem Boxen zu was gebracht haben? Und jetzt komm mir nicht mit Aris …
Serdar winkt ab.
Nein, nein, sagt Ivo und wedelt mit dem Finger vor Serdars Gesicht rum. Wie viele? Wie viele Profisportler kennen wir?
Mir egal. Gibt immer ein erstes Mal.
Ja, klar, sagt Ivo, und die Ironie ist nicht zu überhören.
Und das, sagt Serdar, das ist GENAU der Grund, warum hier alle ihr Leben lang nicht aus dem Arsch kommen. Weil ihr alle Schiss habt. So einen Mordsschiss. Aber vor was, frag ich mich? Warum probiert hier keiner mal was? Irgendwas! […] Ich versteh’s einfach nicht. Warum machen sich hier immer alle so klein, so mickrig und winzig. Noch winziger, als sie eh alle schon sind?
[…]
Vergiss nicht, wo wir hier sind. Guck dir Aris an. All die anderen. Unsere ganzen Jungs. So viele, die Talent hatten. Richtig Talent. Und jetzt guck dir an, was die so machen. Wo die jetzt sind.
Ivo packt Serdar am Arm.
[…]
Wir, sagt Ivo, wir werden hier alle alt. Alle. Wir kommen hier nicht weg. Wollen wir auch nicht. Wir gehören hierher. Ist so. Immer schon gewesen.

Der Wedding kann ein schroffes Pflaster sein, das habe selbst ich damals mitbekommen und ich war die meiste Zeit, die ich dort gelebt habe, gar nicht da, sondern anderswo in Berlin. Schroff ist auch dieser Kiezroman. Kurze, harte Sätze, oft nicht mal vollständig – hier gibt es keine Schnörkel, hier werden keine Umschweife gemacht: »Die Devils, das sind die asozialsten Jungs der Gegend, alle hier um den Bellermann aufgewachsen. Drogen, Knast, Gewalt, alles dabei, Biografien wie Gestrüpp am Straßenrand«. Auf annähernd vierhundert Seiten wird das mitunter lästig, zumal alle Figuren ähnlich klingen, aber das ist ja auch kein Buch zum Wohlfühlen. Das kann schon mal dreckig werden und an die Substanz gehen und einen niederwerfen. Wie das Leben halt.

Aber Großer Bruder Zorn kann – dem Titel zum Trotz – auch anders, nämlich zärtlich sein und einen zum Lachen bringen, für die Zwischentöne hat Johannes Ehrmann ein gutes Gehör. Mit dem abgehalfterten Ex-Boxer, der Supermarktkassiererin, dem Grenzsoldaten, der vor zweieinhalb Jahrzehnten aus dem Dienst geschieden, aber immer noch in der Rolle verhaftet ist, erschafft er zwar (Stereo-)Typen, doch sind sie das nicht mehr und nicht weniger als wir alle. Man kauft diesen Menschen ihre Hoffnungen und Nöte ab, und es trifft einen, wenn es sie wieder mal erwischt und ihnen klar wird, da gibt es keinen Ringrichter, der auszählt, und dann stehst du einfach wieder auf: »der Ringrichter bist du selber«. Ehrmanns Debüt ist schnell, direkt und, ja, zornig, ein Buch für alle, die gelangweilt sind vom Großstadtschick und von der Literatur, die dieser hervorbringt.

Johannes Ehrmann: Großer Bruder ZornEichborn, Köln 2016, 400 Seiten, 19,99 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Weddingweiser
» Weddinger Berg
» lustauflesen.de

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3 Gedanken zu “Johannes Ehrmann: Großer Bruder Zorn

    1. Auch das, was danach kommt, ist stark: »Manchmal musst du runtergehen. Runtergehen und unten bleiben. Manchmal musst du dich auszählen lassen, weil es sonst nie aufhört.«

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