Im Gespräch mit Stephan Reich

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»Ich bin ein Meister darin, Dinge nicht zu tun.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt der Lyriker und Prosaautor Stephan Reich zu Wort, dessen Romandebüt Wenn’s brennt ich kürzlich besprochen habe. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

stephan reich© Kai Senf

Wer bist du und was machst du mit Literatur?

Ich bin Stephan Reich und arbeite als Journalist und Autor. 2014 erschien mein Lyrikband Everest, im Februar 2016 ist mein erster Roman Wenn’s brennt in der DVA erschienen.

Und was macht Literatur mit dir?

Sie bereichert mein Leben wie sonst nur noch die Musik. Eine zusätzliche Dimension, die ich nicht missen möchte.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Das Bedürfnis zu schreiben war schon immer latent da, ich bin allerdings ein Meister darin, Dinge nicht zu tun. So ging es mir auch lange mit dem Schreiben, alle paar Monate entstand mal ein Gedicht, das war’s. Mit 25 dann war ich mit einigen Dingen in meinem Leben sehr unzufrieden, unter anderem mit meinem geringen kreativen Output. Ich nahm mir vor, das Schreiben ernster zu nehmen, begann, viel mehr zu lesen, zunächst Lyrik, was dazu führte, dass ich auch viel mehr schrieb, ebenfalls zunächst Lyrik. Ich habe mich quasi dazu gezwungen, das Schreiben zu kultivieren.

Lyrik und Prosa: Was ermöglicht dir die eine Ausdrucksform, was die andere? Wie beeinflussen die beiden Arten zu schreiben einander?

Während der Arbeit an Wenn’s brennt habe ich gemerkt, dass sich die beiden Formen durchaus ins Gehege kommen, wenn ich sie parallel schreibe. Schrieb ich ein Gedicht, hatte ich sofort das Gefühl, das Lyrische färbe auf die Prosa ab. Wer Wenn’s brennt gelesen hat, wird mir zustimmen, dass das eher nicht so optimal gewesen wäre. Die Konsequenz war, dass ich kaum Gedichte gelesen und keine geschrieben habe, um den Tonfall des Romans nicht zu gefährden. Vielleicht liegt das aber auch am sehr laxen Sound von Wenn’s brennt und beim nächsten Roman ist alles anders.

Insgesamt mag ich beide Formen des Schreibens sehr gerne, empfinde sie aber als sehr unterschiedlich, fast konträr. Mein Lyrikband Everest ist sehr viel ernsthafter, nachdenklicher, stellt sich sprachlichen Fragen nach z.B. der Art und Weise, wie das Netz uns beeinflusst, wie es selber auch nutzbar gemacht werden kann in der Textproduktion. Der Zyklus »Metamorphosen« im Band z.B. ist mithilfe von google.translate entstanden. Mit Wenn’s brennt wollte ich ganz klassisch eine Geschichte erzählen und Spaß haben am Schreiben, an den Dialogen, am Humor der Protagonisten usw.

Du bist außerdem Redakteur beim Magazin STILL. Warum ist es dir wichtig, nicht nur selbst zu schreiben, sondern auch Literatur herauszugeben?

Ich bin aus zeitlichen Gründen leider gerade bei STILL ausgestiegen. Die drei, vier Jahre, in denen ich mitgeholfen habe, das Magazin zu machen, haben aber großen Spaß gemacht. Es gibt so unglaublich viele talentierte Künstler da draußen, die brauchen einfach Plattformen. Ich bewundere alle, so wie z.B. Marc und Nike von STILL, die Zeit und Energie investieren, um jungen, unbekannten Schriftstellern, Musikern, Fotografen, egal was, eine Bühne zu bereiten. Daumen hoch.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang? Welches Buch eines anderen Autors hättest du vielleicht sogar selbst gerne geschrieben?

Ich habe erst vor kurzem, also viel zu spät, Jörg Fausers Rohstoff gelesen und das erste Mal seit langem wieder gedacht: »Ja, verdammt!«. Ich hätte auf jeder Seite zustimmend nicken können, und vielleicht habe ich das auch. Da gibt es vielleicht eine Handvoll Bücher, die eine ähnliche Wirkung auf mich hatten. Wichtig für mein eigenes Schreiben war z.B. der Gedichtband Alles über Ruth von Crauss, der einer der ersten zeitgenössischen Lyrikbände war, den ich gelesen habe, und der in der Folge eine Art beschleunigende Wirkung auf mein eigenes Schreiben hatte.

Abschließend: An Büchern anderer AutorInnen, die ich gerne selber geschrieben hätte, ist die Welt nicht eben arm. Gerade vor kurzem auf der Buchmesse habe ich gemeinsam mit Philipp Winkler gelesen, auf der Party der Elisabeth Ruge Agentur, bei der wir beide unter Vertrag stehen. Er hat nur die ersten paar Seiten seines demnächst erscheinenden Romans gelesen, aber die fand ich schon so stark, dass ich dachte: Du Sack! Und dann war er auch noch ein netter Kerl. Schlimm.

Was bedeutet der (Literatur-)Standort Berlin für dich und dein Schreiben?

Berlin ist toll. Und das nicht nur, weil man am laufenden Band nette Literaturmenschen trifft und man also ständig Input hat. Sondern auch wegen allem anderen. Über die wahnsinnig aktive und heterogene Literaturszene hinaus gibt es ein riesiges kulturelles Angebot. Konzerte, Museen, Ausstellungen in jedwede Richtung. Das ist sehr befruchtend. Hinzu kommt eine generelle Verrückt- und Gelassenheit, die ich ganz angenehm finde. Jeder kann hier sein Ding machen und egal, was sein Ding ist, er wird dafür nicht schief angeguckt werden. Das ist sehr befreiend. Was allerdings nervt, sind die weiten Wege.

Was wünschst du dir, deinen Projekten, der Literatur für die Zukunft?

Ich habe bei Wenn’s brennt ein gutes Gefühl und mittlerweile fast eine freundschaftliche Beziehung zu den Figuren. Ich würde mir wünschen, dass ich mir das bewahren kann und sich das auch beim nächsten Projekt einstellt. Gerade fange ich an, den nächsten Roman zu konzipieren. Mal sehen …

Stephan Reich, 1984 geboren, lebt in Berlin. Er studierte Germanistik, Anglistik und Soziologie in Münster und arbeitet als Redakteur bei 11FREUNDE. Seine Texte werden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, beim 18. sowie 21. open mike der Literaturwerkstatt Berlin war er unter den Finalisten. Im Frühjahr 2014 erschien das Lyrik-Debüt Everest. Wenn’s brennt ist sein erster Roman.

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