#netzrundschau 03/2016

büchergilde magazin

# feuilleton vs. blogs?

Die Debatte um die Bedeutung von Blogs für die Literaturkritik ist nicht totzukriegen, und das ist auch gut so, denn wir Blogger können sie wieder und wieder zum Anlass nehmen, unser eigenes Tun zu hinterfragen, uns weiterzuentwickeln und so unseren Platz zu finden. Dass Blogs inzwischen eine ernst zu nehmende Instanz sind, dringt zu immer mehr Lesern durch – auch dank der traditionellen Medien, die sich verstärkt des Phänomens annehmen. Um die Leipziger Buchmesse herum gab es gleich mehrere Berichte: im Freitag (ein ABC von Journalist und Blogger Jan Drees), in der Frankfurter Rundschau, im Focus sowie im Magazin der Büchergilde. Die Artikel bieten in der Regel einen Überblick über die Szene, einigermaßen ausgewogen, manchmal durchaus auch kritisch, in keinem Fall aber so pauschalisierend und hämisch wie noch einen Monat zuvor in der Zeit.

# leipziger buchmesse 

Und auch auf der Messe selbst waren Blogs ein großes Thema: Zwar wurde die Idee der Bloggerpaten zum Preis der Leipziger Buchmesse nicht fortgeführt, stattdessen gab es jedoch neben einigen Podiumsgesprächen (darunter »Die Buchbeschleuniger«) eine eigens für Blogger organisierte Konferenz, bei der eine Kernfrage die Professionalisierung und Monetarisierung der Blogarbeit war (siehe auch die Diskussion bei Twitter). Auf der Bühne standen unter anderen Karla Paul (Buchkolumne) und Mara Giese (Buzzaldrins Bücher) – ihre Vorträge können hier und hier nachgelesen werden, Mara wurde außerdem vorab vom Deutschlandfunk interviewt. Was sonst noch so auf der Messe los war, das steht bei lustauflesen.de, Sounds & Books, Buchrevier, glasperlenspiel13 und Kaffeehaussitzer geschrieben.

Einer der klügsten und schönsten Rückblicke stammt von Frank O. Rudkoffsky, der zu dem Schluss kommt: »Wer noch immer glaubt, es ginge um Blogs vs. Feuilleton, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden; es geht hier nicht um Neuland gegen Brachland. […] Die Zukunft gehört der Vernetzung, gehört jenen, die sich heute ganz selbstverständlich in sozialen Netzwerken bewegen und Projekte anstoßen, die in alten Strukturen kaum denkbar gewesen wären.« So etwa der Allrounder Leander Wattig, der 2013 die Autorenrunde initiiert hat: »Wattig bringt Menschen zusammen, die gemeinsam etwas bewegen wollen. Menschen, denen es nicht wichtig ist, was sie trennt, sondern das, was sie verbindet. Ich bin fest davon überzeugt: Hier entstehen Strukturen, die bleiben.«

# tell

Eine dieser neuen Strukturen ist das Online-Magazin tell, das pünktlich zur Leipziger Buchmesse das Licht der Welt erblickt hat. Hervorgegangen aus der Debatte über den Zustand der Kritik, die im vergangenen Jahr im Perlentaucher geführt wurde, will es ein »digitaler Salon« sein, wo »die Grenzen zwischen Lesern, Kritikern, Autoren und Übersetzern durchlässig« werden, eine Adresse »für alles, worüber sich in der Literatur und im Leben zu debattieren lohnt«. Insbesondere Mitbegründerin Sieglinde Geisel arbeitet sich seither an der »Kunst der Kritik« ab und fragt: »Was braucht es, um Literaturkritik (wieder?) aufregend zu machen?« Antworten darauf gibt sie ab sofort in der Reihe »Satz für Satz« – auch für Blogger (jene, die Kritik üben wollen) sicher interessante Anregungen, um Blogrhythmusstörungen wie die von lustauflesen.de künftig zu vermeiden.

# blogs & books

Aber natürlich finden auf den Blogs nicht nur Metadiskussionen statt, es wird auch weiterhin viel über Literatur geredet. Bisweilen sogar live und in Farbe, wie bei der zweiten Ausgabe der »Electric Nights«, einem Veranstaltungsformat des Hamburger Digitallabels edel & electric: Acht Blogger stellten am vergangenen Dienstag ihre Lieblingsbücher vor, Gérard von Sounds & Books war da und hat’s in Wort und Bild festgehalten. Im Vorfeld haben die Teilnehmer auf dem Blog von edel & electric Auskunft über ihr Tun und ihren Werdegang gegeben, darunter Sophie Weigand (Literaturen), Maximilian Buddenbohm (Herzdamengeschichten) und Dirk Bathen (Mentalreserven).

Am 26. März fand zum vierten Mal der Indiebookday statt, ein Feiertag für Freunde des besonderen Buches. Die Klappentexterin hat ihn zum Anlass genommen, eine Liebeserklärung an die Indiebooks zu verfassen: »Ihr seid nicht laut und kreischend. Ihr seid stiller und einfach bezaubernd. Bei euch bleibt die Zeit stehen, alles wird langsamer, nur das Herz nicht. Das tanzt vor Entzücken.« Die Damen von We read Indie haben zu Ostern sechs unabhängige Verlage aufgespürt, denen sie von nun an mehr Aufmerksamkeit schenken wollen. Und seit Anfang des Monats gibt es eine neue Streiterin für das gute Buch, die Frankfurterin Isabella mit ihrem frisch geborenen Blog novellieren, auf dem es RezensionenVeranstaltungsberichte, Ortsbegehungen und einiges mehr gibt.

# und weiter?

Wer wissen will, wie all das – das Büchermachen, Lesen und Darübersprechen – in zehn Jahren aussehen wird, der leiste Uwe Kalkowski alias Kaffeehaussitzer beim Kaffeesatzlesen Gesellschaft. Viel Vergnügen!

Button Netzrundschau

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9 Kommentare zu „#netzrundschau 03/2016

  1. Ich schließe mich an dieser Stelle gerne an mit meinem Dank. Besonders interessant finde ich den Hinweis auf das Online-Magazin „tell“. Der Gedanke an einen digitalen Salon fasziniert mich sehr. Ich werde mich dort gleich mal etwas umsehen.

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    1. Auch ich finde die Initiative höchst interessant und werde mit Spannung verfolgen, wie sie sich entwickelt. Inwiefern sie tatsächlich so eine hybride Plattform für Kritiker, Blogger, Leser sein wird, wie sie verspricht. Noch ist sie ja ganz am Anfang, aber was dort zu bislang zu lesen ist, ist vielversprechend.

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