Stephan Reich: Wenn’s brennt

Reich - Wenn's brennt (c)

»Ich frage mich, wann die Dinge eigentlich aufgehört haben, so zu sein, wie sie sind«

Ein Sommer, zwei Heranwachsende, die ausbrechen aus der Ödnis, eine Reihe von Eskapaden und am Ende ein gehöriger Knall: Wenn ein Coming-of-Age-Roman diese Zutaten vermengt, erinnert man sich unweigerlich an Tschick, Wolfgang Herrndorfs Bestseller aus dem Jahr 2010, dessen Verfilmung (Regie: Fatih Akin) diesen Herbst in die Kinos kommt. Auch der im Februar erschienene Debütroman von Stephan Reich, Wenn’s brennt, bedient sich einer solchen Konstellation, und wie in Tschick beginnt und endet alles mit einem Crash, der Vergleich drängt sich also auf. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist Wenn’s brennt wütender, derber, radikaler. Mit fortschreitender Lektüre weicht das Lachen immer mehr einem Gefühl der Beklemmung.

Das fängt schon beim Setting an: die trostloseste Provinz, die man sich vorstellen kann – zumindest wenn man den zwei Helden der Geschichte Glauben schenken darf. Viel hat das Kaff jedenfalls nicht zu bieten: eine Schule, ein Freibad, ein paar Hügel drumherum und einen Schotterplatz hinterm längst geschlossenen Aldi, darauf ein altes Sofa, auf dem sie Bier trinkend den Großteil ihrer Jugend verschwenden. Erik und Finn heißen die beiden Freunde, sie sind sechzehn – zwei Jahre älter als Maik und Tschick – und stehen kurz vorm Ende ihrer gemeinsamen Schulzeit. Nach den Sommerferien trennen sich ihre Wege: Finn wird zum Vater nach Hamburg ziehen und dort weiter zur Schule gehen, Erik beginnt eine Lehre bei der örtlichen Post und damit dasselbe Stechuhr-Leben wie sein Papa.

»Würdest du lieber gelähmt sein oder tot?«, fragt Finn und stößt mit mir an.
»Weiß nicht.«
»Ich tot.«
»Ich wahrscheinlich eher gelähmt.«
»Ist beides bestimmt nicht viel schlimmer als die Ikea-Leben, auf die wir zusteuern.« Finn leert sein Bier in einem Zug.
»Da hat aber jemand ein bisschen zu viel Fight Club geguckt«, sage ich und Finn verschluckt sich ein wenig vor Lachen.
»Trainspotting, Mann. Choose life, choose a job. Choose rotting away at the end of it all, pissing your last in a miserable home, nothing more than an embarrassment to the selfish, fucked up brats you spawned to replace yourself. Prost.«
»Ja, sicher, Prost. Weil die Jungs in Trainspotting, die machen ja alles richtig, nicht wahr?«, sage ich. Aber beeindruckt bin ich trotzdem, dass Finn das alles so auswendig kann.
»Natürlich nicht. Aber die Frage ist doch berechtigt?«
»Ich hab keine Frage gehört.«
»Weil du nie was hörst.«
»Weil du keine Fragen stellst.«
»Mann, ich mein’s ernst. Perspektive, darum geht es.«
»Die ist doch gerade ganz gut«, sage ich und nicke in Richtung Schwimmbecken, wo Steffi immer noch mit den Brüsten nach oben im Wasser treibt.

Sechs Wochen bleiben ihnen, um Abschied voneinander zu nehmen. Sechs Wochen, in denen sie saufen und kiffen, mit ihren Freunden abhängen – allen voran Eriks On/Off-Beziehung Nina und dem bullyhaften, aber irgendwie doch ganz okayen Nelson – und sich mit ihren Feinden anlegen, unterhaltsame Fake-Bewerbungen und Listen verfassen (»Lebensträume, die total scheiße sind und für die es sich nicht mal ansatzweise zu leben lohnt«, etwa die Route 66, »der penibel gepflegte und akkurat geschnittene Reihenhaussiedlungs-Vorgarten unter den Lebensträumen«). Sechs Wochen, in denen vor allem das Jetzt von Belang ist – manchmal blicken Erik und Finn zurück, auf das gemeinsam Erlebte, selten aber nach vorne, weil das, was kommt, wenig verlockend ist.

Und je weiter sie auf diesen Punkt zusteuern, desto mehr driften sie auseinander. Obwohl sie einander schon seit einer Ewigkeit kennen und beste Freunde sind, muss Erik sich im Laufe des Sommers eingestehen, dass er keine Ahnung hat, was in Finn wirklich vorgeht. Der hat offenbar nicht vor, sang- und klanglos zu verschwinden: »It’s better to burn out than to fade away«, lautet sein Credo, und so wird das, was als riesengroßer Spaß, als eine sechs Wochen lange Abschiedsparty gedacht war, bitterer Ernst. Finn wird von Tag zu Tag unberechenbarer, exzessiver, selbstzerstörerischer: Alles fängt damit an, dass er einen Lehrer schlägt, weil der mit seiner Mutter schläft, dann randaliert er auf einer Party, experimentiert mit Extasy, bricht ins Schulgebäude ein, bedroht jemanden mit einem Messer.

Die Nacht ist klar und ich sehe die Sterne deutlich und zahlreich und ich denke an einen Spaziergang mit Papa vor vielen Jahren, auf dem er mir erklärt hat, dass viele der Sterne schon längst tot seien und nur noch ihr Licht existiere, das noch auf dem Weg zu uns sei. Und ich trinke noch ein Bier aus dem Kasten und frage mich, wann die Dinge eigentlich aufgehört haben, so zu sein, wie sie sind. Seit wann es nur noch das Licht von Sternen gibt und nicht mehr die Sterne selbst, wo Finns Messer bloß herkommt und wie knapp es wohl war, die Distanz bis zu dem Punkt, an dem er diese eine Bewegung mit seinem Arm wirklich vollzogen hätte […].

Nichts macht Erik mehr Angst als diese Erkenntnis, das Ende der Kindheit, der Unbeschwertheit, vielleicht sogar der Freundschaft. Für diesen Sechzehnjährigen, der eigentlich nur chillen will und gleichzeitig so verunsichert ist wie nie, hat Stephan Reich in Wenn’s brennt einen authentischen Duktus gefunden. Nina wirft Erik regelmäßig vor, er sei nicht bei der Sache, und genau so erzählt er auch: assoziativ, abschweifend, von einem Gedanken zum nächsten springend. Situationskomik, bizarre Fantasien und lebhafte Dialoge wechseln sich mit Passagen voller Zärtlichkeit ab, derber Witz mit Melancholie und Düsternis. Es darf sich glücklich schätzen, wer eine glimpflichere Jugend verlebt hat – und stattdessen nun diesen flammenden Coming-of-Age-Roman lesen darf.

Stephan Reich: Wenn’s brenntDVA, München 2016, 240 Seiten, 14,99 €.

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9 Gedanken zu “Stephan Reich: Wenn’s brennt

  1. Oh Gott, ich fand den Roman leider so uninspiriert – von der Unfallszene, mit der alles anfängt und endet, über das Nachts schwimmen im Freibad bis hin zum „its better to burn out..“-Zitat….die Fußballszene unter E war originell, aber mit Fußball kennt sich der Autor ja auch aus (mit Drogen weiß ich nicht – aber wo kriegen die in den Dorf-Jugend-Romanen immer den ganzen Stoff her?)

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    1. Klar, er verwendet natürlich Versatzstücke und wiederkehrende Motive des Genres, aber ich empfinde es dennoch als eine ganz und gar eigenständige Geschichte, gerade in Bezug auf die Entwicklung der Figuren und die Dynamik zwischen ihnen. Und was die Drogen angeht: Ich hätte damals in meiner eigenen Provinzjugend nicht gewusst, woher ich die bekomme, aber ich weiß, dass es andere in meinem Alter es sehr wohl gewusst haben, also das halte ich nicht für allzu unrealistisch. 😉

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