Im Gespräch mit Maggie Gernatowski

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»Fang einfach an, Schritt für Schritt, alles andere gibt sich schon von selbst.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt Maggie Gernatowski zu Wort, die jüngst das Buch About My Shelf im eigens dafür gegründeten Verlag von Wegen herausgegeben hat. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

© Alexandra Reichart© Alexandra Reichart

Wer bist du und was machst du mit Büchern?

Ich bin Maggie, entwickle Buchideen und bringe sie in Papierform. Zumindest habe ich das mit About My Shelf getan, meinem ersten Projekt.

Wie ist die Idee zum Buch About My Shelf entstanden? Und wie ist es dann zur Gründung des Verlages gekommen?

Aus purer Eigennützigkeit, ehrlich gesagt. Da ich selbst immer, wenn ich irgendwo Bücher- oder Musikregale erspähe, den Inhalt abscannen muss, kam ich auf die Idee, dass man dieses »Regal-Peeping« auch irgendwie festhalten sollte. Ziemlich schnell war mir auch klar, dass ich für das Projekt gerne Künstlerinnen und Künstler aus der Literatur- und Musikszene befragen möchte.

Da ich den Aspekt der Intermedialität spannend finde, also z. B. wenn in Songs Versatzstücke aus Büchern verwendet werden oder umgekehrt, habe ich Musikerinnen und Musiker nach ihren Bücherregalen befragt und Autorinnen und Autoren nach ihren Musikregalen. Und weil ich schon seit Längerem mit der Idee eines eigenen Verlags geliebäugelt habe, war er mit der ersten Buchidee hiermit geboren.

Wie hast du dir das Handwerk des Verlegens angeeignet? Welchen Herausforderungen musstest (und musst) du dich stellen?

Da ich nach dem Studium fünf Jahre lang ein Stadtmagazin herausgebracht habe, waren mir Konzeption, Redaktion und Vertrieb eines Printmediums zumindest nicht ganz fremd. Aber ein Buch herauszubringen, ist schon etwas anderes. Ganz ehrlich: Ich habe die Gedanken, wie ich das alles mache, erst mal ganz weit nach hinten geschoben, sonst hätte mich die Muffe vor dem großen Ganzen noch davon abgehalten, überhaupt anzufangen.

Also habe ich mir gesagt: Fang einfach an, Schritt für Schritt, alles andere gibt sich schon von selbst. Also habe ich damit begonnen, die Künstlerinnen und Künstler anzuschreiben und sie für die Teilnahme an dem Buchprojekt zu begeistern. Parallel dazu wurden Name und Logo für den Verlag entwickelt, Fotografinnen und Fotografen aus dem Bekanntenkreis angefragt usw.

Herausforderungen gab es viele: Zum Beispiel artete es häufig in einem ewig langen E-Mail-Verkehr aus, bis man mal einen geeigneten Fototermin für die Bilder hatte. Auch die Interview-Fragebögen gingen teilweise zigmal hin und her, weil ich noch Ergänzungen brauchte. Das Layout stellte natürlich auch eine große Herausforderung dar, aber da hat der liebe Tobi Bergmann zum Glück bis zur Perfektion dran gefeilt.

Am wenigsten vorbereitet war ich aber auf das, was nach der Veröffentlichung kam: Begriffe wie VLB, Partie, Remission, mit denen die Buchhandelsmenschen, mit denen ich auf einmal Kontakt hatte, um sich schmissen, waren mir bis dahin eher fremd. Aber auch das hat sich dann Stück für Stück irgendwie ergeben – auch dank der Tipps einer guten Freundin, die eine Buchhandelsausbildung hat und seit Jahren für Verlage und Buchläden arbeitet.

Letztlich bin ich aber froh, dass ich ganz naiv und mit einer »Einfach machen«-Attitüde an das Projekt herangegangen bin, da mir so die Dimensionen des Ganzen nicht bewusst waren und ich einfach von einem kleinen Stein auf den größeren gehüpft bin, ohne den riesigen Berg ständig ehrfürchtig anzustarren.

Wie ist die Resonanz auf dein Projekt?

Sehr positiv und das freut mich auch sehr, sehr, sehr. Ich glaube, die Leute merken, dass das Buch mit Liebe gemacht wurde und nicht aus Profitzwecken, und sind zum Glück auch genauso begeistert von der Idee, wie ich es immer noch bin. Ich habe sogar Mails erhalten, in denen Leute mir schrieben, dass sie das Buch toll finden. So etwas erwartet man gar nicht und macht einen umso glücklicher. Auch, weil es mir das Gefühl gibt, dass der Verlag so persönlich geblieben ist, wie ich es mir eben von Anfang an gewünscht habe.

Übrigens habe ich lustigerweise besonders viel positive Rückmeldung aus der Schweiz erhalten, sogar einen längeren Beitrag im Schweizer Radio, woraufhin viele Bestellungen aus der Schweiz reinkamen. Keine Ahnung, warum, aber ich freue mich. 😉

Was kann Literatur in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas? Und wie steht es mit der Musik?

Oh, Literatur kann so viel! Den Horizont erweitern, die Seele streicheln, Trost spenden, amüsieren, fesseln, die Augen öffnen. Ein perfektes Buch ist für mich wie eine Seelenverwandtschaft, wie eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Manchmal lese ich Sätze, die sind so formuliert, dass sie mit wenigen Worten ein ganzes mächtiges Problem oder ein kompliziertes Gefühl ausdrücken. Das kann ein Songtext zwar auch, aber Literatur bietet dafür meist viel mehr Raum.

Bei Musik ist alles irgendwie anders, die geht eher durchs Herz als durch den Kopf und trifft einen unvermittelter und fördert die Gefühle eher zutage. Und sie hat die Macht, bestimmte Gefühle, die man aus dem Kontext mit dieser Musik kennt, immer wieder hervorzurufen. Und das ist meist ein viel intensiveres Erlebnis als eine schöne Sprache und ein tiefgründiger Satz, die einen zum Nachdenken und zur Selbstanalyse anregen. Wobei die perfekte Mischung natürlich Musik mit besonders eindrucksvollen und berührenden Texten ist. 😉

Welches Buch und welche Platte haben dich zuletzt beschäftigt? Und welche ein Leben lang?

Das letzte Buch, das bei mir einen starken Eindruck hinterlassen hat, war wohl Bericht aus dem Inneren von Paul Auster. Bei Auster habe ich noch ziemlichen Aufholbedarf, aber jedes einzelne Werk von ihm bewirkt bei mir das, was ich bei der vorangehenden Frage beschrieben habe. So war es auch bei diesem Roman. Mit einer so einfachen Sprache so viele Synapsen und Gefühle anzusprechen, ist wirklich große Kunst. Und eine der Platten, mit denen ich in den letzten Monaten am meisten Zeit verbracht habe, ist Coming Home von Leon Bridges. Einfach, weil so viel Seele in ihr steckt.

Zu den All-Time-Favourites aus der Literatur zählen für mich – außer allen Auster-Büchern, die ich bislang gelesen habe – Paris, ein Fest fürs Leben von Hemingway, Der Menschen Hörigkeit von William Somerset Maugham und Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson McCullers.

Welche anderen Künste inspirieren dich?

Fotografie und Zeichnungen/Illustrationen/Comics.

Was für Pläne hast du für die Zukunft? Wird es weitergehen mit dem Verlag?

Ich habe schon eine ganze Liste an Ideen für neue Buchprojekte, u. a. ein illustriertes Buch zu einem meiner Lieblingssongs. Was als Nächstes kommt und wann, wird mir mein Bauchgefühl irgendwann sagen. Auf jeden Fall möchte ich den Schwerpunkt Popkultur beibehalten. Aber auch schön illustrierte Kinderbücher und Spiele, Kassetten und Papierobjekte kann ich mir gut vorstellen.

Maggie Gernatowski, geboren während eines Sommerunwetters im Jahr 1980 auf dem heimischen Sofa in einem kleinen Dorf bei Danzig; die frühe Kindheit in der Dorfbibliothek verbracht, in der ihre Mutter arbeitete; mit sieben gemeinsam mit den Eltern und dem großen Bruder nach Nürnberg ausgewandert; schon in der Grundschule mit dem Schreiben begonnen (eigene Magazine gegründet und unter den Mitschülern vertrieben); nach dem Abitur nach Köln gezogen; Neuere deutsche Literaturwissenschaft (Magister) studiert; nebenher Praktika bei diversen Online- und Printmagazinen; nach dem Studium ein Stadtmagazin für junge Leute in Köln gegründet und dieses fünf Jahre lang herausgebracht; seitdem als Online-Redakteurin, TV-Redakteurin, Drehbuchautorin und freie Autorin gearbeitet; zur Zeit Vollzeit als Reiseredakteurin beschäftigt – und nebenbei als Verlegerin.

» www.verlagvonwegen.de
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5 Gedanken zu “Im Gespräch mit Maggie Gernatowski

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