Scharfe Stellen und die Bücher meines Lebens

Vorüber ist sie, die zehnte Ausgabe des immer wieder schönen und vielseitigen Literaturfests lesen.hören in der Alten Feuerwache Mannheim. Am Sonntagvormittag habe ich die Tür des Turmzimmers, das ich nun das dritte Jahr in Folge bewohnte, hinter mir geschlossen, ein letztes Mal die Mannheimer Quadrate durchquert und den Zug nach Frankfurt genommen. Zehn Veranstaltungen liegen hinter mir, sechzehn beinhaltete das Programm insgesamt. Den Abschluss bildeten Freitagnacht eine höchst vergnügliche Lesung, in der es schmutzig zuging, und am Samstagabend eine weitere Ausgabe des Formats »Die Bücher meines Lebens«, in dem ganz unterschiedliche Menschen ins Schwärmen geraten.

Scharfe Stellen

Als am Freitag die Rock’n’Roll-Lesung von Thomas Glavinic und Peter Stamm vorbei war, ging es über den Neckar rein in die City, genau genommen ins Programmkino Atlantis, wo es eine ungewöhnliche Spätvorstellung gab. Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, hat über Jahre die Literatur nach verunglückten Sexstellen durchforstet und diese in dem Buch Wer hat den schlechtesten Sex? zusammengefasst, das im vorigem Jahr in der DVA erschienen ist. Eine Auswahl der kuriosesten, zweifelhaftesten und lustigsten Passagen stellte er an diesem Abend gemeinsam mit der Sprecherin Marion Mainka vor, und das Publikum durfte abstimmen, was Kunst ist und was Kitsch.

Moritz spannte einen Bogen von den Lektüren seiner Jugend bis zur aktuellen Literatur, von Hesse über Siegfried Lenz bis hin zu Charlotte Roche, von tierischen Vergleichen über Ausflüge in die Botanik und Kulinarik bis hin zu Cybersex, und Mainka las die Stellen mit einer solchen Inbrunst, dass es die Zuschauer kaum in den Kinosesseln hielt. Brausenden Beifall erhielten etwa ein schweinischer Dialog aus Martin Walsers Angstblüte sowie die Beschreibung einer Vagina in Clemens Setz’ Indigo: »Es sah aus wie Knetmasse. Wie ein zusammengeknüllter Oktopus, der in eine enge Höhle gestopft worden war. Wie das Schattenprofil von Alfred Hitchcock.« Der Höhepunkt aber dürfte folgender Auszug aus Karen Duves Regenroman gewesen sein:

Es war gut. Es war so … – so weich. So viel. Als würde er mit dem ganzen Moor schlafen. Als wäre der Morast und der Torf und die verfaulten Blätter, die Pustelpilze und die vollgesogene Rinde und all das kleine Gekriech, das darauf lebte, die Moor- und Wasserfrösche, die Kröten, Unken, Molche und Olme und was da sonst noch herumkroch und schiß und sich fortpflanzte, all das Kaulquappenzeug und der Laich und nicht zuletzt der Regen, der endlose alles auflösende Regen, der sich im Moor fing – als wäre das alles zu einer einzigen Frau geworden.

Die Bücher meines Lebens

Das Format ging am Samstagabend in die dritte Runde: 2013 sprach Gregor Gysi über die Bücher seines Lebens, im vergangenen Jahr war es die Schauspielerin Marie Bäumer. Dieses Mal holten die Festivalmacher niemand Geringeren als Herbert Grönemeyer auf die Bühne, die Veranstaltung war ruckzuck ausverkauft, zahlreiche waschechte Fans haben sich unter das übliche lesen.hören-Publikum gemischt. Und sie waren begeistert, obwohl Grönemeyer kein einziges Mal sang, sondern ausschließlich über Literatur redete. Zur Seite stand ihm dabei der Schriftsteller und Lyriker Michael Lentz, es entspann sich ein erfrischender Dialog, bei dem der eher emotionale Zugang des einen und der literaturwissenschaftliche Hintergrund des anderen einander perfekt ergänzten.

Fünf Bücher stellte Grönemeyer vor, manche mehr, manche weniger bekannt: die Romane Die Glut von Sándor Márai, Erfolg von Lion Feuchtwanger, Giovannis Zimmer von James Baldwin und Nachgetragene Liebe von Peter Härtling sowie die Liebesgedichte von Mascha Kaléko. Allesamt sehr intensive Lektüren, jede auf ihre Weise: mal zart und still, mal wuchtig und rasant, mal heiter und verschmitzt. Etwas schnell las Grönemeyer allerdings, sodass die Kraft der Texte ein wenig verloren ging, insbesondere bei den Gedichten. Doch das anregende Gespräch zwischen ihm und Lentz fing dies wieder auf, das Publikum lauschte aufmerksam und kaufte am Schluss den Büchertisch leer, der im Übrigen – wie bei allen Veranstaltungen des Festivals – vom engagierten Laden Bücher Bender betreut wurde.

Nachdem die letzten Zuschauer den Saal verlassen hatten, saßen wir noch einmal backstage zusammen und stießen auf eine gelungene zehnte Ausgabe von lesen.hören an, auf die tolle Kuratorin Insa Wilke, auf das ganz und gar großartige Team der Alten Feuerwache, allen voran den Geschäftsführer Sören Gerhold sowie Katharina Tremmel und Sebastian Bader, und nicht zuletzt auf den vor einem Monat verstorbenen Schirmherrn Roger Willemsen, der oft gefehlt hat in diesen Tagen und an den viel gedacht wurde. Man sei ihm, so Gerhold zu Beginn des Abends, unendlich dankbar für alles, was er für das Festival getan habe, und werde es in seinem Sinne fortführen. Ein großes Glück für das Mannheimer Publikum.

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