Zwei Gipfeltreffen

Zweimal zwei Schriftsteller holte das Literaturfest lesen.hören am vergangenen Donnerstag und Freitag nach Mannheim und gewährte damit einen Einblick in vier Titel des aktuellen Frühjahrsprogramms: zum einen Marion Brasch und Michael Köhlmeier, zum anderen Thomas Glavinic und Peter Stamm. Dass es sich um vier Menschen mit wachem Verstand und Esprit handelte und die jeweiligen Gesprächspartner noch dazu einander gut kannten, machte es zu wunderbar lebendigen und erfrischenden Veranstaltungen.

Brasch & Köhlmeier

Unter der Überschrift »Helden der Herzen« wurde der Donnerstagabend im Programmheft angekündigt, und vielleicht waren damit die Autoren gemeint, die zu Gast waren, vielleicht auch die Figuren ihrer Bücher. Marion Brasch und Michael Köhlmeier sind, das erfuhr man gleich zu Beginn, befreundet – und sie waren es auch mit Roger Willemsen, der die Idee hatte, die beiden auf der Bühne zusammenzubringen. Zwei Freunde also, die gemeinsam über ihre Werke und über das Schreiben reden, ganz ohne lenkenden und vermittelnden Moderator – ein Format so sympathisch wie die zwei, die es mit Leben füllten.

So unterschiedlich sie selbst und ihre Auffassungen von Literatur auch sein mögen, es war ihrem Gespräch anzumerken, wie vertraut sie miteinander sind und wie sehr sie das Urteil des jeweils anderen wertschätzen. Und wenn sie einander lobten – gerade Köhlmeier tat dies auf überschwängliche Weise –, dann zweifelte man nicht an der Aufrichtigkeit ihrer Begeisterung. Und tatsächlich war im Anschluss an die Veranstaltung der Andrang am Bücher- und Signiertisch groß, insbesondere Marion Brasch scheint für viele der Zuschauer eine wahre Entdeckung gewesen zu sein.

Aber natürlich sprachen die Bücher auch für sich, jenseits der emphatischen Worte. Köhlmeier stellte sein neuestes Werk Das Mädchen mit dem Fingerhut (Hanser) vor und betonte, dass es zwar märchenhafte Züge trage, vor allem aber eine Sozialstudie sei. Als Inspiration habe ihm Hans Christian Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern gedient, außerdem Mark Twains Die Abenteuer des Huckleberry Finn, ein Buch, das ihn sein ganzes Leben lang begleitet habe. Als Köhlmeier einen längeren Auszug las, verstand man sofort, weshalb er das Hörbuch selbst eingesprochen hat, so kraftvoll und nuancenreich war seine Darbietung.

Braschs drittes Buch Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot (Voland & Quist) ist weniger ein Roman, auch wenn das auf dem Umschlag steht, als eine Sammlung von Stories, die zusammengehalten werden von Becketts berühmter Figur Godot. Die habe sie, so erzählte Brasch, auch schon in einer ihrer Radiosendungen verwendet, sie ließ sie zwischen den Songs spazieren wie nun durch die Geschichten. Das Publikum gewann Brasch an diesem Abend mit absurder Komik, Wortwitz und einer Fabulierlust, die Köhlmeier an Scheherazade aus Tausendundeine Nacht und an Lewis Carroll erinnerte.

Glavinic & Stamm

Auch am Freitagabend betraten gleich zwei Autoren die Bühne, Insa Wilke sprach in ihrer Anmoderation gar von einem Gipfeltreffen: Einer der bekanntesten österreichischen Schriftsteller der Gegenwart, Thomas Glavinic, traf auf einen der bekanntesten Schweizer Schriftsteller der Gegenwart, Peter Stamm, im Übrigen ein Verlagskollege, seit Glavinic mit seinem neuesten Werk zu S. Fischer gewechselt ist. Im Gegensatz zum Vorabend stand ihnen jedoch eine Moderatorin zur Seite, Annette Schiedeck, die schon vor zwei Jahren zu Gast bei lesen.hören war.

Eine nicht immer ganz glückliche Konstellation, da einige von Schiedecks Fragen etwas unbeholfen waren und Glavinic seine Ratlosigkeit offen zur Schau stellte. Stamm übernahm in dieser Runde oft die Rolle des Vermittlers, indem er an Glavinic’ Stelle antwortete und die Frage dann weiterreichte. Genau das war aber auch das Schöne an dieser Veranstaltung: Die Autoren redeten und scherzten miteinander, es war wie bei Marion Brasch und Michael Köhlmeier ein Gespräch unter Freunden, den Rotwein haben sie sich mit auf die Bühne gebracht und selbst aufs Rauchen verzichteten sie nicht.

In den folgenden anderthalb Stunden ging es hauptsächlich ums Schreiben und um das eigene Verhältnis zum Geschriebenen: »Ich sage immer, es ist nicht autobiografisch, es ist persönlich«, erklärte Stamm. Beide schreiben darüber, was ihnen am nächsten sei, sie seien das ganze Buch, jede Figur darin. Die größte Herausforderung sei, so Glavinic, nicht das (Er-)Finden einer Geschichte, sondern das Schreiben selbst, jedes Mal aufs Neue etwas anzupacken, von dem man nicht wisse, ob es gelingt. Schreiben sei anstrengend, ergänzte Stamm: Von außen sehe es faul aus, aber hinterher sei man völlig erschöpft.

So unterschiedlich ihre Bücher auch sind, so einig waren sie sich in erstaunlich vielen Dingen, etwa was den beklagenswerten Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und der Kritik anging. Über den Inhalt und die Machart ihrer eigenen Romane, Weit über das Land und Der Jonas-Komplex, wurde indes wenig gesagt, aber es wurde natürlich gelesen, und so wie die zwei Autoren sich im Gespräch gaben, so trugen sie nun auch ihre Texte vor: Stamm ruhig und besonnen, Glavinic auf seine charmant-grantlerische Art. Das Publikum war hingerissen und verabschiedete die beiden mit einem langen Applaus.

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