Eine Ohrfeige, Idiotie und Unrecht

Ein Roman, der derzeit in aller Munde ist. Eine Essaysammlung, die im vergangenen Jahr einige Preise gewann. Und ein Klassiker der deutschen Literatur, der an Aktualität nicht eingebüßt hat. An drei Abenden führte das Mannheimer Fest lesen.hören an drei verschiedene Orte – im geografischen wie im übertragenen Sinne: Einmal ging es in die hiesige Universität, ein anderes Mal in einen exklusiven Business Club auf dem Hafengelände, und selbst die Halle der Alten Feuerwache, Hauptaustragungsort des Festivals, sah anders aus als sonst. Darüber hinaus nahmen die drei Veranstaltungen das Publikum aber auch in ganz unterschiedliche literarische Welten mit, öffneten ganz unterschiedliche Denkräume.

Ohrfeige

Dafür, dass es sich bei lesen.hören um ein Literaturfest handelt, sind klassische Lesungen selten im Programm – doch es gibt sie. Am vergangenen Freitag hat der Autor Abbas Khider eine solche bestritten, an seiner Seite Jenny Friedrich-Freska, Chefredakteurin der Zeitschrift Kulturaustausch. Der Hörsaal der Uni war vollbesetzt, das Publikum angenehm durchmischt, die Stimmung gut. Was freilich Khiders Verdienst war, der, das fiel sofort auf, ein ausgenommen fröhlicher Mensch ist, viel lacht, herzhaft und aufrichtig. Und das trotz des Themas, geht es doch in seinem neuesten Roman Ohrfeige um einen Flüchtling, der Anklage erhebt – gegen die Bürokratie, gegen die Gesellschaft, gegen seinesgleichen.

Tatsächlich begegnet Khider, so erklärte er, den menschlichen Ängsten mit Humor – im Leben ebenso wie in der Literatur. Schließlich habe er zwei Möglichkeiten: Er könne jammern, wie schlecht die Welt ist, und kiffen und saufen, oder er könne etwas dagegen tun. So auch in der Literatur: Er könne jammern, laufe dann aber Gefahr, den Leser zu verlieren; wenn er dagegen mit Humor erzähle, könne er alles sagen, was er zu sagen hat, und der Leser fühle sich dennoch unterhalten. Wie das klingt, das bekamen die Zuschauer an diesem Abend mehrfach zu hören. Man musste sich erst an Khiders Sound gewöhnen, doch er las beinahe szenisch und mit viel Gestik, was es zu einem wahren Ereignis machte.

Das Thema wurde natürlich trotzdem nicht ausgespart, Khider und Friedrich-Freska sprachen über die Angstmacherei als politische Methode, über die Schwierigkeit von Flüchtlingen, angesichts all der Zuschreibungen, Auflagen und Verbote ihre Identität zu finden und sich Gehör zu verschaffen, über das Leben und Denken in zwei Sprachen. Das »Buch der Stunde« sei Ohrfeige, es ist erst vor wenigen Wochen im Hanser Verlag erschienen und schlägt seither gehörige Wellen. Khider jedoch verwehrt sich gegen diese Einordnung: Er verfasse literarische Werke, die, so hoffe er, jenseits der Aktualität des Erzählten Bestand haben und zeitlos seien.

Risiko und Idiotie

In einem prägnanten Bau am Hafen, Herberge eines Hotels, eines Sternerestaurants und einiger kleinerer Unternehmen, befindet sich im dritten Stock der Business Club Speicher7. Sichtbeton, indirektes rotes Licht, Blick auf den Rhein – hier trinkt man sein Glas Wein mit Stil. Ebendort fand sich am Sonntag das Mannheimer Publikum zusammen, um der Lyrikerin und Essayistin Monika Rinck sowie Alf Mentzer, Kulturredakteur beim Hessischen Rundfunk, beim Denken zuzuhören. Zugegeben, man konnte Rinck nicht immer mühelos folgen, doch das war in Ordnung, denn genau darum ging es an diesem Abend: das Unverständnis als wesentlicher Teil der Dichtung, des Gesprächs zwischen Autor und Rezipienten.

Oft bekomme sie, so erzählte Rinck, nach Veranstaltungen zu hören, dass sie zwar schön lese, man aber nichts begriffen habe, und wenn sie dann nachfrage, was man denn nicht begriffen habe, lasse man sie immer an einer Fülle an Gedanken teilhaben. »Was für eine reiche Fläche dieses Unverständnis doch ist!«, rief sie begeistert aus. Risiko und Idiotie lautet der Titel von Rincks Streitschriften, die im vergangenen Jahr bei KOOKbooks erschienen sind: das Risiko jeder Dichtung, unverstanden zu bleiben, gar zur Zumutung zu werden, und die Idiotie des Lesers, keineswegs abwertend gemeint, sondern als eine Form von Demut, als Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen für einen Text – eine Grundvoraussetzung für das Verständnis.

Einer, der auf jeden Fall den Eindruck machte, zu begreifen, war Mentzer, der auf gewohnt kluge Weise das Gespräch lenkte und Impulse gab. Es war ein inspirierender Austausch über den Reiz des Albernen, über Diven und Finanzbeamte, in dem auch viel im Stillen gedacht wurde, sodass die Zuschauer das Gesagte für sich rekapitulieren und reflektieren konnten. Und wie das Begreifen und Nichtbegreifen, das gemeinsame Hinterfragen und Deuten funktioniert, das zeigte Rinck, indem sie einige ihrer Texte las – die Essays freilich, aber auch ausgewählte Gedichte, etwa die Honigprotokolle. Texte voller Bewegung und Lebendigkeit, wie Mentzer zu Recht bemerkte, Texte, die ganz unterschiedliche Lesarten zulassen.

Kohlhaas

Anfang des Jahres habe ich Heinrich von Kleists Novelle Kohlhaas am Schauspiel Frankfurt gesehen, ein Solo mit dem glänzenden Isaak Dentler, der kürzlich auch bei lesen.hören zu Gast war. Nun kam Kohlhaas nach Mannheim und mit ihm eine Geschichte, die – so steht es im Programmheft des Festivals geschrieben – hochaktuelle Fragen aufwirft: »Wo hört das Gerechtigkeitsstreben auf, wo beginnt das Unrecht? Wie schwer wiegt das (Un-)Recht des Einzelnen?« In der Alten Feuerwache wurde die Erzählung Teil einer intermedialen Inszenierung, die Literatur, Musik und bildende Kunst miteinander verknüpfte und am Dienstagabend Premiere feierte.

Auf der Bühne, die eigens für diese Aufführung in die Mitte des Saals verlegt wurde, nahmen der Schauspieler Hansa Czypionka und der Gitarrist Claus Boesser-Ferrari Platz. Für die Zuschauer weitgehend unsichtbar blieb hingegen Mehrdad Zaeri, ein Mannheimer Künstler, den man für seine zauberhaft-melancholischen (Buch-)Illustrationen kennt. Seine im Augenblick der Inszenierung angefertigten Bilder wurden auf die Leinwände rings um Bühne und Publikum projiziert, sie waren wie Boesser-Ferraris Spiel improvisiert und reagierten unmittelbar auf den Text, den Czypionka mit facettenreicher Stimme las, mal sanft und leise, mal rasend.

Zaeris feine Zeichnungen waren lebendige Gebilde, die mit der Geschichte wuchsen und wuchsen, bis er sie wüst mit roter und schwarzer Tusche übermalte, zerknüllte oder zerriss. Beachtlich auch Boesser-Ferraris Performance, ein Zupfen und Klopfen, Rauschen und Kreischen, Verzerren und Nachhallen – selten hörte sich eine Gitarre vielseitiger an. Ein aufregendes Zusammenspiel von Klängen und Bildern, das jedoch über die dramaturgischen Schwächen der gut zweistündigen Inszenierung nicht hinwegtäuschen konnte, Kürzungen und etwas mehr Abwechslung hätten ihr gutgetan. So aber hatte sie leider nicht denselben Furor wie Isaak Dentlers Kohlhaas.

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