Engagierte Literatur und Hate Poetry

Das Festival lesen.hören in der Alten Feuerwache Mannheim zeichnet sich vor allem durch eines aus: seine Vielfalt. Vielfalt der Themen und Texte, die hier im Fokus stehen, der Veranstaltungsformate, in denen diese präsentiert werden, sowie der Gäste und folglich der Zugänge. Am vergangenen Montag ging es um die Debütantin Angela Steidele, übermorgen wird mit Abbas Khider ein Autor die Bühne betreten, der mit seinen Büchern bereits seit einigen Jahren Aufmerksamkeit erregt. Es wird außerdem ein Gespräch über den Islam geben und eine literarische Orgie, eine intermediale Inszenierung von Kleists Kohlhaas und einen Abend mit Grönemeyer. Wie unterschiedlich Literatur begriffen und vermittelt werden kann, das zeigten auch zwei Veranstaltungen der letzten Tage: engagiert die eine, humorvoll die andere.

Engagement!

Mit Standing Ovations wurde Katja Riemann am Ende des zweiten Festivaltages verabschiedet, und das passiert wahrlich nicht häufig bei literarischen Veranstaltungen. Textauswahl, Dramaturgie, Vortragsweise – all das war stimmig und mehr als das. Was aber das Publikum am meisten beeindruckt haben dürfte, war Riemanns persönliche Beziehung zu den Geschichten, die sie an diesem Abend vorstellte. »Engagement!« lautete das Thema der Lesung: Sie ist sicherlich als unmittelbare Reaktion auf das aktuelle Geschehen entstanden, doch das Engagement von Katja Riemann ist mitnichten neu. Seit vielen Jahren setzt sie sich als Unicef-Botschafterin für den Schutz der Menschenrechte ein und kämpft gegen Sklaverei und die Beschneidung von Mädchen. An ihren Reisen, Begegnungen und Erfahrungen ließ sie das Publikum teilhaben, erzählte von Aufenthalten im Senegal, in Nepal, in Moldawien und Rumänien.

Die Bücher, die sie in die Alte Feuerwache mitgebracht hat, greifen diese Problematiken auf – eine beachtliche Lektüreliste für alle diejenigen, die sich mittels der Literatur mit dem Unrecht auf dieser Welt befassen wollen. Herta Müllers Mein Vaterland war ein Apfelkern war ebenso vertreten wie Roger Willemsens Afghanische Reise, aber auch einige Texte von weniger bekannten und naheliegenden Autoren, etwa Die Krähe von Kader Abdolah, Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement und Erschlagt die Armen! von Shumona Sinha. Ganz unterschiedliche Geschichten, für die die Schauspielerin stets die richtige Tonlage fand. Zur Seite standen ihr der Trompeter Stephan Udri und der Pianist Konrad Hinsken, die zwischendurch Jazzstücke spielten, zum Glück – wie auch die Lesepassagen selbst – nie allzu tragend, nie Betroffenheit auslösend. Der Abend war vielmehr ein Anstoß – zum Lesen und bestenfalls zum Engagieren.

Sehr geehrter Herr Schmierfink!

Ein ganz anderer Ton wurde ein paar Tage später angeschlagen. Auf der Bühne nahmen sechs Redakteure des Mannheimer Morgen Platz, stellten einige der kuriosesten, unverschämtesten und bösartigsten Leserbriefe vor, die das Blatt in den vergangenen Jahren erhalten hat, und sorgten damit für jede Menge Gelächter. Das Format ist nicht neu: 2012 gründeten einige Journalisten die antirassistische Leseshow »Hate Poetry«, seither wurde das Konzept vielfach aufgegriffen und erweitert, Leserbriefen fragwürdigen Inhalts sind landauf, landab ganze Slams gewidmet. Ein solcher war die Veranstaltung am Mittwochabend, moderiert vom Slam Poeten Jens Wienand, nur am Rande. In erster Linie handelte es sich um eine szenische Lesung und erinnerte damit ein wenig an Roger Willemsens und Katrin Bauerfeinds Bühnenprogramm »Die wunderbare Welt der Kontaktanzeigen« aus dem vorigen Jahr. Leserbriefe und Kontaktanzeigen: zwei ganz spezielle literarische Gattungen.

Abwechselnd – jeweils zu zweit, zu dritt oder alle im Chor – lasen Angela Boll, Stefan M. Dettlinger, Anja Görlitz, Ralf-Carl Langhals, Dirk Lübke und Walter Serif aus den Briefen, zwischendurch wiederholten sie die immer selben Sätze der besonders Entrüsteten, eine Art Refrain der Mannheimer Hasspoesie: »Den Schmierfinken einen Rat: Machen Sie in Ihrem Leben mal etwas Vernünftiges!« / »Das schreit immer mehr nach Schließung Ihrer Redaktion und Druckerei.« / »Und hier verzichte ich auch auf die freundlichen Grüße.« Es überrascht kaum, dass die meisten dieser Briefe sich auf die politische Berichterstattung beziehen, aber auch andere Ressorts geraten in die Schusslinie, etwa die Wissenschaft oder die Kultur. Und nicht nur die Empörung der Leser ist grenzenlos, auch die Kreativität, mit der sie zu Werke gehen, ist es – selbst Jesus Christus hat sich schon zu Wort gemeldet. Umso besser für das Publikum der Alten Feuerwache, das an diesem Abend – trotz einiger Längen – bestens unterhalten wurde.

2 Gedanken zu “Engagierte Literatur und Hate Poetry

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