Ungläubiges Staunen. Ein Abend mit Navid Kermani

»In Zeiten wie diesen«, heißt es im Programmheft des Mannheimer Literaturfests lesen.hören, »entwickelt man ein feines Gehör für falsche Töne. Es wächst die Sehnsucht nach den Mutigen, die persönlich zu werden wagen, und nach aufrichtigen Erzählungen und echten Erfahrungen.« Ebendiese Persönlichkeiten und ebendiese Literatur in die Alte Feuerwache Mannheim zu holen, das ist das Anliegen der Festivalmacher. Und so ist es nur folgerichtig, dass dies diesjährige Ausgabe vom Schriftsteller und Essayisten Navid Kermani eröffnet wird, der jüngst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.

Es ist die zehnte Ausgabe von lesen.hören – eigentlich ein Grund zu feiern. Gleichzeitig ist es jedoch ein Abschied, denn Roger Willemsen, seit 2008 Schirmherr und zuletzt auch Programmleiter, ist vor wenigen Wochen verstorben. Vom Krankenbett aus arbeitete er noch am Programm mit, die Leitung hat er jedoch an die Literaturkritikerin Insa Wilke übergeben, seit Jahren regelmäßiger Gast des Festivals, eine »Komplizin«, eine enge Vertraute. Und eine gute Wahl: Wilke ist eine derjenigen, die sich auf der Bühne durch Sachverstand und Klarheit hervortun, die niemals poltern, aber dennoch bestimmt sind.

Und so führt sie, trotz allem, souverän durch den Abend: Eigentlich hätte es ein Streifzug durch Kermanis literarisches und essayistisches Werk werden sollen, nun wolle man jedoch – je nach Stimmung des Publikums und der eigenen Stimmung – einen »Blindflug« wagen und den Texten von Kermani jene von Willemsen an die Seite stellen. Ein Konzept, das, so improvisiert es auch ist, durchaus einleuchtet, zeigen sich doch interessante Parallelen zwischen den beiden Autoren, zwei scharfsinnigen Beobachtern und leidenschaftlichen Zeitgenossen, deren Neugier, Empathie und Engagement heute kostbarer denn je sind.

Insa Wilke und Navid Kermani sprechen über die Geburt, die Liebe und den Tod, über die politische Dimension von alledem, über die Notwendigkeit, für die Ereignisse auf der Welt durchlässig zu sein, statt sich dem Zynismus hinzugeben. Die Sprecherin Birgitta Assheuer und der Schauspieler Isaak Dentler überwältigen mit ihrer Lesung ausgewählter Passagen aus Kermanis Dein Name, Ausnahmezustand und Ungläubiges Staunen sowie Willemsens Der Knacks und Momentum. Es ist ein anregender und bewegender Abend; ein politisches Statement – wie im Übrigen das gesamte Festival – und gleichzeitig ein intimer Moment des Gedenkens.

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3 Kommentare zu „Ungläubiges Staunen. Ein Abend mit Navid Kermani

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