»Kein Mensch ist illegal«

E-Books zur Flüchtlingskrise

Viel passiert derzeit im Bereich des elektronischen Schreibens und Verlegens. Zahlreiche große Verlage haben inzwischen digitale Imprints gegründet oder nutzen, wie S. Fischer im Falle von Hundertvierzehn, Blogs als digitale Verlängerung des eigenen Programms. Gleichzeitig formieren sich seit einigen Jahren etliche eigenständige E-Verlage, die mehr noch als die digitalen Ableger der Printverlage mit Inhalten und Formen experimentieren. Denn so sehr auch die fehlende Körperlichkeit und somit Sinnlichkeit des E-Books beklagt wird, so hat das elektronische Publizieren doch unleugbare Vorteile: die vergleichsweise schnelle und kostengünstige Produktion, die Unabhängigkeit von Formaten, die Möglichkeit, zeitnah auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren.

Wie das aussehen kann, zeigt aktuell das Flüchtlingsthema, das sich in Gestalt von Prosa- und Sachtexten auch in den Printprogrammen niederschlägt – nicht erst seit Neuestem freilich, aber nun verstärkt (just in diesen Tagen hat Richard Kämmerlings in der Literarischen Welt vier Romane aus diesem Frühjahr von und über Migranten vorgestellt, es sei an dieser Stelle aber auch auf die im Herbst erschienene Anthologie Unbehauste aus dem Nicolai Verlag verwiesen). Unmittelbarer jedoch hält das Thema Einzug in die E-Verlage, hier werden die aktuellen Geschehnisse und Diskurse aufgegriffen und anhand von Reportagen, Protokollen und Essays reflektiert und kommentiert. Drei Labels tun sich hierbei besonders hervor: mikrotext und Frohmann aus Berlin sowie die Hanser Box.

Im Verlag mikrotext von Nikola Richter sind es vor allem die Geflüchteten selbst, die zu Wort kommen: Der in Berlin lebende Syrer Aboud Saeed hat es mit seinen Facebook-Statusmeldungen inzwischen zu einiger Bekanntheit gebracht, Ende des Monats erscheinen außerdem Geschichten der Syrerin Rasha Abbas unter dem Titel Die Erfindung der deutschen Grammatik. In zwei Büchern aus dem vergangenen Jahr findet ein Dialog statt zwischen jenen, die fliehen, und jenen, die hier sind und zu helfen versuchen. Da ist zum einen der Doppel-Essay Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka des ugandischen Aktivisten Patras Bwansi und der deutschen Theaterregisseurin Lydia Ziemke, die sich im Protestcamp am Berliner Oranienplatz kennengelernt haben.

Von dieser Begegnung erfährt man jedoch lediglich am Rande, sie ist der Verknüpfungspunkt der zwei Essays, nicht aber ihr Gegenstand. Bwansi und Ziemke kommunizieren hier auf indirekte Weise miteinander, indem sie beide über die Hürden sprechen, denen sie sich stellen müssen – die Hürden des Fliehens und Ankommens einerseits und die des Helfens andererseits. Schlaglichtartig und ohne chronologische Ordnung erinnert sich Bwansi, wie er schon als Schüler Widerstand leistete, wie er mit der Kunst die Gesellschaft zu verändern versuchte und wie er, nachdem er zwei Jahre lang in einem Flüchtlingslager bei Passau lebte, den Protest zum Full-Time-Job machte. Kein Mensch ist illegal stand auf einem seiner ersten Banner. Bwansis Essay ist Erfahrungsbericht und Appell zugleich.

Im zweiten Teil des E-Books, in einem knappen, beklemmenden Text, erzählt Ziemke, wie sie einem geflüchteten Marokkaner helfen wollte und dabei nicht nur an die Grenzen des hiesigen Asylsystems, sondern vor allem an die eigenen Grenzen stieß. Mit ebendiesen ist auch die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Julia Tieke konfrontiert, als sie via Smartphone Zeugin der Flucht des 1987 in Aleppo geborenen Medienaktivisten Faiz wird, den sie ein paar Monate zuvor in der Türkei getroffen hat und der nun quer durch Osteuropa flieht. In Mein Akku ist gleich leer fällt kein Satz so oft wie »Tut mir leid«, er ist Ausdruck ihrer Ratlosigkeit und Ohnmacht, ihrer Angst um den Freund. Dieser wiederholt mantraartig, sie solle sich keine Sorgen machen, und kann doch nicht über seine Verzweiflung angesichts der immer neuen Rückschläge hinwegtäuschen.

Mit Tieke hat Faiz eine Gefährtin, die in der Ferne Hebel in Bewegung setzen kann, die vor allem aber einfach nur zuhört, Mut zuspricht, ein Stück Normalität herstellt. Das Gespräch zeigt auf eindrückliche Weise, wie (über)lebenswichtig die Kommunikation für Flüchtlinge ist – und wie fatal, wenn der Akku gleich leer ist. Schade nur, dass das etwa 25-seitige Protokoll bloß einen kleinen Ausschnitt der Flucht abbildet – es setzt ein, als Faiz in Mazedonien ist, und endet mit seiner Festnahme in Rumänien – und ihn in keinen Kontext stellt; in dieser Form kann man sich den Text gut in einer Anthologie vorstellen, flankiert und ergänzt von anderen Beiträgen. Andererseits: Der Kontext erschließt sich ja aus der aktuellen Debatte, aus der Fülle an täglichen Medienberichten und eben den Verlagspublikationen.

Nicht um die Flucht, sondern um die Auffanglager, in denen die Geflüchteten schließlich landen, geht es in den drei Reportagen Vor Lampedusa»I am not animal« und Die Angst vor dem »Ansturm«. Die ersten beiden sind im Verlag von Christiane Frohmann erschienen, die zuletzt unter anderem die Berliner Serie »An einem Tisch« ins Leben rief, wo Menschen zusammenkommen, um »über Migration, das Ankommen und Leben in Deutschland, über Identität, Heimat und Exil zu sprechen«. Neben Frohmann wirken auch die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan und die Journalistin Michaela Maria Müller bei der Reihe mit – von Letzterer stammt wiederum der Reisebericht Vor Lampedusa, bei dem es sich um einen Ausschnitt aus einem längeren, noch unveröffentlichten Buchprojekt handelt.

Dies zu wissen ist wichtig, wenn man den Text liest, tatsächlich wirkt er mehr wie ein Fragment denn wie eine in sich geschlossene Reportage. Müller reist auf die italienische Insel Lampedusa, jenen Ort, »der zu einem grausamen Symbol für eine verfehlte europäische Flüchtlingspolitik geworden ist«, dringt jedoch nicht bis zu den Geflüchteten selbst vor. Dennoch darf man gespannt sein, was noch kommt, denn Müller ist zweifelsohne eine einfühlsame Beobachterin. Den Geflüchteten verleiht indes Hammed Khamis, Leiter einer Integrationsschule in Berlin, eine Stimme. Sein Bericht »I am not animal«. Die Schande von Calais über das Camp am Eurotunnel ist aus der oben erwähnten Serie »An einem Tisch« hervorgegangen und zugleich der erste Band der gleichnamigen Buchreihe.

Khamis selbst ist in Deutschland geboren, doch durch die Geschichte seiner Eltern, die aus dem Libanon flohen, und dank seiner Kenntnisse der arabischen Sprache hat er eine Bindung zu den Geflüchteten, hört sich ihre Geschichten und Sorgen an, hilft, wo er helfen kann, und gibt dafür buchstäblich sein letztes Hemd her. Mit »I am not animal« legt er ein ebenso persönliches wie bewegendes Zeugnis seiner Begegnungen und seines Engagements ab. Irritierend ist allerdings die Naivität, die er bisweilen an den Tag legt, etwa als er schreibt: »Wir sechs Jungs. Alle gleich. Hier oben ist keiner mehr wert als der andere.« Dabei muss er nur seinen Pass vorzeigen, wenn er in Schwierigkeiten gerät, während die anderen ihr Leben riskieren, um auf einem der Züge oder LKWs durch den Eurotunnel nach England zu gelangen.

Dass auch Journalisten – entgegen Khamis’ pauschalem Vorwurf – den Menschen auf Augenhöhe begegnen und an ihren Geschichten interessiert sind, nicht nur an einer Story, das beweist Simon Hadler, leitender Kulturredakteur beim ORF, in seiner Reportage Die Angst vor dem »Ansturm«, die im vergangenen September in der Hanser Box erschienen ist. Darin berichtet er nicht nur einfühlsam von den Missständen in der Erstaufnahmeeinrichtung im österreichischen Traiskirchen sowie von den dort lebenden Menschen. Er zeigt auch die Versäumnisse der Politik auf und liefert eine ausgewogene und sorgfältig recherchierte Analyse der Asylproblematik, die er mit »10 Thesen und Forderungen wider die Feigheit« schließt. Von den sechs hier vorgestellten E-Books ist dies gewiss das aufschlussreichste.

Ebenfalls im digitalen Label der Hanser Literaturverlage wurde erst vor wenigen Tagen der Essay New Deal, bitte! des Journalisten Nils Markwardt publiziert. Anders als die anderen fünf Texte befasst sich dieser nicht mit der Flüchtlingskrise an sich, sondern damit, wie wir – Politik und Gesellschaft – über sie reden, welche Rolle ihr bei der Konstruktion unserer Identität zukommt. Auf knapp dreißig Seiten steckt Markwardt zunächst den theoretischen Rahmen ab, erst dann, im allerletzten Kapitel, schlägt er eine Brücke zum aktuellen Geschehen und macht einen Vorschlag, wie ein neues Narrativ, das sich nicht in der Floskel »Wir schaffen das« erschöpft, aussehen könnte: »Die Flüchtlingspolitik könnte gleichermaßen als Grund und Anlass für ein flächendeckendes Modernisierungs- und Fortschrittsprogramm verstanden werden.«

Im Prinzip sind alle hier vorliegenden Bücher bereits ein Anfang, die Umsetzung jenes New Deal, der laut Markwardt die Voraussetzung »für die Konstruktion eines inklusiven ›Wir‹« ist: Diese Bücher sensibilisieren und helfen zu verstehen – zu verstehen, dass Migration keine Bedrohung ist, sondern eine Chance. In diesem Zusammenhang sei auch auf zwei Initiativen hingewiesen: zum einen die bei mikrotext veröffentlichte, gemeinnützige Anthologie Willkommen! mit 54 Beiträgen von Bloggern und anderen netzaffinen Leuten, die sich für die Geflüchteten starkmachen; zum anderen das Aktionsbündnis »Wir machen das«, dessen Ziel es ist, »der Herausforderung weltweiter Migration mit Menschlichkeit und Sachverstand zu begegnen«.

Patras Bwansi und Lydia Ziemke: Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka. Doppel-Essay. mikrotext, Berlin 2015, 140 Seiten, 1,99 €.

Faiz und Julia Tieke: Mein Akku ist gleich leer. mikrotext, Berlin 2015, 50 Seiten, 1,99 €. Auch als Printbuch (mit einem zusätzlichen Text von Faiz und einem Interview mit Julia Tieke) für 7,99 € erhältlich.

Simon Hadler: Die Angst vor dem »Ansturm«. Faktencheck Asyl. Hanser Verlag, München 2015, 67 Seiten, 2,99 €.

Hammed Khamis: »I am not animal«. Die Schande von CalaisFrohmann, Berlin 2016, 114 Seiten, 4,99 €. Auch als Taschenbuch für 13,00 € erhältlich.

Nils Markwardt: New Deal, bitte! Reden über die Flüchtlingskrise. Hanser Verlag, München 2016, 27 Seiten, 2,99 €.

Michaela Maria Müller: Vor Lampedusa. Eine Reise. Frohmann, Berlin 2015, 30 Seiten, 2,99 €.

Zur weiteren Lektüre:

Tania Folajis Blog [ˈiːbʊk] Elektro vs. Print, insbesondere ihre Besprechungen zu Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka, Mein Akku ist gleich leer und »I am not animal«

Annäherungen ans elektronische Lesen von Tilman Winterling (54books), Sophie Weigand (Literaturen) und Frank O. Rudkoffsky (Teil 1 und 2)

Elke Heinemanns FAZ-Kolumne »E-Lektüren«, in der es im Januar um Simon Hadlers Faktencheck und um die Anthologie Willkommen! ging

7 Gedanken zu “»Kein Mensch ist illegal«

    1. Oh ja, der Beitrag hat mich einige Tage gekostet – dafür ging das Lesen recht flink, es sind ja meist sehr kurze Texte. 😉

      Danke fürs Lob und liebe Grüße,
      caterina

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s