David Pfeifer: Die Rote Wand

Pfeifer - Die Rote Wand (c)

»In Wahrheit haben sie alle denselben Gegner«

Wenn man heute, in einer Zeit voller tief greifender Veränderungen und Konflikte, Bücher wie Die Rote Wand des österreichischen Journalisten und Autors David Pfeifer liest, hofft man inständig, dass der Mensch sich auf seinen Verstand besinnt und sich nicht von seinen Ängsten leiten lässt. Dass die Dinge nicht aus dem Ruder laufen und wir uns mit einem Mal in dem größten Irrsinn wiederfinden, den es gibt: dem Krieg. Diesen Irrsinn aufzuzeigen ist die große Stärke von Pfeifer, jenseits des bemerkenswerten Einzelschicksals, an dem entlang er erzählt. Und dabei ist es unerheblich, dass der Krieg, um den es hier geht, vor hundert Jahren geführt wurde – all die Gewalt, all der Tod entbehren damals wie heute jeden Sinnes.

Die Rote Wand spielt unmittelbar an der Front, umso überraschender ist die Perspektive, die hier eingenommen wird: Es ist die eines Mädchens, das sich 1915 freiwillig meldet und fortan in den Dolomiten kämpft, an der Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Dieses Mädchen hat es wirklich gegeben, Pfeifer verrät ihren Namen, Viktoria Savs, allerdings erst im Nachwort – im Roman selbst ist sie schlicht »das Mädchen«. Sie stammt aus Meran in Südtirol, damals noch Teil des Habsburger Reichs, seit 1918 – infolge ebenjenes Krieges – Italien zugehörig. Ihre Mutter ist schon seit Jahren tot; ihr Vater, gerade erst genesen von seinem letzten Einsatz, ist soeben an die Front zurückgekehrt. Das Mädchen soll so lange bei der Tante unterkommen, doch stattdessen verkleidet es sich als Junge und begibt sich auf die Suche nach dem Vater.

Überraschend ist auch, dass das Mädchen sich in den folgenden zwei Jahren besser behauptet als die meisten derer, die an seiner Seite kämpfen. Wobei kämpfen kaum das trifft, was an der Front geschieht. Feindkontakt haben sie nur selten, hauptsächlich sind sie damit beschäftigt, das Gelände zu erkunden, Unterstände zu bauen, Versorgungsgüter von Stützpunkt zu Stützpunkt zu transportieren. Und damit, die Zeit totzuschlagen, vor allem das. Der Krieg ist nicht nur wegen des vielen Sterbens zermürbend, sondern auch wegen des vielen Wartens – hier in den Bergen umso mehr, denn Möglichkeiten, sich abzulenken, gibt es nur wenige, Landschaft und Klima sind schroff, und niemand kann sagen, wie lange all das noch anhält. Immer wieder heißt es, das Ende sei nah, und dann vergehen doch Wochen, Monate, Jahre.

Wie viele in all dieser Zeit ihr Leben lassen! Die Truppen bestehen zum Großteil aus völlig unerfahrenen Männern – in zweierlei Hinsicht. Weder sind sie ausgebildete Soldaten und verstehen sich aufs Kämpfen, noch – und das ist weitaus fataler – wissen sie, wie man sich in den Bergen zu bewegen hat. Auf der anderen Seite der Gefechtslinie sieht es im Übrigen nicht anders aus, und so stürzt einer nach dem anderen in die Tiefe oder wird von einer Lawine verschüttet, feuert tagelang ins Nichts, weil der Gegner zu weit entfernt oder  nicht sichtbar ist, und läuft ihm dann direkt vors Gewehr. Das Mädchen, das dank des Vaters schießen kann und mit den Felsen, der Höhe, dem Schnee vertraut ist, überlebt viele seiner Kameraden – und verliert mit jedem von ihnen auch ein Stück seines Glaubens.

»Der Mensch ist nur zu Gast auf dem Berg«, sagt einer. »Weil niemand hier hingehört. Es gehört einfach niemand her.«
»Der Krieg gehört nicht her«, sagt Tschutschenthaler schließlich laut und klar. Die anderen verstummen. »Ist so schon schwer genug, gegen die Berge anzukommen.«
Das Mädchen ist dankbar dafür, dass Tschurtschenthaler das Einzige sagt, was Sinn ergibt. Wie absurd es ist, ausgerechnet hier Krieg zu führen. Der Berg steht einfach weiter da und nimmt Leben. Schon immer.
Tschurtschenthaler ist wenigstens klug genug, sich nicht vor den Karabinern der Italiener zu fürchten. Er weiß genau, dass von denen die geringste Gefahr ausgeht. Die sind mit Überleben beschäftigt, genau wie wir, denkt das Mädchen. In Wahrheit haben sie alle denselben Gegner.

Die Rote Wand ist nicht zuletzt ein fesselnder Bergroman. Die beeindruckendste Passage ist tatsächlich jene, in der das Mädchen eine Handvoll Männer den Gipfel hinaufführt – eine schwindelerregende Lektüre. Und auch sonst ist der Leser ganz benommen. Zwar hätte man sich – knapp neunzig Jahre nach Remarques großem Kriegsroman Im Westen nichts Neues – mehr künstlerischen Eigenwillen, mehr stilistischen und erzählerischen Mut gewünscht. Doch gelingt es David Pfeifer, das Universale im Singulären zu erzählen, indem er vordergründig die Erinnerung an eine erstaunliche Persönlichkeit wiederbelebt, im Kern aber den Wahnsinn des Krieges – jeden Krieges – und die Willkür des Todes, die Unbarmherzigkeit der Natur und die Ohnmacht des Menschen greifbar macht. »Wer an Gott glaubt, der fragt sich, warum ich? Wer aber lange genug im Krieg war, der fragt sich, warum ich nicht?«

David Pfeifer: Die Rote WandHeyne, München 2015, 288 Seiten, 19,99 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» theBackpacker
» Analog-Lesen

3 Gedanken zu “David Pfeifer: Die Rote Wand

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