Daniel Woodrell: Tomatenrot

Daniel Woodrell - Tomatenrot (Liebeskind Verlag)

»Ich war am Rand der Welt geboren, klar, aber in die Grube war ich selbst gesprungen.«

Die Ozark Mountains kenne ich gut, ich war schon ein paarmal da. Eine raue, nicht gerade gastfreundliche Gegend, die sich über weite Teile des südlichen Missouri und des nördlichen Arkansas erstreckt. Wahrscheinlich gibt es auch reizende Ecken, aber ich halte mich für gewöhnlich dort auf, wo es ungemütlich ist. Wo es wehtut. Und obwohl mit etlichen Blessuren zu rechnen ist, kehre ich immer wieder zurück. Schuld daran ist Daniel Woodrell, der selbst aus dem Gebiet stammt und die meisten seiner Bücher ebendort ansiedelt. Tomatenrot ist eines davon, und dem Liebeskind Verlag ist es zu verdanken, dass dieser Roman aus dem Jahre 1998, einst bei Rowohlt erschienen, zuletzt aber nur noch antiquarisch erhältlich, hierzulande nicht in Vergessenheit gerät.

Er sei ein »Poet des White Trash«, schreibt Martin Compart in einem aufschlussreichen Porträt über Woodrell und trifft es damit ziemlich genau. Winters Knochen (2011) und Der Tod von Sweet Mister (2012) erzählen von Jugendlichen, die in ein Drecksleben hineingeworfen wurden und bei dem Versuch, sich in diesem Leben zu behaupten, ihm vielleicht sogar zu entkommen, vollkommen auf sich allein gestellt sind. Gestalten am Rande der Gesellschaft, am Rande der Welt, um die sich kaum einer schert – mit Ausnahme von Woodrell selbst, der immer wieder zu Figuren wie diesen zurückkehrt. Dazu gehören auch die 19-jährige Jamalee, deren tomatenrote Haare dem vorliegenden Roman seinen Titel geben, und ihr jüngerer Bruder, der ebenso hübsche wie fragile Jason: Kids, die dagegen aufbegehren, dass ihr Weg qua Geburt vorgezeichnet sein soll.

Erzählt wird ihre Geschichte jedoch von einem Dritten, dem 24-jährigen Sammy Barlach, der neu ist in der Stadt West Table, Missouri und sich nichts sehnlicher wünscht, als irgendwo dazuzugehören. Den Merridew-Geschwistern begegnet er in einer bizarren Situation: Unabhängig voneinander brechen sie in dieselbe Villa ein – Sammy auf der Suche nach Drogen, Jam und Jason, um sich einmal zu fühlen wie reiche Leute, sich in deren Leben einzurichten, und sei es nur für eine Nacht. Sie selbst stammen aus Venus Holler – der Name ist der blanke Hohn, denn nichts, wirklich nichts, ist schön an diesem Viertel: »Es handelte sich um eine Senke voll kleiner eckiger Häuser, die sich ein wenig zur Seite neigten wie ein Haufen Trinker, die nicht mehr so gut hörten.«

Kurzerhand schließt Sammy sich den beiden an, quartiert sich in ihrer Baracke ein, wird Teil ihres Plans. Der ist einfach: raus aus dieser Gegend, dem Elend, alles abstreifen, was ihre Herkunft verrät und somit ihrem Emporkommen im Wege steht. »Wir sind einfach nicht mit anständigen Werten aufgewachsen«, meint Jam zu wissen und besorgt deshalb ein Benimmbuch für die drei: »Wir werden sie auswendig lernen müssen.« Sammy dagegen ist sich sehr wohl bewusst, dass er nicht ganz unschuldig an seiner Lage ist, Herkunft hin oder her: »Ich war am Rand der Welt geboren, klar, aber in die Grube war ich selbst gesprungen«; nicht mehr lange und er würde im Gefängnis landen – oder tot sein. Und er behält recht: Kaum tut er sich mit den Geschwistern – und deren Mutter Bev, einer welkenden Schönheit – zusammen, eskaliert die Sache.

Wenn man nicht gerade völlig mittel- und perspektivlos ist, kann das Leben in den Ozarks vermutlich auch erträglich sein, Daniel Woodrell selbst lebt nach wie vor dort, in seiner Heimatstadt West Plains, die man hinter dem fiktiven West Table vermuten darf. In seinen Büchern spielt dieses Leben jedoch allenfalls als Projektionsfläche für jene wie Jam eine Rolle – etwa in Gestalt des Golfclubs, in dem sie zuerst anheuern will und den sie dann, als man sie barsch abweist, in ihrem Zorn und (Selbst-)Hass gemeinsam mit Jason und Sammy verwüstet. Die Ozarks in Woodrells Romanen sind zermürbend, sowohl für die Menschen, die ihnen ausgeliefert sind, als auch für den Leser. Der Erzähler von Tomatenrot mag zwar kaltschnäuziger sein als jene in Winters Knochen und Der Tod von Sweet Mister, seine Geschichte macht einen jedoch nicht weniger fertig.

Daniel Woodrell: Tomatenrot. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, München 2016, 224 Seiten, 20,00 €.

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9 Gedanken zu “Daniel Woodrell: Tomatenrot

  1. Ich habe das Buch „damals“ noch in einer anderen Übersetzung gelesen und bin jetzt sehr gespannt darauf, wie es sich von Peter Torberg liest. Und wie Du freue ich mich, dass der Liebeskind es wieder aufgelegt hat und es dadurch wieder einfach erhältlich ist.

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    1. Ich bin auch gespannt, wie du die Neuübersetzung empfindest, gerade auch im Vergleich zur ersten Übersetzung. Peter Torberg ist mittlerweile für mich (wie vermutlich für viele) ein Garant für gute Spannungsliteratur, und ich finde es schön, dass er und der Liebeskind Verlag so beständig zusammenarbeiten.

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  2. Ich habe vor mehr als einem Jahr „Winters Knochen“ gelesen, und habe es direkt in die Riege meiner absoluten Lieblingsbücher aufgenommen. Du bestärkst mich darin, wieder etwas von Woodrell zu lesen. „In Almas Augen“ hatte ich mir eigentlich schon mal vorgenommen.

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    1. In Almas Augen liegt aus irgendeinem Grund auch noch ungelesen in meinem Regal, dabei wurde es bei Erscheinen ja sehr positiv aufgenommen. Und Stoff ohne Ende in der alten Rowohlt-Ausgabe habe ich auch noch, aber das gibt’s bestimmt ebenfalls bald bei Liebeskind.

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      1. Danke für den Tipp! Ich habe deinen superinteressanten Blogbeitrag dazu auch gelesen und das Buch hat mich auch gleich angeseprochen. Ich habe den Film aber vor einigen Monaten gesehen und habe die Handlung noch sehr gut in Erinnerung, daher wollte ich mir das andere Buch zuerst „vornehmen“. 🙂

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      2. Da hast du mir sogar schon etwas voraus. Ich habe es bisher leider noch nicht geschafft, den Film zu gucken, habe es aber fest vor, da ich nur Gutes drüber gehört habe. Freu mich drauf!

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