Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen Verschwörung

Schuberth - Chronik einer fröhlichen Verschwörung (c)

»Unabhängigkeit von Zeitgeist, höchstes Streben nach Wahrheit und härteste Arbeit an der Form. Alles darunter ist Dreck.«

Die sogenannte Holocaustliteratur beschäftigt mich seit meinem Studium – so sehr, dass ich ihr auch meine Abschlussarbeit widmete. Damals las ich jede Menge Primär- und Sekundärliteratur, angefangen freilich bei den Erinnerungen der Überlebenden, darunter Primo Levis Ist das ein Mensch?, Ruth Klügers weiter leben, Elie Wiesels Die Nacht, Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen, Tadeusz Borowskis Bei uns in Auschwitz, allesamt erschütternde Zeugnisse. Weil in der Forschung bereits vieles zu diesen Büchern geschrieben wurde, richtete ich meinen Blick auf das, was danach kam, auf die Werke der nachfolgenden Generationen, die den Holocaust zwar nicht selbst erfahren haben, aber geprägt sind vom Trauma ihrer Eltern und Großeltern, vom Schweigen der Toten wie der Überlebenden.

Manche dieser Werke – die in meinen Augen interessanteren – nähern sich der Erfahrung des Holocaust, indem sie gleichzeitig die Erzählkonventionen reflektieren und mit ihnen brechen. Auschwitz übersteigt unsere Vorstellungskraft und kann nicht mit unseren herkömmlichen Denkkategorien gefasst werden, es ist nicht begreifbar und deshalb auch nicht erzählbar – zumindest nicht mit den Mitteln, die bisher zur Verfügung standen. Oder um einmal literaturwissenschaftliche Etiketten zu bedienen: Der Realismus stößt an seine Grenzen, denn er suggeriert eine Ordnung und einen Sinn, die es nicht (mehr) gibt; postmoderne Strategien treten an seine Stelle. Vier solcher Texte waren Gegenstand meiner Arbeit: Georges Perecs W oder Die Kindheitserinnerung, David Grossmans Stichwort: Liebe, W. G. Sebalds Austerlitz und Jonathan Safran Foers Alles ist erleuchtet.

Wenn also ein Roman erscheint, dessen 70-jähriger Held die Veröffentlichung eines KZ-Romans zu verhindern versucht, horche ich auf. Nimmt jener Held – sein Name lautet Ernst Katz – etwa Adornos berühmtes Diktum »Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch« wörtlich? Keineswegs: So wenig, wie es in Adornos Sinne war, der Kunst die Daseinsberechtigung abzusprechen, so geht es auch Katz nicht um ein kategorisches Verbot von Holocaustprosa. Dass seine Ablehnung gegenüber dem im Entstehen begriffenen Werk vor allen Dingen persönliche Gründe hat, offenbart sich jedoch erst am Schluss, davor bekommen wir seitenlange Tiraden über die Instrumentalisierung des Leids zu hören und überhaupt die Dummheit all dessen, was heutzutage produziert und geäußert wird. Die Gesamtheit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur inbegriffen.

Chronik einer fröhlichen Verschwörung, voriges Frühjahr im Zsolnay Verlag erschienen, ist das Romandebüt des österreichischen Dramatikers und Satirikers Richard Schuberth. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob nun die Ansichten des emeritierten Philosophieprofessors Katz in Wahrheit die des Autors sind und wie viel davon als ernst gemeinte Kritik am Zustand des Kulturbetriebes und seiner Erzeugnisse zu verstehen ist. Das zu lesen ist jedoch über weite Strecken sehr vergnüglich, vor allem dann, wenn man wie ich in ebendiesem Betrieb arbeitet und weiß, dass Katz zwar zu Pauschalisierungen und Zuspitzungen neigt, aber dennoch oft genug ins Schwarze trifft. Ausnahmslos alle Intellektuellen und Künstler der jüngeren Generation sind für ihn Hochstapler, »plastic people, too young to die and too old to grow«, lediglich darum bemüht, »ihren billigen Plastikgeruch zu veredeln«. Auf die Frage, was denn stattdessen richtig sei, erwidert er:

»Unabhängigkeit von Zeitgeist, höchstes Streben nach Wahrheit bei gleichzeitigem Wissen um ihre Bedingtheit, masochistische Lust, die eigene Eitelkeit zu foltern, und härteste Arbeit an der Form, um aus den glühenden Schlacken der schrecklichsten inneren und äußeren Widersprüche die edelste Legierung von Phantasie, Gedankenschärfe und Witz zustande zu bringen.«
»Ist das nicht zu viel verlangt?«
»Nein, dort fängt es erst an. Alles darunter ist Dreck. Nur Schwerter, die dieser Mindestanforderung entsprechen, können einem die Dummheit, das böse Normale, können einem die Zombies vom Leib halten. Alle anderen zerbrechen.«

Anlass für seine Raserei ist das bereits erwähnte Romanprojekt eines (fiktiven) Jungschriftstellers namens René Mackensen, das um das Leben der (ebenfalls fiktiven) jüdischen Philosophin und Holocaust-Überlebenden Klara Sonnenschein kreisen soll. Katz war einst ihr Schüler – und mehr als das – und kann keinesfalls zulassen, dass sie nun zur Heldin irgendeines KZ-Dramas wird. »Ein zweites Mal [sind] die Gemordeten wehrlos gegen ihre industrielle Verwertung«, erläutert er seine Empörung. »Die Nazis [haben] Lampenschirme aus ihren Häuten gemacht, die engagierten Künstler [kritzeln] darauf, wie arm die Opfer und wie böse die Täter gewesen seien.« Also sabotiert er Mackensens Pläne, indem er falsche Fährten legt, und er ist nicht allein dabei, an seiner Seite hat er die unangepasste, vorlaute Biggy.

Kennengelernt haben sich das 17-jährige Mädchen und der alte Grantler ein paar Wochen zuvor auf einer Zugfahrt, dann stand sie auf einmal vor seiner Tür und quartierte sich bei ihm ein. Seither bilden sie eine ziemlich ungewöhnliche Wohngemeinschaft, nehmen allmählich die Gewohnheiten und Ausdrucksweisen des jeweils anderen an, streiten miteinander, lachen gemeinsam über die Einfalt der Menschen und klügeln immer neue Intrigen aus, um Mackensen in den Wahnsinn zu treiben. Bis die titelgebende Verschwörung in Gang kommt und das Duo den unbedarften Schriftsteller von Wien über Belgrad nach Tel Aviv schickt, vergeht allerdings eine Weile, vorher muss man Katz’ zynische und zornige Monologe – und derer gibt es nicht wenige in diesem Buch – über sich ergehen lassen und wird davon ein bisschen müde.

Spaß hat man mit der Chronik einer fröhlichen Verschwörung dennoch, sie ist clever, bös, skurril und unterhaltsam. Gleich von zwei Schelmen erzählt dieser Schelmenroman, und für beide hat Richard Schuberth einen angemessenen Ton gefunden, der eine akademisch-verstaubt, der andere salopp bis derb. Eine dritte Figur, die herausragt, ist Klara Sonnenschein, sie hat selbst keinen Aufritt und ist doch allgegenwärtig. Fragmente ihres Werks sind den Kapiteln vorangestellt, Gedichte, Aphorismen, Auszüge aus Briefen und anderen Schriften. Man wünscht sich, ihre Bände Funken & Späne und Haikus in meine Haut geritzt gäbe es wirklich, so scharfsinnig sind sie einerseits und so ergreifend andererseits. Diese Miniaturen sind ein weiterer glänzender Kniff von Schuberth, der zu Recht Finalist beim aspekte-Literaturpreis 2015 war.

Für Ernö

deinen namen
hab ich lila ausgemalt
damit er nicht meine
haut verbrenne
die welke letzte
die ich hab

teig war ich
form sucht ich
deutschchristbaum wurd ich
rundum kohlebraun
schmeck trotzdem nach kardamom
du spuckst mich aus

vögel gab es immer
mich nur heute und
im juli fünfundsechzig
und wenn der letzte atemzug
aus mir gefahren ist
werden die vögel weitersingen
so als ob nichts
so als ob ich nicht war

Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen VerschwörungZsolnay, Wien 2015, 480 Seiten, 22,90 €.

10 Gedanken zu “Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen Verschwörung

  1. Hallo Caterina,

    ich habe das Buch letztes Jahr auch angelesen, konnte aber mit Katz‘ Schimpftiraden nix anfangen und habe das Buch nach 100 Seiten entnervt zur Seite gelegt. Ich möchte dem noch eine Chance geben und nach deiner Besprechung bin ich wenig frohgemuter und werde anders an das Buch heran gehen, denn die Geschichte reizt mich.

    Gruß
    Marc

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    1. Hallo Marc,
      die ersten hundert Seiten haben es auch mir schwer gemacht, und wie du war ich irgendwann müde und habe das Buch beiseitegelegt. Aber es war die richtige Entscheidung, ihm noch mal eine Chance zu geben, denn sobald der irrwitzige Plan der beiden in die Tat umgesetzt wird, nimmt die Geschichte Fahrt auf und auch die Monologe des Grantlers fügen sich organischer in die Handlung ein.

      Es stimmt schon, das Buch braucht Zeit und Geduld und ein aufmerksames Lesen, aber all das lohnt sich, finde ich.

      Herzlich
      caterina

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo,

    ich finde, dies ist ein ganz großartiges Buch. Vor allem weil es komplett unironisch daher kommt. In dem Zusammenhang sind die Tiraden von Katz auch kein Selbstzweck. Man kann als Leserin sehr gut die eigenen intellektuellen/weltanschaulichen Selbstgewissheiten an den Tiraden messen, um vielleicht auch „aus den glühenden Schlacken der schrecklichsten inneren und äußeren Widersprüche die edelste Legierung von Phantasie, Gedankenschärfe und Witz zustande zu bringen“. Oder es wenigstens versuchen. Ich fand das sehr erfrischend.

    Ein zeitgemäßes, irgendwie humanistisches Buch.

    Schöne Grüße
    Christian

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    1. Servus Christian,
      so sehe auch ich das. Man muss nicht alles ernst nehmen, was Katz von sich gibt, und schon gar nicht mit allem übereinstimmen, aber es ist eine gute Gelegenheit, die eigene Haltung zu überprüfen. Und das Schöne ist, dass man dabei nicht das Gefühl hat, man würde belehrt, das Buch kommt ohne erhobenen Zeigefinger daher. Das ist wirklich erfrischend.

      Liebe Grüße
      caterina

      Gefällt mir

  3. Liebe Caterina,
    das klingt überaus spannend, zumal ich mich in meinem Studium (ähem, vor über 30 Jahren) mit genau diesem Thema beschäftigt habe.
    Ich finde den Ansatz von Schuberth äusserst spannend, das Buch wird wohl meinen keine neuen Bücher bis mindestens April Vorsatz irgendwie umgehen….
    Vielen Dank für diesen Tipp und Deine Besprechung, irgendwie wär dieses Buch sonst an mir vorbeigegangen!
    Liebe Grüße
    Kai

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  4. Lieber Kai,
    gerade wenn du dich schon viel mit dem Thema befasst hast, dürfte der Roman interessant für dich sein. Aber auch für Leser ohne diesen Hintergrund ist es eine lohnende Lektüre, da sie nicht nur aufschlussreich, sondern auch – mit einigen Abstrichen – vergnüglich ist.

    Es freut mich, dass du auf meinem Blog eine Entdeckung machen konntest, und wünsche dir viel Freude beim Lesen!

    Herzlich,
    caterina

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