»Der Stärkere besiegt den Schwächeren, so geht der Krieg«

Berg 01

Das finstere Tal, Winter in Maine und Krieg

Neulich habe ich Das finstere Tal gesehen, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Willmann, der 2010 im Liebeskind Verlag erschienen ist. Einen Vergleich kann ich nicht anstellen, da ich das Buch noch nicht gelesen habe, doch daran, dass es sich um einen rundum gelungenen Film handelt, besteht kein Zweifel. Ich habe ein Faible für düstere Geschichten, und düster ist diese Geschichte allemal: In einem Winter vor über einem Jahrhundert taucht ein Fremder in einem abgeschiedenen Bergdorf auf und begibt sich auf einen Rachefeldzug. Regisseur Andreas Prochaska hat das derart herausragend inszeniert, dass es einem allein vom Zuschauen fröstelt.

Zwei meiner jüngsten Lektüren haben Ähnliches in mir ausgelöst, auch hier streifen lonesome heroes durch unwirtliche Landschaften und üben Vergeltung für die Verluste, die sie erlitten haben. Sie heißen Julius Winsome und Arnold Steins: Männer, die sich zurückgezogen haben aus der Gemeinschaft und deren einzige Begleiter Hunde sind; Männer, die sich, als ihnen das wenige, das sie haben, genommen wird, gewaltsam zur Wehr setzen. Gerard Donovans Winter in Maine (im Original 2006, in der Übersetzung von Thomas Gunkel 2009 bei Luchterhand erschienen) und Jochen Rauschs Krieg (2013 im Berlin Verlag) vermengen wie Das finstere Tal verschiedene Genres, sind eine schaurige Spielart des Bergromans, ein bisschen Noir und ein bisschen Western, Psychogramme von Versehrten.

Schüsse stehen am Anfang beider Geschichten. »Ich glaube, ich habe den Schuss gehört«, heißt es bei Donovan, und bei Rausch: »In den Nächten hört er Schüsse, wenn es denn Schüsse sind. Manchmal hört er auch Schreie.« Julius Winsome und Arnold Steins, beide um die fünfzig, leben mit ihren jeweiligen Hunden – der eine »Hobbes« genannt, der andere schlicht »Hund« – in einfachen Hütten im Wald, die nächsten Ortschafen sind nur mit dem Pick-up zu erreichen. Sie haben sich in der Einsamkeit und der Stille eingerichtet, haben sie bewusst gesucht, halten sich fern vom Leben der anderen. »Es gibt nur wenig Schönes in der Welt«, sagt Julius einmal, »und normalerweise trägt die Welt der Menschen kaum etwas dazu bei.«

Donovan - Winter in Maine (c)

Donovans Held hat immer schon in dieser Abgeschiedenheit gelebt, er ist einer dieser »Männer, die sonst nirgends leben können«. Gesellschaft leisten ihm Tausende von Büchern, die er noch von seinem Vater hat, Abend für Abend verbringt er mit ihnen und lernt Shakespeare’sche Wortschöpfungen, Wildling, Wirrung, Gauch. Einmal gab es auch eine Frau, Claire, für ein paar Monate war sie an seiner Seite, dann verließ sie ihn und kam mit einem aus dem Ort zusammen. Als eines Nachts sein Hund Hobbes, einzige Hinterlassenschaft dieser Beziehung, aus nächster Nähe erschossen wird, geht Julius von einem mutwilligen Akt aus und beschließt, zurückzuschlagen. Er kann nicht dulden, dass jemand in sein Revier eingedrungen ist.

Seine Kaltblütigkeit und Willkür sind allerdings erstaunlich. Sicher, der Schmerz treibt ihn an, aber auch der Wahnsinn: Dass er Menschen tötet, scheint ihn nicht zu rühren, lediglich die »Angst vor dem Rückschlag und dem Geruch, dem toten, zerfetzten Geschöpf am anderen Ende des Laufs«. Man ist etwas überrumpelt von seinem Wandel, aber vielleicht ist genau das so verstörend an dem Roman, diese Diskrepanz zwischen Julius’ Reflektiertheit einerseits und der Irrationalität seiner Taten andererseits. Im Gegensatz dazu Jochen Rauschs Held Arnold: Zwar nimmt dieser mit derselben Klarheit und Konsequenz Rache wie Julius, doch kommt es einem hier weniger wie Irrsinn vor, seine Beweggründe sind nachvollziehbar. Was nicht minder erschütternd ist.

Rausch - Krieg (c)

Arnold war einst Lehrer, hatte ein Haus in einer gewöhnlichen Wohnsiedlung, eine Frau, einen Sohn und einen Hund. Dann brach alles auseinander, als der kaum erwachsene Sohn Soldat wurde, in den Krieg zog und nicht mehr zurückkehrte. Seitdem lebt Arnold mit dem Hund in der Einöde und »grübelt, ob er sich für einen glücklichen oder einen verzweifelten Menschen halten kann«. Als auf den Hund mit einer Schrotflinte geschossen und die Hütte verwüstet wird, geht auch Arnold an die Front. »Angst? Nein. Merkwürdigerweise nicht. Vielleicht hat er nie wieder Angst im Leben. Vielleicht überwindet der Mensch alle Angst, wenn er erst seine Träume begraben hat.« Besser so, denn Arnold ist sich im Klaren, dass im Krieg der Stärkere den Schwächeren besiegt.

Auffallend ist, dass es weder hier noch bei Donovan eine Rolle spielt, wer »der andere«, der Gegner, ist; es geht einzig um die Handlungen der beiden Männer, um die Frage, was Einsamkeit und Zorn im Menschen anrichten. Auch in der Abgeschiedenheit finden sie keinen Frieden, denn der Krieg wütet in ihnen. Die winterlichen Wälder und Berge sind dabei Kulisse und Spiegel zugleich: »Das Wetter ist trüb und rau, die Landschaft ist weit und rau«, so Julius, »und dieser Nordwind weht unbarmherzig durch jeden Spalt und bläst einem manchmal die Silben aus den Sätzen.« Man lese diese zwei Bücher, höre dazu »How Dare You!« von den Steaming Satellites aus dem Soundtrack zu Das finstere Tal und erschaudere angesichts der archaischen Wucht dieser Geschichten.

Gerard Donovan: Winter in MaineAus dem Englischen von Thomas Gunkel. btb, München 2011, 208 Seiten, 9,99 €. / Jochen Rausch: KriegBerlin Verlag, Berlin 2013, 224 Seiten, 18,99 €. / Thomas Willmann: Das finstere Tal. Liebeskind, München 2010, 320 Seiten, 19,80 €.

Was andere über Winter in Maine sagen:

» Jargs Blog
» BücherKaffee
» Lesen mit Links

Was andere über Krieg sagen:

» Kaffeehaussitzer
» Literaturen
» Buzzaldrins Bücher
» Jargs Blog

Was andere über Das finstere Tal sagen:

» Durchleser
» buecherrezension
» Kaffeehaussitzer
» buchpost

Advertisements

10 Kommentare zu „»Der Stärkere besiegt den Schwächeren, so geht der Krieg«

  1. Ja, spannend, wie sich die Motive in verschiedenen Geschichten wiederfinden! Von „Das finstere Tal“ hatte ich vor einiger Zeit schon einmal im Rahmen eines Filmfestivals gehört und mir den Film daraufhin ausgeliehen. Ich fand ihn auch sehr gelungen, für den Tarantino-Fan wäre er auch was.

    Gefällt mir

    1. Stimmt, auf den Vergleich wäre ich gar nicht gekommen, aber gerade der Showdown im Wald ist sehr tarantino-esque. Apropos: Bald läuft der neue Tarantino an und es sieht so aus, als würde auch das ein Fest! 😉

      Gefällt mir

    1. Tu das, es lohnt sich, finde ich. Wie gesagt kann ich keinen Vergleich zwischen Buch und Film anstellen und beurteilen, ob es eine der gelungeneren Literaturverfilmungen handelt, aber so oder so hat er mich sehr beeindruckt. Und der Roman wird auf jeden Fall auch noch gelesen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s