Im Gespräch mit Karin Schmidt-Friderichs

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»Whatever is, whatever comes – go with it and grow with it.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt Karin Schmidt-Friderichs zu Wort, Verlegerin des Mainzer Verlages Hermann Schmidt und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Buchkunst. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

Karin Schmidt-Friderichs© Bjørn Fehl Photography

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich bin Karin Schmidt-Friderichs und leite gemeinsam mit meinem Mann Bertram den Verlag Hermann Schmidt.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich bin von Hause aus Architektin, mein Mann Bertram übernahm 1986 die elterliche mittelständische Druckerei mit dem Ziel, sie unter den Top Ten in Deutschland zu positionieren. Dazu waren zwei Maßnahmen wesentlich: die Schulung der Mitarbeiter und überzeugende Kommunikation. Beides verband BSF, indem er sich Jobs ausdachte, die an die Grenzen des Machbaren gingen, und die derart entstandenen Bücher Museums- und Bankdirektoren sowie anderen potentiellen Auftraggebern und Multiplikatoren schenkte. Ich spürte, wie ihn das befriedigte, und sagte eines Abends den unvorsichtigen Satz: »Wenn ich die Bücher verkaufen würde, könntest Du davon mehr machen.« Die Liebe zum Buch kam also durch die Liebe zum Mann.

Inwiefern überschneiden, ergänzen und beeinflussen sich Ihre verschiedenen Tätigkeiten?

Im Verlag verantworte ich Marketing und Vertrieb für schöne Schmidt-Bücher sowie das ständige Schleifen der Marke Schmidt. In der Stiftung Buchkunst verstehe ich mich als Promoterin des schönen Buches an sich, und in meinen Beratungen geht es um andere Marken und deren Profil. Das eine profitiert vom anderen, natürlich mit ganz klaren Abgrenzungen. Und weil die Welt sich in einem unglaublichen Tempo weiterentwickelt, gesellt sich in den Beratungen immer auch Change-Management dazu.

Wie sieht Ihr beruflicher und literarischer Alltag aus?

Mein literarischer Alltag kommt zu kurz – und beschränkt sich auf Schmökern vor dem Einschlafen. Mein beruflicher Alltag ist sehr vielfältig und mit wirklich viel Reisetätigkeit verbunden, aber ein ›normaler‹ Bürotag beginnt meist mit Joggen (weil mir da die besten Ideen kommen), führt mich dann in unser Verlagsbüro, wo wir mit ca. 10 engagierten MitarbeiterInnen bei fast immer offenen Türen eben tun, was ein Verlag so tut. Für mich heißt das: Projekte, die uns zugespielt werden, prüfen, (potentielle) AutorInnen treffen, lektorieren, Mailings, U-4-Texte und tausend andere Dinge texten, Marketing- und Vertriebskonzepte erarbeiten und umsetzen, Zahlen auswerten bis hin zu dem, was man ich am wenigsten mag – Mahnläufe fahren.

Verlag Hermann Schmidt 07

Was war ein besonders schöner Moment in Ihrem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Ich bin tief dankbar, ein Leben zu führen, das kaum mal einen Tag ohne Höhepunkt kennt, insofern fällt mir die Antwort auf diese Frage echt schwer.

Vielleicht war es die erste Moderation einer großen Fachkonferenz. Ich kam ja als Quereinsteigerin in die Grafikdesign-Szene und kannte keinen. Ich habe immer darunter gelitten, dass es irgendwie aus der Mode gekommen ist, Menschen einander vorzustellen, und mir vorgenommen: »Wenn ich später ›dazugehöre‹, mache ich das mit anderen, die eben noch keinen kennen, anders.« So stellte ich auf einer Konferenz zwei Menschen einander vor, die sich lange kannten, sich aber beide über die Worte freuten, die ich über sie sagte. Einer der beiden war Otmar Hoefer von Monotype. Er meinte: »Du machst das so nett, kannst Du das auch auf der Bühne?« Seither moderiere ich immer wieder mal eine kleinere oder größere Konferenz und habe viel Freude daran. Aber das erste Mal auf der Bühne, diese Mischung aus schrecklichem Lampenfieber und Vorfreude, das war schon ein ganz besonderer Moment.

Was zeichnet in Ihren Augen schöne Bücher aus? Worauf legen Sie beim Verlegen und in Ihrer Stiftungsarbeit Wert?

Ich finde, Schönheit kommt von innen, das heißt beim Buch: Sie kommt vom Inhalt. Der führt. Die Gestaltung dient. Gestaltung und Herstellung sind wie die Inszenierung und das Bühnenbild im Theater. Die Zuschauer sollen nachher nicht den Bühnenbildner loben, sondern das Stück, aber dazu, dass es Applaus gibt, trägt eben der Bühnenbildner ebenso bei wie der Regisseur.

Wenn wir im Verlag an einem Projekt arbeiten, begleitet uns das mehr oder weniger Tag und Nacht. Wir diskutieren und interpretieren, wir fühlen Papier und Material, wir streiten, was die beste Materialisierung des Inhaltes ist, und die bessere Idee gewinnt.

In der Stiftungsarbeit geht es ums Beurteilen (das machen die Jurys) und ums Sensibilisieren (das machen vor allem die Mitarbeiterinnen der Stiftung – und sie machen das klasse). Der Vorstand, dem ich vorstehe, hat die Aufgabe, für diese Arbeit Impulse zu geben, und da bin ich sicher sehr engagiert. Selbst im Buchhandel gibt es immer noch unendlich viele Menschen, die sich mit der Stofflichkeit, der Produktion, den Materialien, aus denen Bücher entstehen, sehr wenig auskennen. Im Gegensatz zum Theater, wo die Kritik ja sehr häufig den Othello lobt, das Bühnenbild aber für übertrieben hält (oder umgekehrt), ist das bei der Literaturkritik ja (noch!!!) selten. Deshalb sind uns als Branche die Kriterien zur Beurteilung oft gar nicht präsent. Hier setzt die Arbeit der Stiftung an.

Es sind also zwei vollkommen unterschiedliche Rollen: hier die (Mit-)Macherin, dort die Repräsentantin bzw. Vermittlerin. Zwei Seiten einer schönen Medaille.

Welches Buch hat Sie zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

Im Moment beschäftigt mich Das Schiff des Theseus, das mir ein Freund gerade zum Geburtstag geschenkt hat. Ich ziehe meinen Hut vor der Herstellerin Monika König!

Ein Leben lang: Witzig, das ist ein ganz unscheinbares Suhrkamp-Buch im Fleckhaus-Design – Der Neugierige von Nossack. Bertram und ich haben uns den Text wechselseitig vorgelesen, als wir relativ frisch zusammen waren, und auch wenn sich die unendlich vielen Gespräche über Neugier und Interesse, Weiterentwicklung, Mut, Neues … inzwischen weitgehend von dem Buch gelöst haben, so war das Vorlesen dieses Buches doch ein ganz entscheidender und vor allem verbindender Impuls. Ich glaube, Neugier im Sinne von ›wissen wollen‹, ›Interesse haben‹ und ›weiterwollen‹ ist eine meiner wichtigsten Eigenschaften.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt treiben Sie um und wie reagieren Sie darauf?

Als Apple das iPad ankündigte, habe ich eine Karte an mich selbst geschrieben: »Whatever is, whatever comes – go with it and grow with it.«

Das hängt weiter an meinem Regal und bezieht sich derzeit natürlich immer noch auf die Digitalisierung, aber auch auf das Sterben von Buchhandlungen (weil sie die Orte sind, wo Bücher haptisch überzeugen können) und – was ich letztlich für schlimmer halte – das Aussterben der mittleren Innenstadtlagen (wo dann eben nicht nur die Buchhandlungen zumachen). Die Antwort auf all diese Herausforderungen darf aber meines Erachtens nicht sein, dass die Buchhandlungen von den Verlagen vollkommen unrealistische Konditionen fordern (was gerade etwas überbordet).

Was mich positiv beschäftigt, sind coole Independent Designmessen, die an den verschiedensten Orten ›aufpoppen‹ und wo man neben Hoodies, Heidelbeersenf und Porzellanscherben-Ohranhängern eben durchaus auch Bücher findet. Aber genauso neue Läden mit frischen, lebensbejahenden Konzepten, in denen Bücher zwar manchmal ›nur‹ eine wunderbare Nebenrolle spielen, aber eben ein zielgruppenadäquates Zuhause auf Zeit finden.

Natürlich beschäftigt mich auch das Selfpublishing. Weil ich Freiheit immer gut finde, freut es mich, dass es zum Verlegen heute keinen Verlag mehr braucht. Ich glaube, insgesamt befindet sich die Branche in einem Transformationsprozess, das macht das Leben manchmal nicht leichter, aber immer spannend.

Was bedeutet für Sie unabhängiges Verlegen?

Unabhängiges Verlegen bedeutet für uns, dass wir uns nur unseren potentiellen Kunden und nichts und niemandem sonst verpflichtet fühlen. Keinem Konzern, der die Umsatzrenditeerwartungen in schwindelerregende Höhen treibt und damit die eine oder andere ›Perle‹ verhindert. Keinem heimlichen Auftraggeber (Corporate Publishing), der die Wahrnehmung der Zielgruppe vernebelt. Keinen Shareholdern, deren einzige Währung die Dividende ist. Unabhängigkeit ist die Freiheit, seine Zeit und sein Geld auch mal für ein Projekt einzusetzen, das finanziell keinen großen Gewinn bringt, aber auf andere Art und Weise enorm auf die Marke einzahlt.

Und darf es weitergehen wie bisher?

Wenn Sie damit meinen, dass ich meine Arbeit liebe und wir täglich so viel positive Rückmeldung bekommen, dann sehr gern. Wenn Sie damit meinen, dass sich nichts ändern muss, dann nein.

Was wünschen Sie sich, Ihrem Verlag, dem Buchmarkt für die Zukunft?

Mir wünsche ich, dass ich noch mindestens zehn Jahre so gesund und belastbar bleibe, meine Arbeit mit so viel Elan und Einsatz machen zu können – und irgendwann danach wünsche ich mir Zeit zum Schreiben. Dem Verlag wünsche ich weiter so tolle AutorInnen und MitarbeiterInnen. Wir führen das alles ja nur und stehen dafür gerade, aber dahinter stehen Menschen, die sich von unserer Begeisterung anstecken lassen und unsere Ideen umsetzen. Das ist mindestens so wichtig wie wir. Und dem Buchmarkt wünsche ich eine gute Balance zwischen Buch (will sagen: Produktorientierung, und das hat auch was mit Liebe zum Produkt zu tun) und Markt (will sagen: wirtschaftlichem Erfolg, denn das macht zukunftsfähig).

Karin Schmidt-Friderichs (*1960) hat nach dem Architekturstudium als angestellte und als freie Architektin gearbeitet, bevor sie 1992 gemeinsam mit ihrem Mann Bertram Schmidt-Friderichs begann, den Verlag Hermann Schmidt aufzubauen. Angetrieben von dem Wunsch, Bücher zu machen, die kreative Köpfe kribbeln und die Herzen von Kreativen höher schlagen lassen. Heute gilt der Verlag als eine der weltweit renommiertesten Adressen, wenn es um Bücher zu Gestaltungsthemen geht. Darüber hinaus engagiert sich Karin Schmidt-Friderichs als Vorstandsvorsitzende der Stiftung Buchkunst fürs schöne Buch. Sie ist Mitglied im Art Directors Club für Deutschland, der International Society of Typographic Designers und im Deutschen Designer Club. 2014 verlieh die Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz Karin und Bertram Schmidt-Friderichs für ihr kulturelles Engagement den Verdienstorden des Landes.

» www.verlag-hermann-schmidt.de
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Am 23. Oktober 2015 öffnete der Verlag seine Pforten und lud Freunde des besonderes Buches ein, Sekt zu trinken, die Verlagsräume zu besichtigen und ausgewählte Arbeiten des Type Directors Club of New York zu bestaunen. Merci für einen wunderbaren Nachmittag mit anregenden Gesprächen und lauter schöner (Buch-)Kunst!

6 Gedanken zu “Im Gespräch mit Karin Schmidt-Friderichs

  1. Ein hochinteressantes Interview und ein Verlag, der einem regelrecht neue Welten eröffnet. Werde mir den Typenkalwnder 2016 gleich bestellen.
    Großartig! Danke fürs Interview und den damit verbundenen tollen Tipp
    Kai

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    1. Lieber Kai, freut mich, dass du mit diesem Interview noch eine echte Entdeckung machen konntest. Selbst wenn man kein Gestalter ist, so kann man sich aus den Büchern und bibliophilen Produkten aus diesem Verlag sehr erfreuen.

      Ich wünsche dir ein gutes Jahr 2016 mit dem Typenkalender und sende herzliche Grüße aus Frankfurt!

      Gefällt mir

  2. Liebe Caterina,
    ich bin eben von we-read-indie aus auf Dein Blog weitergesurft.
    Dein Interview mit der Verlegerin vom Hermann Schmidt Verlag finde ich sehr ansprechend und sympathisch.
    Für mich war der Verlag Hermann Schmidt, die schönste und beeinDRUCKenste Entdeckung auf der diesjährigen Buchmesse.
    Ich habe gestern meine diesbezügliche Verlagsschwärmerei auf meinem Buchbesprechungs-Blog publiziert.
    Wenn Du hereinblättern magst: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/19/verlag-hermann-schmidt/

    Bibliophile Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

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    1. Liebe Ulrike,
      was für ein schöner Bericht – merci für den Hinweis darauf! Ich finde den Verlag auch ganz und gar wunderbar, auch wenn mein Herz eigentlich für die Belletristik schlägt. Aber die Bücher sind einfach so schön gemacht, dass man als bibliophiler Mensch einfach nicht drumherum kommt! 🙂

      Liebe Grüße,
      caterina

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