#netzrundschau 10/2015

# blogger und die literaturkritik

Kurzzeitig war es ruhig in der Debatte um den Zustand der Literaturkritik und die Rolle der Blogger darin, nun lebt sie abermals auf. Auslöser dürfte unter anderem die Frankfurter Buchmesse gewesen sein, wo den Bloggern wie auch schon in Leipzig viel Aufmerksamkeit zukam, insbesondere in dem von den Netzwerkern Christiane Frohmann und Leander Wattig ins Leben gerufenen Orbanism Space.

»Zwischen Feuilleton und Haul« lautete etwa eine Podiumsdiskussion über klassische und neue Formen der Kritik, an der mit Jan Drees, Nora Gomringer, Wibke Ladwig, Stefan Mesch und Felix Wegener fünf Branchenkenner teilnahmen, die sich mit beiden Seiten beschäftigen (hier nachzulesen und hier nachzuhören). In einer anderen Runde wurde über das Social-Reading-Projekt zu Clemens J. Setz‘ Werk Die Stunde zwischen Frau und Gitarre gesprochen, an dem Blogger ebenso mitwirken wie Kritiker, und darüber, wie das Gespräch über Literatur im Netz aussehen kann (hier nachzulesen und hier nachzuhören).

Darüber hinaus gab es gleich mehrere Bloggertreffen im Orbanism Space, eines davon gemeinschaftlich organisiert von den Verlagen Hanser, Suhrkamp und S. Fischer. Zwar war die Veranstaltung im Detail nicht ganz durchdacht: So empfand beispielsweise Holger Reichard von wortmax das Treffen als »zu unpersönlich und undifferenziert«, und Andrea Diener gibt in der FAZ zu bedenken, dass man doch einen dieser ominösen Feuilletonisten mit auf die Bühne hätte setzen können. Dennoch nehmen die Blogger Zusammenkünfte wie diese zum Anlass, um über das eigene Selbstverständnis nachzudenken.

Während Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de zugibt: »Ich persönlich bastle noch an meinem Konzept, habe meine Position im Spiel der Meinungen, Märkte und Moneten (immer) noch nicht gefunden«, befindet Markus J. Sauerwald auf wie werden wir lesen: »Hier feiert sich nicht der etablierte Kulturbetrieb, sondern eine netzaffine Gemeinschaft, die das Lesen von Büchern zu einem geteilten sozialen Erlebnis nach den Regeln des Internets macht.« Sophie Weigand von Literaturen plädiert einmal mehr für »ein aufrichtiges Miteinander und kein Gegeneinander«, was Karla Paul in ihrer Kolumne für den Piper Verlag unterschreibt: »Lasst die neuen Möglichkeiten, Netzwerke und Fürsprecher der Literatur eine willkommene Ergänzung sein.« Weitere Bloggerstimmen hat Digitur direkt vor Ort eingefangen.

Auf zwei interessante Initiativen sei in diesem Zusammenhang noch hingewiesen. Zum einen ist aus der Debatte im Perlentaucher (siehe auch hier und hier) nun tatsächlich ein Magazin für Literaturkritik hervorgegangen: »Tell« lautet der Name, im kommenden Frühjahr soll es losgehen. Zum anderen hat der Perlentaucher den »Metablog« lit21 gegründet, eine Art RSS-Feed, der »literarisch relevante Quellen« von Zeitungen und Magazinen bis hin zu Verlags-, Autoren- und Literaturblogs bündelt. Falls ihr noch Webseiten kennt, die unbedingt gelistet werden sollten, wendet euch an die Redaktion, die Vorschläge gern entgegennimmt.

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8 Gedanken zu “#netzrundschau 10/2015

  1. Schön, dass dein Beitrag zeigt, dass es auch kleine Fortschritte in der sich vermeintlich im Kreis drehenden Diskussion. Die neuen Projekte von Perlentaucher sehen ja so aus, als gäbe es neue Impulse für den digitalaffinen Leser.
    Liebe Grüße
    Mareike

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    1. So ist es. Und das Wichtige dabei ist ja, dass diese Initiativen die Dichotomie zwischen »Kritiker/Feuilletonist« und »Blogger« gar nicht erst aufmachten, sondern beide Seiten gleichermaßen einbeziehen. Das ist eine schöne Entwicklung und setzt im Grunde das um, was Sophie Weigand eingefordert hat: miteinander arbeiten, nicht gegeneinander.

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  2. Hallo Caterina,

    danke für diesen sehr informativen und kompakten Artikel.

    Ich habe nie verstanden, warum man gegeneinander arbeitet. Literatur sollte verbinden – Eitelkeiten sind hier meines Erachtens völlig fehl am Platz.

    Ich bin schon sehr gespannt auf „Tell“.

    Viele Grüße

    Rosa

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    1. Liebe Rosa,
      merci für deinen Besuch und die Worte.

      Nun, es hat sicher mit Eitelkeiten zu tun, womöglich aber auch mit Ängsten. Ein Mensch, der mit dem Schreiben on- und offline sein Geld verdienen muss, beobachtet vielleicht mit Sorge, wie das Gespräch über Literatur sich auf immer mehr Quellen und immer mehr Stimmen ausweitet, und ist dadurch gezwungen, auch seine eigene Rolle zu hinterfragen. Das ist sicherlich kein einfacher Prozess, aber das ist etwas, womit die Medien schon seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder konfrontiert werden.

      Ich finde es nicht falsch, sein eigenes Tun regelmäßig zu hinterfragen, sich über seine Ziele und Ansprüche im Klaren zu sein und daraufhin seine Nische zu finden. Aber all das geht eben auch, ohne sich andauernd zu beklagen und dem anderen Vorwürfe zu machen, also – wie du schon sagst – gegeneinander zu arbeiten. Tell wird hoffentlich zeigen, wie ein Miteinander aussehen kann.

      Herzlich,
      caterina

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