Merle Kröger: Havarie

Kröger - Havarie (c)

»Position: 37°20’N 0°49’W / Radius: 12 Seemeilen /
Beginn: 13.53 MEZ / Dauer: 86 Min. (Spielfilmlänge)«

Eines der Bücher, die derzeit das literarische Gespräch dominieren, ist Jenny Erpenbecks neuer Roman Gehen, ging, gegangen. Die Gründe für diese Aufmerksamkeit dürften mehrere sein: das Renommee der Autorin, auf deren Werke sich das Feuilleton zuverlässig stürzt, die Nominierung für einen der wichtigsten, aber auch meist diskutierten Literaturpreise des Landes, den Deutschen Buchpreis, auf dessen Shortlist Gehen, ging, gegangen steht, und nicht zuletzt die Tatsache, dass es »das Buch der Stunde« ist, widmet es sich doch der Flüchtlingsthematik. Ein Garant dafür, dass es sich um gute Literatur handelt, ist all dies jedoch nicht: In der Kritik ist mitunter zu vernehmen, Gehen, ging, gegangen funktioniere nur bedingt als Roman, sei nicht mehr als eine Montage verschiedener Stimmen und Episoden, die kein schlüssiges Ganzes ergeben, und komme insgesamt zu brav daher.

Da lohnt es sich, den Blick auf eine andere Liste zu richten: die Hotlist, die zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen. Eines davon ist Havarie von Merle Kröger, erschienen in der hervorragenden Reihe »Ariadne Kriminalroman« des Hamburger Argument Verlages. Vielleicht ist die Autorin keiner ganz so breiten Leserschaft bekannt wie Erpenbeck, aber Kennern der guten Spannungsliteratur ist sie allemal ein Begriff, spätestens seit ihrem viel beachteten Roman Grenzfall aus dem Jahr 2012, der unter anderem mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Während Kröger hier die Übergriffe auf Asylbewerber in Mecklenburg-Vorpommern Anfang der Neunzigerjahre thematisiert, erzählt sie in ihrem neuen Buch von der Lebensgefahr, in die sich Flüchtlinge bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, begeben. Im Gegensatz zu Erpenbeck hat sie ihre Story aber sehr wohl im Griff.

Dabei arbeitet auch Kröger mit einer Fülle von Figuren und Geschichten, ihr gelingt es jedoch, sie sinnstiftend miteinander zu verknüpfen, indem sie sie in einer spannungsvollen Komposition stetig aufeinander zuführt und so ein Drama inszeniert, dessen Sog man sich nicht entziehen kann. Ein Drama in Spielfilmlänge wohlgemerkt, wie es in den Koordinaten, die dem Hauptteil des Romans vorangestellt sind, zynisch heißt. Schauplatz ist das Mittelmeer, zu sehen ist die Havarie eines Flüchtlingsbootes, 86 Minuten dauert das Spektakel. Und die Zuschauer, das sind die Passagiere des Kreuzfahrtschiffes Spirit of Europe (auch dieser Name ein höhnischer Kommentar), das 13:53 Uhr MEZ auf das Boot stößt und laut Seerecht warten muss, bis die Küstenwache eintrifft.

Wie eine Herde drängen sie nach vorn, während die erste Reihe sich sattgesehen hat und den Rückzug antritt. Die Spanne ist kurz: Vielleicht dreißig Sekunden starren sie durchschnittlich auf das Schlauchboot da draußen. Delfine halten gewöhnlich länger, aber nur in großen Gruppen.
»Schau, da winkt einer!«
Ein paar winken zurück.

Dass der Leser selbst nicht zum Zuschauer, zum Voyeur wird, hängt damit zusammen, dass er nicht wie die Passagiere von oben auf das Geschehen hinab-, sondern in die Figuren hineinblickt und sehr bald begreift, eine klare Trennung zwischen denen »da draußen« und uns »hier drinnen« gibt es nicht. In Havarie sind alle in irgendeiner Weise Geflohene und Gestrandete, Merle Kröger spielt das Thema Flucht in mehreren Varianten durch, ohne dabei freilich die Lage der eigentlichen Flüchtlinge zu verharmlosen. Gleich elf Figuren folgen wir, elf Darstellungen der Ereignisse, denen elf verschiedene Wirklichkeiten zugrunde liegen. »Ja, so spüren lebendige, ringende, wünschende, von den Verhältnissen gebeutelte Menschen die in ihre Kultur eingravierten Narben des Weltgeschehens«, schreibt die Verlegerin Else Laudan in ihrer Vorbemerkung zum Roman.

Da sind Karim und Zohra, die aus zwei Richtungen auf den spanischen Küstenort Cartagena zusteuern: er mit ein paar anderen Männern im Schlauchboot übers Mittelmeer, sie mit dem Auto von Marseille aus, wohin ihr Mann nun nachkommen will, nicht ahnend, dass ihr bereits die Abschiebung droht. Der ukrainische Ingenieur Oleksij, der mitansehen muss, wie seine Heimat allmählich vor die Hunde geht, während er auf dem rostigen Frachter Siobhan festsitzt. Die Britin Lalita, Sicherheitsoffizierin auf der Spirit of Europe, die die Last ihres Gurkha-Erbes und der väterlichen Erwartungen mit sich trägt. Der Passagier Seamus, der auch nach fünfunddreißig Jahren noch vom Gespenst seines besten Freundes verfolgt wird, der als Halbwüchsiger in den Belfaster Straßenkämpfen umgekommen ist. Und da sind all die anderen, die mit ihrem Leben hadern und nach einem besseren streben, nach Sicherheit, nach Anerkennung, nach Ruhe.

»Wenn die fünftausend unter ihm wüssten, wie verflucht voll dieses Meer ist«, denkt Léon, Erster Offizier der Spirit, an einer Stelle. »Wie viele Beinah-Unfälle es gibt. Eine scheiß Autobahn ist das hier.« Havarie erzählt von kaum mehr als vierundzwanzig Stunden, von der Nacht vor dem titelgebenden Szenario bis zu jener danach, vierundzwanzig Stunden, in denen ein Flüchtlingsboot, ein Luxusliner, ein Frachter und ein Seenotrettungskreuzer zu verschiedenen Zeitpunkten aufeinandertreffen und in denen die Menschen, die sich auf ihnen befinden, unvermittelt mit ihren Ängsten konfrontiert werden. Und während die Überfahrt auf dem Mittelmeer für die einen zum »algerischen Roulette« wird, wie Karim es einmal nennt, nutzen die anderen die Gelegenheit, um sich ihrer eigenen Probleme zu entledigen. Die »Verdammten«, die befinden sich nicht allein in dem manövrierunfähigen Schlauchboot.

Schon in Grenzfall, wo Kröger den Tod zweier Roma 1992 im deutsch-polnischen Grenzgebiet verhandelt (einen wahren Fall wohlgemerkt, dem sie gemeinsam mit Philip Scheffner auch in einem Dokumentarfilm mit dem Titel Revision nachgeht), fliehen weit mehr Menschen als nur jene, die wir als »Flüchtlinge« bezeichnen. Merle Krögers Romane sind vielstimmige und vielschichtige Gesellschaftsstudien, in denen es zwischen Schwarz und Weiß unzählige Grautöne gibt und deren polyfone Konstruktion deshalb geradezu zwingend ist. Wenn man die beiden Vorgänger Cut und Kyai! nicht kennt, ist Grenzfall jedoch bisweilen verwirrend, man findet nur schwer in die Figurenkonstellation hinein. Umso mehr lohnt die Lektüre von Havarie, das nicht bloß relevant, sondern auch erstklassig gemacht ist. Erst so kann Literatur Teil der politischen Debatte werden und ihr etwas Neues hinzufügen.

Kröger - Grenzfall (c)

Merle Kröger: Havarie. Argument Verlag, Hamburg 2015, 240 Seiten, 15,00 €. Auch als E-Book für 9,99 € bei CulturBooks erhältlich. / Merle Kröger: Grenzfall. Argument Verlag, Hamburg 2012, 347 Seiten, 11,00 €.

Was andere über Havarie sagen:

» Analog-Lesen
» Der Schneemann
» Zeilenkino

Was andere über Grenzfall sagen:

» Analog-Lesen
» My Crime Time

Die Rezension ist im Rahmen des Hotlist-Lesens 2015 von We read Indie entstanden. Ebendort stellen wir morgen den Argument Verlag und die Ariadne Kriminalromane vor und lassen die Verlegerin Else Laudan zu Wort kommen.

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6 Kommentare zu „Merle Kröger: Havarie

  1. Ich persönlich fand „Grenzfall“ stärker, weil es dort eine Geschichte gibt, die mehr oder weniger zu Ende erzählt wird. „Havarie“ war mir zu sehr montiert, zu vielstimmig auf zu wenig Seiten („literarisches Speeddating“ habe ich es in meiner Besprechung genannt).

    Gefällt 1 Person

    1. Die Geschichte von Grenzfall fand auch ich sehr stark, aber ich hatte wie gesagt Schwierigkeiten mit den Figuren, vor allem die Konstellation Mattie/Nick/Cal war für mich schwer durchschaubar. Ich hatte permanent das Gefühl, mir würde ein Puzzlestück fehlen, ich hätte etwas verpasst.

      Mir war vor der Lektüre gar nicht klar, dass der Roman Teil einer Reihe ist – zugegeben, das ist mein Versäumnis. Aber es ist dennoch schade, dass Grenzfall nur bedingt für sich stehen kann. Oder anders gesagt: Ich würde jedem Leser empfehlen, vorher die anderen beiden Bücher in die Hand zu nehmen und dann das dritte. Denn lesenswert ist es allemal, da gebe ich dir recht!

      Gefällt 1 Person

  2. Dass sich die Juroren des Buchpreises vor dem ‚Krimi‘ scheuen, bleibt mir unverständlich. Gerade ein Buch wie Havarie hätte mindestens eine Longlistnominierung verdient gehabt. Sei’s drum!
    Bei Grenzfall muss ich dir ein bisschen widersprechen: habe davor keines der anderen Bücher gelesen und das hat super funktioniert (was nicht heißt, dass die nicht immer noch auf meiner ewigen Will-ich-lesen-Liste stehen ;-))
    Danke.

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    1. Da stimme ich dir zu: Havarie hätte auf jeden Fall eine Nominierung verdient und wäre keineswegs fehl am Platz beim Deutschen Buchpreis. Allerdings habe ich es auch gar nicht als Krimi oder Thriller gelesen – und ich meine das gar nicht despektierlich, ich bin ja mittlerweile ein großer Fan von Spannungsliteratur. Ich würde es an ganz ‚objektiven‘ Kriterien festmachen (falls es so etwas überhaupt gibt in der Literatur), nämlich daran, dass bestimmte Elemente und Konventionen, die das Genre charakterisieren fehlen. Oder andersherum: Was genau macht denn diesen Roman zu einem Spannungsroman? Dass er packend ist? Nun, das trifft auf ziemlich viele Romane auch außerhalb der Spannung zu. Ich würde Havarie tatsächlich ohne Wenn und Aber in die Gegenwartsliteratur einordnen. Und meine das – das möchte ich noch einmal betonen – nicht als Werturteil.

      Und was Grenzfall angeht, so ist das wohl ein ziemlich subjektives Empfinden. Die ersten fünfzig Seiten war ich auch noch voll dabei, aber als dann Mattie auf den Plan trat und mit ihr Nick und dessen Frau und deren Vater und der ominöse Cal in Indien, da war ich doch einigermaßen verwirrt. Aber damit ich nicht falsch verstanden werde: Der Fall ist dennoch ausgesprochen spannend (und ja, hier würde ich sehr wohl von einem Krimi sprechen), die Figuren sind ungewöhnlich, und das Changieren zwischen den Perspektiven beherrscht Kröger auch ihr perfekt!

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