Fragebogen für Buchblogger

»Ich kenne tolle Buchblogs und tolle Leser*innen und Rezensent*innen«, schreibt Kritiker, Autor und Blogger Stefan Mesch. »Aber ich habe viele Fragen, die mir die ›über mich‹-Seite oder die kurzen persönlichen Gespräche mit Bloggern oft nicht beantworten.« Etwa, was sie antreibt, wie sie lesen und darüber schreiben, welche Bücher sie beschäftigen. Diese Fragen hat Stefan nun auf seinem eigenen Blog zusammengetragen, und er lädt alle, die mögen, »zum Mitnehmen und Beantworten« ein. Ich folge dem Aufruf gerne und hoffe, dass sich manch anderer anschließt.

buecherregal

Das Lieblingsbuch meiner Mutter:

Meine Mutter überrascht mich seit einiger Zeit, was ihre Lektüren angeht. Früher hat sie vor allem Schmöker gelesen, Familiensagas mit exotischem Setting, immer und immer wieder, bis die Bücher allmählich auseinanderfielen. Als ihr irgendwann die Bücher ausgingen, fing sie an, diejenigen zu lesen, die ich zwischen einem Besuch und dem nächsten zu Hause ließ, Lily Brett, Irene Dische, Zsuzsa Bánk. Sie geht nicht gerne in Buchläden, weil sie sich dort überfordert fühlt und nicht weiß,  wie und wonach sie fragen soll. Umso mehr verlässt sie sich mittlerweile auf meine Empfehlungen, scheut sich nicht mehr davor. Ihre Lieblingsbücher werden wohl aber auf ewig ihre Schmöker von damals bleiben, die Romane von Isabel Allende etwa.

Das Lieblingsbuch meines Vaters:

Mein Vater liest alles, was im Haus herumliegt, die Bücher meiner Mutter und die, die ich ihm mitbringe. Vorzugsweise aber Spannungsliteratur. Und er sagt zu allem unterschiedslos: »Ja, war gut.« Er ist kein Mann der großen Worte. Nur Franzens Unschuld fand er ein bisschen anstrengend und Wolf Haas gewöhnungsbedürftig. Ansonsten ist er jedoch leicht zufriedenzustellen.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten:

Ich lese Gegenwarts- und seit ein paar Jahren auch anspruchsvolle Spannungsliteratur, das Spektrum reicht von knapp und nüchtern bis opulent und sprachmächtig. Momentan habe ich eine Schwäche für hard-boiled Krimis und Noirs, der Liebeskind Verlag hat in dieser Hinsicht einige aufregende Bücher im Programm. Aber meine All Time Favorites sind Werke, die Unerhörtes erzählen, die formal und/oder sprachlich etwas wagen und den Leser ganz und gar berauschen. Werke wie David Grossmans Stichwort: Liebe, Jonathan Safran Foers Alles ist erleuchtet, Vladimir Nabokovs Lolita, Gabriel García Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit, Salman Rushdies Mitternachtskinder.

Literatur muss mich überraschen, muss etwas in mir anrichten, mich in irgendeiner Weise beschäftigen. Gerne darf sie mich herausfordern und manchmal auch überfordern. Nur eines darf sie nicht: mich gleichgültig lassen. Häufig steht dabei die sprachliche Ausgestaltung im Vordergrund: Wenn die Form mich fasziniert, kann der Inhalt schon mal zur Nebensache werden.

Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?

Ja, kann man, ich selbst habe das einerseits durch meine Arbeit, andererseits durchs Bloggen gelernt. Früher, als Jugendliche und zu Beginn meines Studiums, habe ich Bücher wahllos gekauft und gelesen, ich hatte keine Kriterien und keine Orte, wo ich mich informieren konnte. Inzwischen wähle ich sehr sorgfältig aus, scanne zunächst die Verlagsvorschauen und warte dann die Kritiken ab. Zudem kaufe ich oft nicht sofort bei Erscheinen, sondern mit ein paar Monaten oder gar Jahren Abstand, vieles erledigt sich dadurch von selbst, weil ich das Interesse verloren habe.

Mit dem Genießen wird es dagegen, so mein Gefühl, immer schwieriger, da ich mit zunehmender Leseerfahrung kritischer werde. In den vergangenen Monaten konnte mich das allerwenigste wirklich begeistern – mein undifferenziert lesendes früheres Ich war da leichter zu befriedigen. Womöglich würde ich die oben genannten Werke von Grossman und Foer, die ich mit Anfang zwanzig entdeckt habe, heute nicht mehr mit demselben Gewinn lesen, weshalb ich mich auch scheue, sie noch einmal zur Hand zu nehmen.

Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Und helfen Blogs? Wobei? Wie?

Die Frage ist doch: Wem? Mir selbst helfen sie schon, ich bin eine Hybridleserin, informiere mich sowohl im Feuilleton als auch in Blogs. Aber ich kann verstehen, wenn Leser mit Feuilletonkritiken (und der Art von Literatur, die dort vorherrscht) nichts anfangen können und sich lieber auf Empfehlungen anderer Leser verlassen, seien es Amazon-Rezensenten, Blogger oder der Lesekreis vor Ort. Ich finde es legitim und wichtig, dass das Gespräch über Literatur derart viele Formen annimmt und auf diese Weise die verschiedensten Leser erreicht.

Ich führe einen typischen Buchblog, weil …

Gibt es den typischen Buchblog? In einem Artikel im Börsenblatt habe ich versucht zu argumentieren, dass die Landschaft der Literaturblogs ebenso vielfältig ist wie die Literatur selbst, Blogger haben unterschiedliche Vorlieben, Ansprüche und Zielgruppen. Mein Blog ist einigen anderen, die sich ebenfalls mit Gegenwartsliteratur befassen, sicher nicht unähnlich, er besteht in der Hauptsache aus Besprechungen, darüber hinaus gibt es Beiträge rund um den Literaturbetrieb, etwa in Form von Interviews und Veranstaltungsberichten. Auf allzu Persönliches und Spielereien wie Lesestatistiken wird weitgehend verzichtet (Ausnahmen wie ebendieser Fragebogen bestätigen die Regel).

Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass …

… Lesen und Darüberschreiben, vor allem Letzteres, unwahrscheinlich zeitintensiv sind. Auch nach Jahren des Bloggens hat sich dies nicht geändert, ich bin noch immer eine vergleichsweise langsame Leserin und eine noch langsamere Schreiberin. Ich würde gerne so viel mehr machen, und es fällt mir schwer, mich nicht unter Druck zu setzen, sondern entspannt an die Sache heranzugehen. Etwas, das ich nach wie vor lernen müsste.

Habe ich Vorbilder?

Vorbilder nicht direkt, aber ich mag Blogs, die eine besondere inhaltliche Ausrichtung haben und sich dadurch abheben, wiedererkennbar sind. Zum Beispiel Uwe Wittstocks Die Büchersäufer mit der schönen Kolumne »Buch & Bar«. Oder die Wilmvorlesungen von Jan Wilm, wo monatlich je zwei Bücher gemeinsam besprochen werden – stets ein älteres im Paartanz mit einem neueren. Ich würde meinem Blog zwar ungern ein strenges inhaltliches Korsett anziehen, finde aber solche Formate, die über die klassische Rezension hinausgehen und zudem in einer gewissen Regelmäßigkeit wiederkehren, reizvoll. So etwas zu entwickeln und mit Ernsthaftigkeit zu verfolgen ist jedoch wie üblich eine Frage der Zeit.

Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?

Eine Frage, auf die auch ich gerne eine Antwort hätte. Natürlich sind viele Blogger unter meinen Lesern, darüber hinaus aber auch sicher der eine oder andere Nicht-Blogger, Menschen aus der Branche – seien es Buchhändler, Verlagsleute oder Kritiker – ebenso wie ganz gewöhnliche Leser, deren Geschmack in etwa mit meinem übereinstimmt. Mein 78-jähriger Großvater zum Beispiel, der mit großer Neugier verfolgt, was ich mache, und immer wieder mal eines der Bücher liest, die ich bespreche, zuletzt mit viel Begeisterung Nino Haratischwilis Das achte Leben.

Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren:

Ich wünschte, ich könnte mir vornehmen, mehr zu lesen und darüber zu schreiben. Aber gleichzeitig hoffe ich, dass ich in beruflicher Hinsicht vorankomme und mehr gefordert werde. Das Bloggen wird dann sicher eines der ersten Dinge sein, die zu kurz kommen. Das tut es zwar für mein Empfinden schon jetzt, aber ich will – siehe oben – lernen, gelassener damit umzugehen.

Bonus: Empfehlungen!

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: Zu sagen, niemand hätte Die Blechtrommel von Günter Grass gemocht, wäre falsch, schließlich ist es ein Klassiker der Weltliteratur. Was meine Generation angeht, kenne ich jedoch kaum jemanden, der mit diesem Buch etwas anfangen kann – eine Ablehnung, die häufig sicher auch mit Grass selbst zu tun hat, einer zweifelsohne streitbaren Person. Aber Die Blechtrommel halte ich, ebenso wie Hundejahre, für ein ganz und gar großartiges Werk, irrwitzig, unbändig und furios.

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: Naokos Lächeln von Haruki Murakami, das ich sowohl in inhaltlicher als auch in sprachlicher Hinsicht schrecklich platt fand. Es ist bislang der einzige Roman von Murakami, den ich gelesen habe, seitdem traue ich mich an keinen anderen heran und kann mich folglich auch dem Hype um den Autor nicht anschließen.

Ein gutes Buch, das ich schlecht fand: Zum Beispiel Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und Salingers Fänger im Roggen, die mich ziemlich kaltgelassen haben. Generell tue ich mich eher schwer mit Klassikern, sie langweilen mich oft, von ein paar Ausnahmen – wie den bereits genannten – abgesehen.

Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe: Das fremde Meer von Katharina Hartwell und Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar. Nicht ich allein wohlgemerkt, sondern wir Literaturblogger allgemein.

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde: Deutscher Meister von Stephanie Bart, erschienen im vergangenen Jahr. Vielleicht kein Geheimtipp, aber ich hätte erwartet, dass der Roman sowohl im Feuilleton als auch in den Blogs höhere Wellen schlägt. So klug, so komisch, so erschütternd.

Ein Buch, von dessen Gestaltung/Cover/Design sich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten: Karen Köhlers Erzählband Wir haben Raketen geangelt aus dem Hanser Verlag – ein Gesamtkunstwerk! Und die Bücher aus dem Weidle Verlag, dem mairisch Verlag und von Matthes & Seitz sind generell sehr schön.

Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten: Der Grazer Schriftsteller Clemens J. Setz, ohne Frage. Zu empfehlen all denjenigen, die Skurriles, Verschrobenes und Abseitiges mögen.

*

Andere Literaturblogger, die diesen Fragebogen ausgefüllt haben:

» Literaturen
» lust zu lesen
» booknerds.de
» lustauflesen.de
» Muromez
» Buchkolumne
» Kaffeehaussitzer
» notizhefte

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10 Kommentare zu „Fragebogen für Buchblogger

  1. Tolle, ehrliche Antworten. Dieses Gewese um Murakami werde ich auch nie verstehen. Hab mich durch KAFKA AM STRAND und MISTER AUFZIEHVOGEL gekämpft – furchtbar träge und langatmig.
    LG Bookster

    Gefällt mir

    1. Irgendwann werde ich ihm noch eine zweite Chance geben, vielleicht eines seiner magisch angehauchten Werke lesen. Auf sprachlicher Ebene werde ich wohl zwar nicht mehr warm mit ihm werden, aber vielleicht kann er mich ja wenigstens mit diesen surrealen Geschichten einfangen. Ich fürchte aber, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis es so weit ist …

      Gefällt 1 Person

  2. Sehr kompakte ansprechende Fragen, da mache ich auch gerne mit.

    Die Werke Murakamis erschließen sich mir im Übrigen auch nicht.

    „Die Blechtrommel“ finde ich grandios, aber ich stand mit meiner Meinung damals auch sehr alleine.

    Viele Grüße

    Rosa

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