I. J. Kay: Nördlich der Mondberge

Kay - Nördlich der Mondberge (c)

»Ich versuche, das Gewicht all dessen zu tragen, was ich nicht habe«

Seit kurzem hat Ashley einen Job in einer Doughnut-Fabrik, und während der Zucker in ihre Augen rieselt, fragen ihre neuen Kolleginnen sie aus – ob sie verheiratet sei, ob sie Kinder habe. »Ich wappne mich für das, was noch kommt, und versuche, das Gewicht all dessen zu tragen, was ich nicht habe.« Tatsächlich ist das, was sie hat, nicht viel: eine heruntergekommene Sozialwohnung und manchmal, wenn das Geld reicht, auch Strom; eine Handvoll Besitztümer, die in einen Schuhkarton passen; kaum Freunde, keine Familie. Dafür aber eine beschissene Vergangenheit, viel verlorene Zeit und Wut, jede Menge Wut. Nicht einmal einen Namen hat sie, ihre Kolleginnen, die »Zuckergussbräute«, nennen sie Ashley, weil sie sich »Louise« nicht merken können, und womöglich stimmt auch dieser Name nicht. Im Laufe ihres Lebens nimmt sie viele Identitäten an, heißt Lulu, Catherine, Beverly, Kim.

Nördlich der Mondberge ist das Debüt der Britin I. J. Kay, über die fast nichts bekannt ist, das Vage und Diffuse teilt sie mit ihrer Heldin Louise Alder. Diese begeht zu Beginn des Romans ihren 31. Geburtstag mit 17 Pence in der Tasche, sie ist gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden, wo sie wegen schwerer Körperverletzung zehn Jahre inhaftiert war. Als man ihr eine Entschädigung von ein paar Tausend Pfund auszahlt, erfüllt sie sich einen Traum, um mit ihrer Vergangenheit abzuschließen: Sie reist nach Afrika, zu den titelgebenden Mondbergen, dem Ruwenzori-Gebirge an der Grenze zwischen dem Kongo und Uganda. Ihr Großvater schenkte ihr einst, da war sie noch ein kleines Mädchen, einen Bildband über diese Gegend, fortan träumte sie sich oft dorthin, verkleidete sich als Kriegerin und floh. Weg von ihrer egozentrischen Mutter, die ihre Kinder für ihre gescheiterte Karriere als Tänzerin verantwortlich machte, weg von ihrem gewalttätigen Stiefvater.

Die Erinnerungen an diese lausige Kindheit und eine mehr und mehr aus den Fugen geratende Jugend durchbrechen immer wieder die Erzählung, zersplittern sie, sind eine Herausforderung, bald eine Zumutung für den Leser. Was zum einen am Fragmentarischen liegt, am raschen Wechsel der Zeiten und Namen, zum anderen an der Sprache (ins Deutsche übertragen von Steffen Jacobs), die eigenwillig und sperrig ist. Das Mädchen, genannt Lulu, erfindet Wörter und eine eigene Grammatik, die Sprache ist Ausdruck ihrer Vernachlässigung, zugleich aber auch eine Art Schutzschild, ein Mittel, sich die Welt begreifbar und vor allem erträglich zu machen, den Schmerz fernzuhalten. Den Leser verstört diese Sprache, weil sie Grausames verharmlost: »Ich halt den Schraubenschlüssel an den festgeklemmten Bolzen und hau dagegen. Rutscht weg. Autsch. Schrecklich. Hab Glück, weil, Knöchel wachsen nach.«

Diese kindliche Aneignung der Geschehnisse ist so faszinierend wie beklemmend, doch auf Dauer wird man des bizarren Stakkato-Sounds überdrüssig, und auch das schwer entwirrbare Geflecht an Erzählsträngen macht Nördlich der Mondberge zu einer mühsamen Lektüre. Das ist bedauerlich, denn mit Louise Alder hat die Autorin Kay eine erstaunliche Frauenfigur geschaffen, radikal und zäh, willens, zu kämpfen, zur Not bis aufs Blut. Ein bisschen erinnert der Roman an einen anderen aus diesem Frühjahr, den hochgelobten Flammenwerfer der amerikanischen Schriftstellerin Rachel Kushner. Eine starke Eingangsszene zeigt die junge Heldin Reno bei einem Motorradrennen in der Salzwüste Nevadas, dieses Bild, diese Figur fesseln – doch nur für den Augenblick. Die Romane erzählen vom Aus- und Aufbruch zweier Frauen, von ihrem Mut und ihrem Widerstand, verlieren dabei aber selbst an Kraft und werden so zum Kraftakt für den Leser.

Kay - Nördlich der Mondberge 2 (c)

I. J. Kay: Nördlich der Mondberge. Aus dem Englischen von Steffen Jacobs. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 464 Seiten, 22,99 €. / Rachel Kushner: Flammenwerfer. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Reinbek 2015, 560 Seiten, 22,95 €.

Was andere über Nördlich der Mondberge sagen:

» Progress
» Feiner reiner Buchstoff

Was andere über Flammenwerfer sagen:

» deep read
» Fixpoetry

3 Gedanken zu “I. J. Kay: Nördlich der Mondberge

  1. Danke fürs Verlinken. Ich habe den Roman wirklich als mühsam in Erinnerung. Ich habe auch „Flammenwerfer“ gelesen und war von dem Roman auch ein wenig enttäuscht, obwohl mich beide Bücher gar nicht in irgendeiner Form aneinander erinnert haben – ein interessanter Vergleich!

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    1. Sie sind tatsächlich auch nur bedingt miteinander zu vergleichen, aber was mir wirklich aufgefallen ist, sind diese beiden wahnsinnig spannenden Frauenfiguren: die eine gerade aus dem Gefängnis gelassen, die andere auf dem Motorrad in der Salzwüste – das hat mich sehr beeindruckt. Ebeno die beiden Autorinnen dahinter, die – so mein Eindruck – sehr unangepasst sind und den Literaturbetrieb beide auf ihre Weise aufmischen. Die Geschichten und die erzählerischen Verfahren sind dabei aber natürlich ganz andere, und ich wünschte, ich hätte in ihnen das sehen können, was die Presse darin gesehen hat.

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