Stichwort: Liebe

bloggerfuerfluechtlinge

Die Themen Vertreibung, Verfolgung und Unterdrückung ziehen sich wie ein roter Faden durch die Lektüren meines Lebens. Die Gründe dafür sind nicht in meiner Geschichte und der meiner Familie zu suchen, der Grund ist schlichtweg: Es geht mich an – als Deutsche, als Europäerin, als Mensch. Insbesondere der Holocaust lässt mir keine Ruhe, unzählige Bücher hierzu stehen in meinem Regal, und das Masterstudium schloss ich mit einer Arbeit über Romane der zweiten und dritten Generation ab. Everything Is Illuminated von Jonathan Safran Foer und Stichwort: Liebe von David Grossman gehören bis heute zu den Büchern, die mich am meisten aufgewühlt haben, die etwas in mir angerichtet haben und mich ein Leben lang nicht mehr loslassen werden. Allein das Ende von Stichwort: Liebe, dieses vielstimmige Gebet, das eine Gruppe Versehrter zum Schutze eines noch unschuldigen Kindes ausspricht – es zerreißt mich immer wieder.

Es war 22.05 Uhr […]. Das Kind, zu der Zeit drei Jahre alt, war, anscheinend von seiner fieberhaften Aktivität erschöpft, gerade eingeschlafen. Fried […] betrachtete das Kind voller Mitleid, in dem schon Liebe steckte, und die Flammen des Schmerzes und der Wonne pflügten die trockenen Schollen seines alten Herzens um, und wieder keimten, wie immer gegen seinen Willen, gegen seine Entschlüsse und alles, was er über diese Welt und ihre Menschen und über dieses Leben, das kein Leben war, wußte – frische Sprossen der Hoffnung in ihm. Er betete, während das Kind auf dem Rücken lag. – Markus: »Daß er fähig sein würde, die heftige Leidenschaft für das Leben auf dem Gesicht des Kindes ebenso zu bewahren wie sein herrliches Vertrauen, offen für alles zu sein und an alles zu glauben.« Fried: »Und daß ich ihn nicht vergiften würde mit all dem Haß, der in mir steckt«, Markus: »und mit allem, was ich weiß«, Otto: »und daß ich ihn männlich und mutig und voller Vertrauen heranwachsen lasse«, Fried: »und daß er mir bitte nicht ähneln soll. Er soll ihr ähnlich sehen, Paula.« Und Wasserman hob die Augen zu Neigel und sagte: »Wir beteten alle um eine Sache: daß er sein Leben beenden würde, ohne etwas vom Krieg zu wissen. Versteht Ihr, Herr Neigel? Um so wenig baten wir, so klein war unsere Bitte: daß ein Mensch sein Leben von Anfang bis Ende leben möge, ohne zu wissen, was das ist: Krieg.«

Nun ist diese Form der Unschuld zwar unmöglich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert: Wir alle wissen von den Kriegen der Vergangenheit und der Gegenwart, und dieses Wissen sensibilisiert uns bestenfalls, macht uns zu klügeren Menschen. Doch die allermeisten von uns, die wir im prosperierenden, gesättigten Nachkriegsdeutschland geboren sind, haben den Krieg zum Glück nie erlebt, wissen nicht, was es heißt, im Krieg zu leben und zu überleben. Außerhalb dieses Landes wissen es hingegen zahllose Menschen nur allzu gut, sind Opfer von Vertreibung, Verfolgung und Unterdrückung, manchmal auch ’nur‘ von extremer Armut. Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und an ihnen gänzlich fremden Orten Zuflucht zu suchen. Menschen, die zu uns kommen und um Schutz und Hilfe bitten, die hoffen, hier ein neues Leben beginnen zu können, in Sicherheit und mit dem Nötigsten.

Diese Menschen werden seit Wochen, Monaten und Jahren angefeindet, immer lauter pöbeln jene, die trotz des Wissens um das, was in der Vergangenheit geschehen ist, nicht klüger geworden sind. Und schlimmer noch: Sie pöbeln nicht nur, sie wenden Gewalt an. Das, wovor so viele geflüchtet sind, finden sie nun hier wieder. Umso wichtiger ist es, ebendiesen Menschen, den Flüchtlingen, zu signalisieren, dass nur ein schwindend geringer Teil dieser Gesellschaft sie nicht hier haben will und dass ein unendlich viel größerer Teil sie willkommen heißt. Dass wir sie brauchen, dass wir froh darüber sind, dass sie zu uns gekommen sind und mit ihrem Wesen, ihren Geschichten, ihrer Kultur unser Land und unseren Kontinent bereichern. Dass wir uns darauf freuen, gemeinsam mit ihnen aus dieser Gesellschaft eine bessere zu machen.

Zahlreiche Initiativen wurden in der letzten Zeit ins Leben gerufen, um ein Zeichen zu setzen – eine davon ist #BloggerFuerFluechtlinge von Paul Huizing, Karla Paul, Nico Lumma und Stevan Paul. Ziel war es zunächst, viertausend Euro für die Organisation »Moabit hilft« zu sammeln, die derzeit die ehrenamtliche Hilfe an der Zentralen Asylaufnahmestelle am LAGeSo Berlin koordiniert. Die Resonanz im Netz war derart überwältigend, dass die vier Initiatoren längst über ihr Ziel hinausgeschossen sind und sich nun noch Größeres vorgenommen haben. Gleich mehrere Organisationen und Projekte, die sich für Flüchtlinge einsetzen, wollen sie unterstützen, Geld dafür kann weiterhin auf betterplace.org gespendet werden. Darüber hinaus gibt es aber natürlich noch viele andere Möglichkeiten, sich zu engagieren und Stellung zu beziehen. Schaut euch um, packt mit an, sagt es weiter, werdet laut. Damit all die Hetzer und Hater bald nicht mehr zu hören sind! Stichwort: Liebe.

bloggerfuerfluechtlingeNachtrag: In ihrem lesenswerten Beitrag »Deutlich sein« sammelt Autorin Pia Ziefle alle Texte, die unter dem Hashtag #BloggerFuerFluechtlinge entstanden sind. Sagt ihr gerne Bescheid, wenn etwas fehlt. Mittlerweile wurde auch eine Webseite eingerichtet, auf der ihr alle Infos und Neuigkeiten rund um die Initiative findet und auf der auch Platz für eure eigenen Beiträge ist. Das oben eingebundene Logo wurde von Desi und Béa entworfen und steht für alle, die ebenfalls über die Aktion schreiben wollen, auf dem Blog Tollabea.de zum Download zur Verfügung.

David Grossman: Stichwort: Liebe. Aus dem Hebräischen von Judith Brüll. Fischer, Frankfurt 2010, 624 Seiten, 12,95 €.

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8 Gedanken zu “Stichwort: Liebe

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