»Durst war ja auch nur ein Synonym für Leben«

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Mit Kracht, Fauser, Haas und Knausgård im Urlaub

Kürzlich war ich im Urlaub. Zwar hatte ich kein türkisblaues Meer vor mir und keinen weißen Sandstrand unter mir, keinen Strohhut auf dem Kopf und keinen Cocktail in der Hand, aber da ich all das in meiner Vergangenheit als Inselkind ohnehin im Überfluss hatte, war ich keinesfalls traurig. Stattdessen machte ich es mir im beschaulichen Oberbayern schön, erklomm die Voralpen, radelte am Ufer des Ammersees, winkte Kühen zu, die müde auf der Weide standen, fuhr Kanu und Tretboot, badete in Flüssen und baute Sandburgen mit meinem Neffen, trank Bier und aß Kaiserschmarrn, oben in der Almhütte, und jede Menge Eis noch dazu. Und manchmal, wenn es gerade sonst nichts zu tun und zu gucken gab, las ich.

Nun packt man sich für den Urlaub ja gerne Lektüren ein, die zum Reiseziel oder zur Stimmung passen. Ruth Cerhas Bora. Eine Geschichte vom Wind (hier und hier) ist in dieser Saison bestimmt in einigen Koffern gelandet, ebenso wie Becks letzter Sommer (hier und hier), Benedict Wells‘ hochgelobter Debütroman aus dem Jahr 2008, der durch den soeben angelaufenen gleichnamigen Kinofilm wieder in aller Munde ist. Auf etwas derartig Naheliegendes bin ich, als ich am Tag vor der Abreise auf mein Regal blickte, jedoch nicht gekommen, mehr oder weniger willkürlich griff ich zu Christian Kracht, Jörg Fauser, Wolf Haas und Karl Ove Knausgård.

Ihre Bücher hatte ich seit einer ganzen Weile schon lesen wollen, und die Tatsache, es noch nicht getan zu haben, war mir immer mehr wie eine unverzeihliche Lücke vorgekommen. Wie bloß kann man weiterlesen, weiterschreiben, weitermachen, ohne diese Bücher zu kennen? Im Nachhinein erscheint die Auswahl ganz und gar nicht willkürlich, sondern nahezu zwingend, die Romane weisen interessante Parallelen auf. Vier männliche Autoren und vier Bücher über ziemlich kaputte Typen, über Rauschzustände, Abgründe und nichts weniger als den Sinn des Lebens. Bei dem einen lacht man drüber, bei dem anderen schluckt man, und bei Fauser tut man beides.

Kracht - Faserland (c)Gemeinsam mit Christian Kracht reise ich durchs Faserland, von Sylt nach Zürich, von Party zu Party, von einem Drogenrausch zum nächsten. Es ist eine dekadente, vor Langeweile zerfressene Gesellschaft, in der sich der namen- und teilnahmslose Held bewegt, immer penibel darauf bedacht, dass seine Barbour-Jacke sitzt und er eine gute Figur macht, während alles um ihn herum den Bach runtergeht. Sagte ich vorher etwas vom Sinn des Lebens? Nun, hier wird seiner Sinnlosigkeit ein Denkmal gesetzt, und so beklemmend sich das bisweilen auch liest, ist Faserland doch ein irrer Spaß. So sehr, dass ich es sogleich an meinen Bruder weiterreichte, der es wiederum seinem fünfjährigen Sohnemann vorlas.

Fauser - Rohstoff (c)Ich widmete mich derweil Jörg Fausers Rohstoff, seinem autobiografisch gefärbten Roman aus dem Jahr 1984. Es ist die Geschichte von einem, der auszog, Schriftsteller zu werden, und auf dem Weg dorthin die verschiedensten Milieus erkundet, sich als Junkie, Anarchist, Hausbesetzer, Angestellter und Säufer versucht. Harry Gelb heißt Fausers Alter Ego, und wie der junge Fauser taumelt er durch das Istanbul, Berlin und Frankfurt der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Was ihn ins Straucheln bringt, sind freilich die Drogen, aber vielmehr noch ist es das politische und kulturelle Establishment, das er zutiefst verabscheut, gegen das er anrennt und anschreibt, um am Ende doch immer wieder zu fallen, mit dem Gesicht voran auf die Pflastersteine. Harter Stoff ist dieser Text, vor allem das, aber gleichzeitig ist er verdammt klug, böse und witzig.

»Verdammt, hab ich noch Durst.«
Es war egal, wer das geheiligte Wort aussprach. Es war immer so, als hätte es ein Chor gesprochen. Durst war ja auch nur ein Synonym für Leben. Es war vielleicht ein etwas fragwürdiges Synonym, aber andererseits das einzige, das um diese Uhrzeit Sinn machte, und ich fand es eine reizvolle Abwechslung zu dem, was die Nadel umschrieb, den kleinen Tod.

Haas - Brenner und der liebe Gott (c)Wolf Haas war mir nicht gänzlich unbekannt, als wir gemeinsam auf Reisen gingen, vor einer Weile hatte ich Das Wetter vor 15 Jahren gelesen, seinen Brenner aber kannte ich nur vom Sehen, verkörpert vom fabelhaften Josef Hader. Nun also Der Brenner und der liebe Gott: Aus Zufall ist mir der siebente Teil der Reihe in die Hände gefallen, aber das macht nichts, man wird schnell warm mit Simon Brenner, diesem eigenbrötlerischen und etwas heruntergekommenen Grazer Privatdetektiv, um den herum ständig etwas passiert. Diesmal verschwindet die zweijährige Tochter eines reichen Ehepaars, auf die er achtgeben sollte, und löst damit ein ordentliches Schlamassel aus, in dem selbst Gott mitmischt. All das ist herrlich schräg und schwarzhumorig und in einem derart eigenwilligen Duktus verfasst, dass man nichts Vergleichbares in der Krimilandschaft finden wird.

Knausgard - Sterben (c)Gewissermaßen ein Kontrastprogramm dazu liefert Karl Ove Knausgård mit seiner präzisen, schmucklosen Sprache, der Ernsthaftigkeit seines Schreibens, seinem ausufernden literarischen Projekt, das in nichts weniger als einer sechsteiligen Selbstbespiegelung besteht, deren fünfter Band, Träumen, demnächst auf Deutsch erscheint. Im ersten Buch, Sterben, schildert Knausgård das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, der ihm stets das Gefühl vermittelte, unzulänglich zu sein, und sich schließlich zu Tode soff. Ausgehend von dieser Vater-Sohn-Thematik seziert Knausgård über fast sechshundert Seiten sich selbst, seine Kindheit und Jugend, sein gegenwärtiges Leben, seine Beziehung zur Mutter, zum Bruder, zu den Frauen, zum Schreiben. Und auch wenn er sich dabei in manch belanglosen Episoden verliert, die Lektüre streckenweise ermüdend wird, so ist die Gnaden- und Schamlosigkeit, mit der er Schicht für Schicht sein Selbst freilegt, doch faszinierend.

Was für Bücher! Das sind genau die richtigen Lektüren für den Liegestuhl, in der Hand eine Flasche Bier, und irgendwo im Hintergrund plappert unablässig der Neffe, den man aber mal für eine halbe Stunde geflissentlich überhört. Ich will nicht behaupten, dass das der perfekte Urlaub ist, ich war noch nie in Südostasien oder auf Island oder an der Côte d’Azur. Aber mit Kracht, Fauser, Haas und Knausgård in Oberbayern – das hat schon was.

Christian Kracht: Faserland. dtv, München 2011, 160 Seiten.

Jörg Fauser: Rohstoff. Diogenes, Zürich 2009, 336 Seiten, 9,90 €. 

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott. dtv, München 2014, 224 Seiten, 9,95 €.

Karl Ove Knausgård: Sterben. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. btb, München 2013, 576 Seiten, 10,99 €.

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17 Kommentare zu „»Durst war ja auch nur ein Synonym für Leben«

    1. Ja, auch deshalb, weil ich kaum bis gar nicht am Computer war. Was in letzter Zeit wirklich sehr, sehr selten vorkommt. Sollte man öfter tun: bewussten Abstand zum Internet und alles, was damit einhergeht, nehmen.

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  1. Letztes Jahr hatte ich den ersten Knausgård auch im Urlaub dabei und dafür eignet er sich perfekt. Wenn die Informationsflut gestoppt ist, die Zeit stillsteht und sich alles verlangsamt, passt seine Schreibe, die oft ins Nebensächliche und Unwichtige abdriftet. Für das kommende „Ausruhen“ werde ich den zweiten Teil, „Lieben“, unbedingt in den Koffer packen.

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    1. Mich hat es mitunter schon sehr gestört, vor allem die hundert Seiten über eine mäßig spektakuläre Silvesternacht, die er als Jugendlicher verbracht hat, waren meines Erachtens zu viel des Guten. Hier erzählt er nichts, was der Figur Knausgård eine neue Facette verleiht, und die Vater-Sohn-Beziehung wird ganz aus den Augen verloren. Bemerkenswert finde ich hingegen den ganzen letzten Part, wo er minutiös schildert, wie er und sein Bruder das Haus des verstorbenen Vaters aufräumen und putzen. Es ist also gar nicht so sehr die Detailfülle, die Genauigkeit, die mich stört, sondern das Abschweifen zu Episoden, die für die Geschichte nicht von Belang sind. Dennoch wird es sicher nicht meine letzte Knausgård-Lektüre gewesen sein, es ist ja schon ein beeindruckendes Projekt, und seine anderen Romane möchte ich mir auch mal ansehen.

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  2. Sehr interessanter Mix an Literatur. Faserland las ich damals als es neu erschien und gefeiert wurde. Ich war nur deprimiert, dass wir uns auf diese Form von neuer Literatur einrichten sollten. Doch letztlich haben wir auch dies überstanden. Mit der Komik von Haas komme ich nicht wirklich zurecht. Aber er hat was, zweifellos. Zu Knausgård zieht mich nichts. So eigenbrötlerisch bin ich zeitweise selbst, dass ich nicht die Geduld für solche solipsistische Literatur habe. Und Rohstoff klingt mir sehr nach zeitgenössischer Literatur meiner Generation, die für mich etwas obsolet ist. Dass der Ort, die Landschaft und das sonstige Drumherum ideal ist, um sich interessanter Lektüre zu widmen, kann ich voll und ganz bestätigen. Denn ich wohne glücklicherweise ganz in der Nähe 😉

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    1. Nun, als obsolet würde ich Rohstoff ganz bestimmt nicht bezeichnen, aber das hängt natürlich immer davon ab, welchen literarischen Background man hat. Mag sein, dass es damals etliche Bücher gab, die ein ähnliches Lebensgefühl beschreiben und ebenso laut gegen eingefahrene Strukturen poltern, vermutlich auch schon deutlich früher. Für mich, die gerade erst geboren wurde, als dieses Buch erschienen ist, und die in ihrer Jugend keine Berührungen mit Kerouac, dem von Fauser viel zitierten Burroughs und anderen Dichtern dieser Art hatte, ist das etwas Neues und anderes. Vor allem im Vergleich zur aktuellen deutschsprachigen Literatur.

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  3. Schöne Buchtipps!
    Vielleicht versuche ich es ja doch nochmal mit Christian Kracht..aber ein anderes Buch (wo er u.a. auch dran beteiligt war: Tristesse Royal) hat mir leider so gar nicht zugesagt.

    Beste Grüße
    Deborah von Sommerdiebe

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    1. Zugegeben, es war der erste Roman von Kracht, den ich gelesen habe, bis dahin kannte ich lediglich den Film Finsterworld, zu dem er das Drehbuch verfasst hat und den ich ganz und gar großartig fand. In gewisser Weise sind sich der Film und Faserland sehr nahe, von einem ästhetischen Gesichtspunkt aus fand ich den Film aber deutlich interessanter als den Roman. Sprachlich und erzählerisch finde ich Kracht gar nicht so reizvoll. Aber der Humor, der Abgesang auf diese Gesellschaft – das ist schon toll.

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    1. Ich fand es zumindest ziemlich gut. Aber ob ich die komplette Reihe lesen werde, oder anders gesagt: was mir sechs Bände dieser Selbstbespiegelung geben können, das weiß ich noch nicht.

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  4. Ich habe in den Ferien „Erfolg“ von Feuchtwanger gelesen, den fand ich teilweise ein bißchen billig, teilweise sehr gekonnt und insgesamt eine sehr gute politische Analyse des Landes Bayern. Bis heute aktuell, wenn man sich anhört, was die CSU Leute so von sich geben.

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