Im Gespräch mit Claudia Kramatschek

»Ich habe es teilweise wie einen Rausch erlebt«

In knapp einer Woche wird die Longlist des Deutschen Buchpreises bekannt gegeben, die Buchpreisblogger laufen sich allmählich warm und diskutieren bereits über mögliche Kandidaten. Bevor jedoch der große Rummel um die Nominierten losgeht, wage ich einen Blick hinter die Kulissen, indem ich mich mit der Sprecherin der diesjährigen Jury, der freien Literaturkritikerin Claudia Kramatschek, unterhalte. Gemeinsam mit ihren Kollegen, dem Intendanten Markus Hinterhäuser, den Buchhändlern Rolf Keussen und Ursula Kloke sowie den Kritikern Ulrike Sárkány, Christopher Schmidt und Bettina Schulte, hat sie just in diesen Tagen entschieden, welche Romane auf der Longlist stehen, und damit gewissermaßen auch, worüber die literarisch interessierte Öffentlichkeit in den kommenden Monaten reden wird. Ein Gespräch über Erwartungen, den Umgang mit Kritik und über das Lesen nach dem Buchpreis.

© Christoph Paulsen/studioline© Christoph Paulsen/studioline

Frau Kramatschek, Sie sitzen in der Jury des elften Deutschen Buchpreises. Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Berufung durch die Akademie erfuhren? Ist es eine Arbeit, die Sie schon immer einmal machen wollten?

Ehrlich gesagt hätte ich den Brief beinahe ungelesen entsorgt, weil er sich zwischen diversen Werbesendungen versteckt hatte! Als ich ihn öffnete und überflog, musste ich zweimal lesen – und vollführte anschließend einen kleinen Freudensprung. Will sagen: Ich fühlte und fühle mich geehrt durch die Berufung, allemal da sie für mich doch ziemlich überraschend kam. Deswegen habe ich sehr gerne zugesagt, auch weil ich die Arbeit in einer Jury – dies ist die dritte, in die ich berufen wurde – jedes Mal als sehr inspirierend und bereichernd erlebe.

Mit welchen Erwartungen sind Sie an die Tätigkeit als Jurorin herangegangen?

Nicht so sehr mit Erwartungen, sondern eher mit der Neugier darauf, die Vielfalt und Bandbreite der deutschsprachigen Literatur in den vier zur Verfügung stehenden Monaten mit ungebremster Lesewucht am eigenen Leib zu erfahren. Das Lektüre-Pensum ist selbst für professionelle LeserInnen eine enorme Herausforderung. Ich habe es teilweise wie einen Rausch erlebt, in dem ein Buch das andere gegebenenfalls sogar befruchtet oder neu beleuchtet.

Was sagen Sie zu der erstmals 2008 formulierten und seither immer wieder aufkeimenden Kritik, es handele sich beim Deutschen Buchpreis nicht um einen Literaturpreis, sondern um ein reines Marketinginstrument? Schließen Kunst und Kommerz einander tatsächlich aus?

Auch das Medium Buch selbst wird seit Jahren für tot erklärt und hat bis dato doch allen Anstürmen widerstanden. Kunst sollte sich nicht an den Kommerz verraten, aber ohne Kommerz – was im Falle eines Buches erst einmal heißt, dass es sich verkauft – kann auch die schönste Kunst, die schönste Literatur nur schwerlich überleben.

Die Öffentlichkeit hat teil am Entscheidungsprozess der Jury; Longlist, Shortlist und Preisverleihung werden Jahr für Jahr eifrig diskutiert. Wie haben Sie selbst sich gegen etwaige Kritik gewappnet?

Ich und die anderen Jury-Mitglieder wappnen uns mit Gelassenheit und der Gewissheit, dass wir unsere Arbeit nach bestem Gewissen und auf Grundlage unserer Professionalität verrichten.

Lesen Sie als Buchpreisjurorin anders als in Ihrer Tätigkeit als Literaturkritikerin? Ist Ihr Zugang zu den Büchern ein anderer?

Ich lese insofern anders, als mein inneres Auge sich nicht auch noch um Zitierbarkeit kümmern muss. Keine Unterstreichungen heißt zugleich auch schneller lesen zu können. Ansonsten lese ich mit denselben Fragen wie in meiner Arbeit als Kritikerin: Welcher Stoff ist mit welchen formalen und sprachlichen Mitteln wie verarbeitet? Ist die Verbindung zwischen Inhalt, Form und Sprache überzeugend? Im besten Falle sogar neu? Wie lange fesselt mich das Buch, wie lange hallt es nach? Große Literatur muss nicht laut sein, aber etwas auslösen, das einen begleitet, wenn man das Buch längst wieder zur Seite gelegt hat.

Die Jury hat bereits ein paarmal getagt, zuletzt zur Bestimmung der Longlist. Welche Kriterien legen Sie und Ihre KollegInnen an, um über die Bücher zu sprechen und ihre Preiswürdigkeit zu beurteilen?

Ich glaube, die von mir genannten Kriterien gelten für uns alle. Aber natürlich beantworten wir sie unterschiedlich. Lesen gehört bei den meisten von uns zum Beruf, aber es ist auch immer ein sehr privater, individueller, höchst subjektiver Akt. Meinungsunterschiede liegen also in der Natur der Sache, machen für mich persönlich die Juryarbeit jedoch auch so spannend: Es eröffnet einem andere Blicke auf die eigenen Lesarten.

Haben Sie Entdeckungen gemacht? Sind Sie auf Bücher gestoßen, die Ihnen ohne die Jurytätigkeit womöglich entgangen wären?

Auf alle Fälle habe ich Entdeckungen gemacht und Romane gelesen, die mir ansonsten entgangen wären – und wenn es nur an der Zeit gescheitert wäre, sie zu lesen. Wir mussten lesen – doch in diesem Muss steckt somit großer Zugewinn, nicht nur strikte Pflicht.

Im Gegensatz zu manchen anderen Literaturpreisjurys besteht die des Deutschen Buchpreises nicht nur aus KritikerInnen, die JurorInnen kommen aus verschiedenen Berufsfeldern. Was macht eine solche Jury anders?

Die Buchhändlerin, der Buchhändler lesen mit ebenso viel literarischer Kenntnis wie z.B. die Kritikerin oder der Kritiker. Aber sie werden mit anderer Nuancierung lesen, aufgrund ihres Berufes. Dass mit Markus Hinterhäuser in diesem Jahr gar ein Juror dabei ist, der die Umsetzung von Stoff in Form und Sprache mit den Augen eines Intendanten und Musikers betrachtet, fügt der Mischung dieser Jury nochmals eine ganz eigene Note hinzu.

Rund 170 Bücher müssen gelesen und auf ihre Preiswürdigkeit hin geprüft werden. Glauben Sie, Sie haben nach diesen Monaten erst einmal genug von der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur? Und falls ja, welcher Literatur werden Sie sich stattdessen widmen?

Einerseits freue ich mich, in Bälde wieder einmal in die Gefilde der Weltliteratur abtauchen zu können. Andererseits freue ich mich, zur deutschsprachigen Literatur zurückgekehrt zu sein und sie für mich neu entdeckt zu haben.

Claudia Kramatschek, geboren 1966, studierte Germanistik und Romanistik in Heidelberg und Berlin. 1993-1997 war sie Redakteurin der Zeitschrift KUNST+UNTERRICHT im Friedrich Verlag, Hannover. Seit 1997 lebt sie wieder in Berlin und arbeitet als selbständige Literaturkritikerin, Featureautorin, Kuratorin und Kulturjournalistin für überregionale Medien. Sie schreibt für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (u.a. Deutschlandradio Kultur/Deutschlandfunk, WDR, SWR) sowie für die Neue Zürcher Zeitung und moderiert regelmäßig, u.a. im LCB, in der literaturwerkstatt Berlin sowie auf der Frankfurter und Leipziger Buchmesse. 2011-2013 war sie Jurymitglied beim Internationalen Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt. Seit 2011 ist sie Jurymitglied der Bestenliste Weltempfänger.

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11 Gedanken zu “Im Gespräch mit Claudia Kramatschek

  1. Tolles Interview! Und mir gefiel vor allem diese Aussage: „Auch das Medium Buch selbst wird seit Jahren für tot erklärt und hat bis dato doch allen Anstürmen widerstanden. Kunst sollte sich nicht an den Kommerz verraten, aber ohne Kommerz – was im Falle eines Buches erst einmal heißt, dass es sich verkauft – kann auch die schönste Kunst, die schönste Literatur nur schwerlich überleben.“

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    1. Auch ich mag den Satz. Da spricht eine Pragmatikerin, aber keine Zynikerin und auch keine, die die Literatur ( die Kunst) verklärt. Kunst und Kommerz – zwei Dinge, die sich tatsächlich nicht leicht vereinbaren lassen, das erlebe ich auch immer wieder in meiner Arbeit. Aber das Ziel heißt dennoch: schöne Literatur machen, die ein möglichst breites Publikum findet.

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  2. Sehr schönes Interview! Ich fiebere dem Buchpreis dieses Jahr auch sehr entgegen, weil ich, wie es Frau Kramatschek gesagt hat, hoffe, dadurch die deutschsprachige Literatur „für mich neu zu entdecken“. Bin gerade auch ganz hin und weg von dem Lebenslauf der Jurorin.

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    1. Ja, der Lebenslauf ist spannend, vor allem ihr Engagement für den Weltempfänger. Durch meine Arbeit und durchs Bloggen liegt mein Fokus in den letzten Jahren vor allem auf der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und auf den üblichen Neuerscheinungen aus dem Ausland. Was darüber hinaus geschieht, in Afrika, in Südamerika, in Asien, das bekomme ich nur ganz am Rande mit – da schafft der Weltempfänger Abhilfe.

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  3. Mir hat das Interview auch sehr gut gefallen. Sowohl die Fragen als auch die Antworten sind sehr interessant. Ich stimme ihr zu, was sie über besonders gute Bücher gesagt hat. Allerdings glaube ich, dass ein Jurymitglied und auch die Blogger, die den Buchpreis begleiten werden, ein große Lese-Leistung erbringen. Dafür Hut ab!

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    1. Es hält sich ja hartnäckig der Irrglaube, alle Juroren lesen alle Titel, und damit einhergehend der Vorwurf, das sei doch gar nicht möglich. Nein, natürlich nicht. Nicht jeder liest alles, manchmal liest man nur an, tauscht sich mit den Kollegen aus und bildet sich eine Meinung aufgrund deren Einschätzung. Trotzdem ist es ein ungeheures Pensum, das da innerhalb weniger Monate abgeleistet werden muss, da stimme ich dir zu, und auch ich habe vollen Respekt. Zumal sie alle ja noch ihrem eigentlich Job in der Zeit nachgehen.

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  4. Liebe caterina,

    folgender Satz hat mich heute lange in meiner Mittagspause lächeln lassen: »Große Literatur muss nicht laut sein, aber etwas auslösen, das einen begleitet, wenn man das Buch längst wieder zur Seite gelegt hat.« Genauso muss große Literatur sein. In diesem Sinne ein herzliches Dankeschön an die Fragenstellerin und die Interviewte! Ich bin gespannt auf die Ergebnisse in der kommenden Woche.

    Sei lieb gegrüßt
    Klappentexterin

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    1. Liebe Klappentexterin,
      auch ich finde diesen Satz sehr treffend, ich mag das Unscheinbare und Abseitige, es muss nicht immer der große Tusch à la Houellebecq sein. Vielleicht bietet die Longlist in dieser Hinsicht ja ein paar Überraschungen und Entdeckungen und nicht nur das Erwartbare (wobei auch darunter sicher mancherlei Gutes ist). Noch ein paar Tage und wir wissen mehr!

      Herzlich,
      caterina

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  5. Vielen Dank für das interessante Interview und die vielen verschiedenen Aspekte, die du beleuchtet hast.

    Kramatscheks folgende Aussage ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: „Große Literatur muss nicht laut sein, aber etwas auslösen, das einen begleitet, wenn man das Buch längst wieder zur Seite gelegt hat.“ Sie trifft genau den Nerv der Literatur. Denn auch ich stehe vollkommen hinter dieser Aussage.

    Einfach klasse! Ich bin gespannt auf die Longlist.

    Herzliche Stöbergrüße,

    Steffi

    Gefällt 1 Person

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